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	<title>Gewerkschaftsgeschichte &#8211; KOMPETENZ-online</title>
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	<title>Gewerkschaftsgeschichte &#8211; KOMPETENZ-online</title>
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		<title>Friedrich Hillegeist: Pionier der Sozialversicherung</title>
		<link>https://kompetenz-online.at/2025/09/25/friedrich-hillegeist-pionier-der-sozialversicherung/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Wolfgang Greif]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 25 Sep 2025 13:32:59 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Ausgabe 2025/05]]></category>
		<category><![CDATA[Sozialstaat]]></category>
		<category><![CDATA[ASVG]]></category>
		<category><![CDATA[Friedrich Hillegeist]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Gewerkschaftsgeschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Sozialversicherung]]></category>
		<category><![CDATA[Wolfgang Greif]]></category>
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					<description><![CDATA[Friedrich Hillegeist war nicht nur der führende Kopf beim Aufbau einer einheitlichen, über alle Sektoren der Wirtschaft reichenden gewerkschaftlichen Angestelltenorganisation im ÖGB, sondern als Visionär einer einheitlichen Sozialversicherung, deren Fundament vor 70 Jahren durch das Allgemeine Sozialversicherungsgesetz (ASVG) geschaffen wurde. Von 1945 bis 1963 war Friedrich Hillegeist Vorsitzender der „Gewerkschaft der Angestellten in der Privatwirtschaft“ [&#8230;]]]></description>
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<p><strong>Friedrich Hillegeist war nicht nur der führende Kopf beim Aufbau einer einheitlichen, über alle Sektoren der Wirtschaft reichenden gewerkschaftlichen Angestelltenorganisation im ÖGB, sondern als Visionär einer einheitlichen Sozialversicherung, deren Fundament vor 70 Jahren durch das Allgemeine Sozialversicherungsgesetz (ASVG) geschaffen wurde.</strong></p>



<span id="more-22275"></span>



<p>Von 1945 bis 1963 war Friedrich Hillegeist Vorsitzender der „Gewerkschaft der Angestellten in der Privatwirtschaft“ – so der ursprüngliche Name der späteren GPA. Politisch und gewerkschaftlich war er bereits in der Ersten Republik aktiv, zuerst als Betriebsratsobmann der Siemens-Schukert-Werke, dann als Sekretär im Verband der Industrieangestellten. Nach den Februarkämpfen 1934 betätigte er sich führend im Rahmen der Illegalen Freien Gewerkschaften Österreichs und engagierte sich bereits für die Interessen der Angestellten.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Verhaftung durch die Nazis</h4>



<p>Sein prononciertes Auftreten gegen den Faschismus sollte er teuer bezahlen. Hillegeist wurde unmittelbar nach dem Einmarsch der deutschen Truppen verhaftet. Einer ersten Gestapo-Haft folgten weitere Verfolgungen und Gefangenschaft, davon acht Monate im KZ Buchenwald. In den letzten Kriegsjahren arbeitete er in Nordmähren, nicht ohne auch hier im Rahmen seiner Möglichkeiten im Widerstand tätig zu sein. Als Mitarbeiter der Firma Mährisch-Trübau des Unternehmers Oskar Schindler beteiligte er sich an der Rettung jüdischer Zwangsarbeiter:innen.</p>



<p>Unmittelbar nach seiner Rückkehr nach Wien übernahm Friedrich Hillegeist die Funktion des Vorsitzenden der Angestelltengewerkschaft, die er 17 Jahre innehaben sollte. Im Widerspruch zu den Arbeitergewerkschaften lehnte er das Industriegruppenprinzip ab, wonach Arbeiter und Angestellte eines Wirtschaftsbereichs der gleichen Gewerkschaft angehören sollten. Alle Vorstöße, die einheitliche Organisation der Angestellten im ÖGB und gesonderte Kollektivverträge zu unterlaufen und ein Aufgehen der Angestellten in anderen Gewerkschaften voranzutreiben, stießen auf seine heftige Kritik.</p>



