Monika Schöngruber: Betriebsrätin in einem Unternehmen ohne Chef

Monika Schöngruber ist Vorsitzende im Zentralbetriebsrat des Sportartikelhändlers Sports Direct und vertritt die Interessen von rund 900 Angestellten.
Foto: Johannes Gress

In den letzten sieben Jahren mussten beim Sportartikelhändler Sports Direct rund zwei Drittel der Beschäftigten gehen, rund die Hälfte der Filialen sperrte zu. Kein einfaches Los für Betriebsratschefin Schöngruber, die die Interessen ihrer KollegInnen nicht selten per Google-Übersetzer kommunizieren muss.

Wenn Monika Schöngruber über ihre Probleme als Betriebsrätin spricht, tut sie das, indem sie ein etwas hochnäsiges Oxford-English imitiert. Dann klagt sie über fragwürdige „Guidelines“ und ineffizientes „Lean-Management“, über nicht-existente „Country-Manager“ und über ein vermeintlich innovatives „Barbecue“, das aber nichts mit einer Grillparty zu tun hat. Als Vorsitzende im Zentralbetriebsrat des Sportartikelhändlers Sports Direct vertritt Schöngruber die Interessen von rund 900 Angestellten. Während sie von Linz aus arbeitet, sitzt die Geschäftsführung in Großbritannien – die Situation in Österreich kennt man dort bestenfalls vom Hörensagen.

Dass Schöngruber keinen einfachen Job hat, verrät schon ein Blick auf die Zahlen: von den einst 50 Sports Direct-Filialen aus dem Jahr 2013 sind aktuell noch rund die Hälfte übrig. Die Zahl der Beschäftigten schrumpfte im selben Zeitraum von 2800 auf rund 900. Als Schöngruber 1994 unweit Linzer Landstraße zu arbeiten begann, hieß das Unternehmen noch Sport Eybl und in der Filiale arbeiteten rund 140 Personen. Nach der Insolvenz wurde der Konzern 2013 nahtlos vom britischen Diskonter Sports Direct übernommen – seither mussten rund 100 von Schöngrubers Linzer KollegInnen gehen. Die Verkaufsfläche blieb dieselbe.

Was zählt, ist die Kosteneffizienz

Nicht nur die Personalsituation war von heute auf morgen eine andere, auch das Verkaufskonzept stellten die Neueigentümer auf den Kopf. Eybl, erzählt Schöngruber beim Gespräch auf der Terrasse der Linzer Filiale, das stand einst für Premiumware und kompetentes Personal mit fachkundiger Beratung – „und dann kommt ein britischer Retailer. Da prallen Welten aufeinander“. Vor der Übernahme konnte das Verkaufspersonal regelmäßig Schulungen besuchen, zum Umgang mit schwierigen Kunden oder mit Reklamationen – Weiterbildungen, die der Neueigentümer für verzichtbar hält. Statt individueller Verkaufsrezepte gibt es unter Sports Direct „eine Guideline und die Guideline gehört umgesetzt – ob du das g’scheit findest oder nicht, ist wurscht“. In der britischen Chefetage zählen nicht Qualität, sondern geringe Kosten.

„Früher, wenn du im Verkauf gearbeitet hast, da warst du wer. Aber was du heute vom Kunden zurückbekommst, ist manchmal oag“.

Monika Schöngruber

Das bekommen auch die KundInnen zu spüren – und somit wiederum das Verkaufspersonal. „Früher“, erinnert sich Schöngruber, „wenn du im Verkauf gearbeitet hast, da warst du wer. Aber was du heute vom Kunden zurückbekommst, ist manchmal oag“. Neben dem niedrigen Gehalt sei es vor allem die fehlende Wertschätzung, die den Beruf zunehmend unattraktiv mache. Bemühten sich vor einigen Jahren noch bis zu 300 BewerberInnen um einen Lehrlingsplatz, seien es heute mit Glück noch zwei.