<p>Er war der festen Überzeugung, dass die Angestellten für die Gewerkschaften in großer Zahl nur in einer eigenständigen Organisation unter Respektierung bestehender Sonderstellungen zu gewinnen seien. In diesem Sinn appellierte er stets, das Szenario eines möglichen Ausscherens in eine Angestelltengewerkschaft außerhalb des ÖGB zu verhindern. Das sicherte in Österreich auch das Monopol eines einheitlichen Gewerkschaftsbundes mit einer im Angestelltenbereich nachhaltig weit höheren Mitgliedschaft als in den meisten europäischen Ländern. Die Entwicklung der GPA zur mitgliederstärksten ÖGB-Gewerkschaft sollte ihm Recht geben.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Wegweisender Sozialpolitiker</h4>



<p>Zurück in Wien drängte Friedrich Hillegeist umgehend auch wieder nach politischer Verantwortung. Er wurde Abgeordneter zum Nationalrat, dem er bis 1962 angehören sollte, zwei Jahre als dessen Zweiter Präsident. Als Präsident des Hauptverbandes der Sozialversicherungsträger war er in den 50er Jahren treibende politische Kraft auf dem Weg zu einem gemeinsamen Sozialrecht aller Beschäftigten, nicht nur in der Kranken- und Unfallversicherung, sondern auch hinsichtlich einer völligen Neuordnung der gesetzlichen Alterssicherung.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Wegbereiter des ASVG</h4>



<p>Unbestreitbar kann man ihn als Wegbereiter des vor 70 Jahren geschaffenen Allgemeinen Sozialversicherungsgesetzes (ASVG) bezeichnen, das in vielen Eckpunkten bis heute gilt. Ihm ging es v.a. darum, eine zukunftsorientierte Rentenreform voranzutreiben, die unter Beibehaltung bestehender Ansprüche sicherstellt, dass alle Beschäftigte „nach langjähriger Berufstätigkeit einen Lebensabend ohne Sorgen, Elend und Not verbringen können.“Leitgedanke war es, in der Alterssicherung den Lebensstandard abzusichern.</p>



<p>Dabei trat er vehement für ein auf dem Versicherungsprinzip basierendes Pensionsrecht ein, indem die Leistungen in einem direkten Verhältnis zu den aus dem Erwerbseinkommen abgeleiteten Beiträgen stehen sollten. Darüber hinaus sollten die Leistungen an jene der Beamt:innen angeglichen werden, deren Bezüge mehr als ein Drittel über dem Rentenan-sprüchen von Arbeiter:innen und Angestellten lagen und ein Ausgleichsrichtsatz eingeführt werden, um auch Mindestrenten armutssichernd auszugestalten.</p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img decoding="async" width="1024" height="926" src="https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2025/09/1958-11-05-bis-08-GPA-Gew.tag04-001-Hillegeist-Kammler-2029-1024x926.jpg" alt="" class="wp-image-22281" srcset="https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2025/09/1958-11-05-bis-08-GPA-Gew.tag04-001-Hillegeist-Kammler-2029-1024x926.jpg 1024w, https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2025/09/1958-11-05-bis-08-GPA-Gew.tag04-001-Hillegeist-Kammler-2029-300x271.jpg 300w, https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2025/09/1958-11-05-bis-08-GPA-Gew.tag04-001-Hillegeist-Kammler-2029-150x136.jpg 150w, https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2025/09/1958-11-05-bis-08-GPA-Gew.tag04-001-Hillegeist-Kammler-2029-768x695.jpg 768w, https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2025/09/1958-11-05-bis-08-GPA-Gew.tag04-001-Hillegeist-Kammler-2029-1536x1390.jpg 1536w, https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2025/09/1958-11-05-bis-08-GPA-Gew.tag04-001-Hillegeist-Kammler-2029-2048x1853.jpg 2048w" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="wp-element-caption"><strong>Friedrich Hillegeist (mitte) beim Gewerkschaftstag der GPA im November 1958</strong><br>© Kammler/ÖGB-Archiv</figcaption></figure>



<p>Der &#8222;Hillegeist-Plan&#8220; Hillegeist hat das nach langen und intensiven politischen Debatten im Jahr 1955 beschlossene ASVG stets als das „hervorragendste sozialpolitische Gesetzeswerk“ bezeichnet, „das in Österreich nach 1945 geschaffen wurde.“ Allen Widerständen gegen seinen „Hillegeist-Plan“ zum Trotz verstand er es mit beharrlicher Konsequenz eine einheitliche, alle Beschäftigten integrierende Politik der sozialen Sicherung voranzutreiben.</p>



<p>Unbestreitbar kann man ihn als Wegbereiter des Stammgesetzes der Sozialversicherung bezeichnen, das im Laufe der Jahrzehnte zahlreiche Novellierungen erlebte, in vielen Eckpunkten jedoch bis heute gilt. Es ist keineswegs übertrieben, wenn man festhält, dass Friedrich Hillegeist damit als Sozialpartner der Ersten Stunde entscheidend zur sozialen Stabilisierung Nachkriegsösterreichs beigetragen hat.</p>



<p>Dieser Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch: <strong><a href="https://www.mandelbaum.at/buch.php?id=1285&amp;action=autorin&amp;menu=" aria-label="Persönlichkeiten der SPÖ zu Beginn der Zweiten Republik">Persönlichkeiten der SPÖ zu Beginn der Zweiten Republik</a></strong>, das im Mandelbaumverlag erschienen ist. </p>
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			</item>
		<item>
		<title>„Ich habe gekämpft und kämpfe weiter für Chancengleichheit“</title>
		<link>https://kompetenz-online.at/2025/06/30/ich-habe-gekaempft-und-kaempfe-weiter-fuer-chancengleichheit/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Christof Mackinger]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 30 Jun 2025 14:23:16 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Interview]]></category>
		<category><![CDATA[80 Jahre ÖGB]]></category>
		<category><![CDATA[Christof Mackinger]]></category>
		<category><![CDATA[Eleonora Hostasch]]></category>
		<category><![CDATA[Frauen]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Gewerkschaftsgeschichte]]></category>
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					<description><![CDATA[Bevor sie Sozialministerin wurde war Eleonora Hostasch die erste weibliche Vorsitzende der GPA. Anlässlich des 80-Jährigen Jubiläums des ÖGB haben wir mit ihr zurückgeblickt. KOMPETENZ: Nach deiner Matura hast du in der BAWAG, der Bank für Arbeit und Wirtschaft, zu arbeiten begonnen. Wie bist du eigentlich zur gewerkschaftlichen Arbeit gekommen? ELEONORA HOSTASCH: In der BAWAG [&#8230;]]]></description>
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<figure class="wp-block-image size-large"><img decoding="async" width="1024" height="683" src="https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2025/06/Lore-Hostasch_1057-1024x683.jpg" alt="" class="wp-image-22031" srcset="https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2025/06/Lore-Hostasch_1057-1024x683.jpg 1024w, https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2025/06/Lore-Hostasch_1057-300x200.jpg 300w, https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2025/06/Lore-Hostasch_1057-150x100.jpg 150w, https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2025/06/Lore-Hostasch_1057-768x512.jpg 768w, https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2025/06/Lore-Hostasch_1057-1536x1024.jpg 1536w, https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2025/06/Lore-Hostasch_1057-2048x1365.jpg 2048w, https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2025/06/Lore-Hostasch_1057-600x400.jpg 600w, https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2025/06/Lore-Hostasch_1057-720x480.jpg 720w, https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2025/06/Lore-Hostasch_1057-272x182.jpg 272w" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="wp-element-caption"><strong>Die ehemalige Vorsitzende der GPA und Sozialministerin Eleonora Hostasch im Interview. </strong><br>Foto: Nurith Wagner-Strauss</figcaption></figure>



<p><strong>Bevor sie Sozialministerin wurde war Eleonora Hostasch die erste weibliche Vorsitzende der GPA. Anlässlich des 80-Jährigen Jubiläums des ÖGB haben wir mit ihr zurückgeblickt.</strong></p>