Foto: Johannes Gress

Ansprechpartnerin Nr. 1

Die Corona-Pandemie trieb das schwierige Verhältnis zwischen Belegschaft und Chefetage dann auf die Spitze. Schöngruber fasst zusammen: „Chaos“. Schon in normalen Zeiten gestaltet sich die Kommunikation zwischen Betriebsrat und Geschäftsführung äußerst komplex. Schöngrubers Ansprechpartnerin sitzt in Großbritannien, spricht nur gebrochen Deutsch, noch weniger Englisch und nicht selten muss der Google-Übersetzer herhalten. Einen „Country-Manger“ für Österreich, jemand der für das österreichische Filialnetz zuständig ist, gibt es nicht. Als es im März plötzlich darum ging, die Kurzarbeit zu organisieren und alternative Konzepte für geringfügig Beschäftigte zu entwickeln, war es am Ende Schöngruber – als Betriebsrätin – die Alles in die Wege leiten musste. Nicht die Geschäftsleitung, sondern die Betriebsratsvorsitzende war nunmehr Ansprechpartnerin Nr. 1.

Am Ende ging die Sache glimpflich aus. Die Linzer Filiale verzeichnet keine einzige Kündigung, auch die Kurzarbeit ist seit 15. Juni passé. Am 2. Mai, dem Tag der Wiedereröffnung nach dem Lockdown, meldeten sich gleich acht KollegInnen bei Schöngruber. Mit Corona sei die Wertschätzung der KollegInnen für die Arbeit des Betriebsrats deutlich gestiegen. Derzeit tourt die 55-Jährige regelmäßig durch Österreich, besucht diverse Sports Direct-Filialen, um auch dort Betriebsräte zu initiieren. Nicht selten sind es die Filial-Leiter, die um Schöngrubers Unterstützung anfragen.

„Wie willst du da Druck aufbauen?“

Längst nicht alle österreichischen Standorte haben eine betriebliche Interessensvertretung. Das liege nicht zuletzt an der Beschäftigungsstruktur, erklärt die Schöngruber. Nicht nur bei Sports Direct, sondern in der gesamten Einzelhandelsbranche arbeiten viele geringfügig oder Teilzeit. Wer nur zehn oder 15 Stunden pro Woche im Betrieb ist, sei auch schwieriger zu motivieren, sich für ihre oder seine Interessen und die der KollegInnen einzusetzen, meint Schöngruber. Auch die Gewerkschaftsdichte in der Branche ist viel zu niedrig, beklagt sie – „wie willst du da Druck aufbauen?“.

Das ist der Grund, warum Schöngruber bereits seit knapp 25 Jahren im Betriebsrat aktiv ist: Wenn sie eines nicht ausstehen kann, dann ist das, wenn KollegInnen über den Tisch gezogen werden. „Das liegt in meiner Persönlichkeit. Wenn irgendwo etwas ungerecht ist – das taugt mir nicht!“. Das gilt auch außerhalb des eigenen Betriebs: Wenn ihr Menschen in der Straßenbahn von ungerechten Arbeitsbedingungen erzählen – „das macht mich manchmal fertig. Dann sage ich: Leute, wieso lasst ihr euch das gefallen?“.

Nicht zuletzt deshalb arbeitet Schöngruber, als Betriebsrätin freigestellt, in der Linzer Filiale und nicht im „Head Office“ in Wels. Einerseits kann sie hier aushelfen, wenn im Laden Not am Mann oder der Frau ist; andererseits, „weil du mitbekommst, wo der Hut wirklich brennt“. Als Betriebsrätin will Schöngruber ihre Infos aus erster Hand, will wissen, was vor Ort Sache ist und nicht nur durchs Hörensagen informiert werden. Wenn schon die Geschäftsführung auf einer Insel im Atlantik sitzt, soll wenigstens die Kommunikation mit der eigenen Belegschaft passen.

Zur Person:

Monika Schöngruber, 55, arbeitet seit 1994 bei Sport Eybl (seit 2013: Sports Direct) und sitzt seit 1996 im Betriebsrat. 2017 wurde sie zur Vorsitzenden des Zentralbetriebsrats gewählt. Zuvor arbeitete sie mehrere Jahre beim Verpackungshersteller Huber Packaging und kurzzeitig in einem Apple Store. Schöngruber ist Mutter von drei Kindern und lebt im oberösterreichischen Pucking (Bezirk Linz-Land).

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