<span id="more-22029"></span>



<p><strong>KOMPETENZ: </strong>Nach deiner Matura hast du in der BAWAG, der Bank für Arbeit und Wirtschaft, zu arbeiten begonnen. Wie bist du eigentlich zur gewerkschaftlichen Arbeit gekommen?</p>



<p><strong>ELEONORA HOSTASCH:</strong> In der BAWAG begann ich in der Fachabteilung Ausland, etwas später wurde ich Mitglied des Betriebsrates. Gewerkschaftsmitglied war ich vom ersten Tag an. Durch die Betriebsratstätigkeit entstanden enge Kontakte zur GPA und die habe erste Funktionen übernommen. Ich wurde Vorsitzende der Fachgruppe Banken und stellvertretende Vorsitzende der Sektion Geld und Kredit, ein ziemlich großer Wirtschaftsbereich.</p>



<p><strong>KOMPETENZ: </strong> Du hast dich ja schon damals für die Belange der Kolleginnen engagiert und bist bald auf Ungerechtigkeiten gestoßen.</p>



<p><strong>HOSTASCH:</strong> Die damalige Leiterin der GPA-Frauenabteilung Helga Stubianek, welche auch maßgeblich dazu beigetragen hat, dass ich Vorsitzende der GPA-Frauen wurde, hat mich auf die großen Einkommensunterschiede zwischen Männern und Frauen aufmerksam gemacht. Wir haben uns dann die Kollektivverträge auch im Kreditsektor angeschaut und festgestellt, dass zum Beispiel Kinder- und Familienzulagen grundsätzlich nur an Männer ausbezahlt wurden. Erst nach langwierigen Kollektivvertrags-Verhandlungen und mit Inanspruchnahme der Gleichbehandlungskomission konnten diese offenen Diskriminierungen beseitigt werden. Auch die Diskriminierung beim sogenannten Definitivum bei den Sparkassen und Versicherungen konnte gestrichen werden. </p>



<p>Absurd, wenn man so zurück denkt, dass das erst verhandelt werden musste.</p>



<p><strong>KOMPETENZ: </strong> Im Jahr 1989 wurdest du in der Nachfolge von Alfred Dallinger zur GPA-Vorsitzenden gewählt. Welche Themen haben dich bei der Gewerkschaft damals beschäftigt?</p>



<p><strong>HOSTASCH:</strong> Ein dominantes Thema war die Frage, ob Österreich Mitglied der Europäischen Union werden soll. Ich war fasziniert von europäischer und auch internationaler Gewerkschaftsarbeit und hatte einen grundsätzlich positiven Zugang zum Beitritt. Trotzdem musste abgewogen werden, alle Pro und Contras hinsichtlich der Auswirkungen auf die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Österreich hat sich letztlich mit einem überzeugenden Votum für den Beitritt ausgesprochen.</p>



<p>Abgesehen von wirtschaftlichen und sozialen Konsequenzen ist die Europäische Union für mich ein Friedenskonzept.</p>



<p><strong>KOMPETENZ: </strong> Du warst auch Abgeordnete des Nationalrats für die SPÖ und Präsidentin der Arbeiterkammer. Wie war damals die gesellschaftliche Gesprächsbasis für die Anliegen von Frauen?</p>



<p><strong>HOSTASCH:</strong> Das kann vielleicht ein Beispiel aus meinem privaten Umfeld am besten verdeutlichen: Meine Mutti war Alleinerzieherin. Sie wollte einen kleinen Schrebergarten auf der Schmelz kaufen. Sie war in Beschäftigung bei der Gemeinde Wien, hatte ein gutes, regelmäßiges Einkommen. Der Kleingarten-Verein sagte ihr, sie bräuchte die Unterschrift eines Mannes, eines Bürgen. Dann musste tatsächlich ihr Bruder mitunterschreiben, obwohl der kein so gesichertes Einkommen hatte wie meine Mutter. Obwohl ihr Bruder Selbstständiger war, galt er als glaubwürdiger als meine Mutter. Unvorstellbar! </p>



<p>Dank Johanna Dohnal und anderen ist damals wirklich sehr viel geschehen. Und die Gewerkschaften haben da stark mitgeholfen. Nur, locker war es nicht.</p>



<p><strong>KOMPETENZ: </strong> Ab 1997 warst du Teil der Regierung als Bundesministerin für Arbeit, Gesundheit und Soziales. Welche Themen haben damals deine Arbeit geprägt?</p>



<p><strong>HOSTASCH:</strong> Für mich und alle meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter war es eine herausfordernde Zeit. Der Kampf gegen Arbeitslosigkeit, besonders bei den Jugendlichen, aber auch der Kampf für unser Sozialversicherungssystem. Für mich ist es eine tragende Säule unserer Demokratie und ein Bindeglied für alle Gruppen in unserer Gesellschaft. Durch den Regierungswechsel hin zu ÖVP und FPÖ wurde dieses System nachhaltig beschädigt. An den Konsequenzen leiden wir noch heute.</p>



<p><strong>KOMPETENZ: </strong> Was noch ist dir aus deiner Zeit in der Bundesregierung im Gedächtnis geblieben?</p>



<p><strong>HOSTASCH:</strong> Im Jahr 1998 hatte ich als Bundesministerin für Arbeit, Gesundheit und Soziales die erste Präsidentschaft Österreichs in der Europäischen Union mitzugestalten. Neues EU-Mitglied und gleich in der Präsidentschaft, welche Herausforderung! Mich beeindruckte mit welcher Wertschätzung die anderen Mitgliedsländer und auch die europäische Kommission einem vergleichsweise kleinem Land wie Österreich begegneten und uns unterstützten.</p>



<p><strong>KOMPETENZ: </strong> Schließen wir mit einem Blick in die Zukunft. Was magst du, als erfahrene Gewerkschafterin und Sozialpolitikerin unseren Leser:innen mitgeben?</p>



<p><strong>HOSTASCH:</strong> Einer der ganz großen Unterschiede meiner Zeit und jetzt ist, dass heute mit anderen Kommunikationsmethoden und Medien gearbeitet wird. Das prägt schon sehr das gesellschaftliche Profil. Wir müssen noch lernen damit umzugehen. Es bleibt wichtig auf Augenhöhe einander zu begegnen, aufeinander Rücksicht nehmen, Toleranz zeigen und die Sprache nicht zu verrohen.</p>



<p>Die Leistungen der Erwerbstätigen müssen gleichwertig anerkannt werden. Sie müssen an den erwirtschafteten Produkten, am Wirtschaftserfolg gleichermaßen beteiligt werden. Die Verteilungsfrage ist eine zentrale Frage in unserer Gesellschaft.</p>



<p>Wir müssen zusammen versuchen eine prosperierende Wirtschaft am Laufen zu halten, wettbewerbsfähig bleiben. Da müssen die Arbeitgeber:innen auch auf die Arbeitnehmer:innen zugehen. Wir brauchen das gemeinsame Ziel vor Augen: Die Wirtschaft voranbringen, gemeinsam ein Sozialprodukt erwirtschaften, das wir dann gerecht verteilen können.</p>



<p>Eine letzte feministische Bemerkung: Ich bin glücklich und stolz mit Barbara Teiber eine weibliche Vorsitzende unterstützen zu können, mit Renate Anderl eine starke weibliche Interessensvertreterin in der Sozialpartnerschaft zu haben und mit Korinna Schumann eine empathische, durchsetzungsstarke Kämpferin um soziale Gerechtigkeit in unserem Sozialministerium zu wissen. Mir ist aus eigener Erfahrung bewusst, wie groß die Herausforderungen in diesen Funktionen sind.</p>



<p>Nichts kommt von selbst, seien wir stolz auf unsere Erfolge. Wir kämpfen weiter</p>
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			</item>
		<item>
		<title>„Starke Gewerkschaften sind das Um und Auf“</title>
		<link>https://kompetenz-online.at/2024/05/23/wenninger/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Alexia Weiss]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 23 May 2024 11:59:53 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Ausgabe 2024/02]]></category>
		<category><![CDATA[Interview]]></category>
		<category><![CDATA[Kollektivvertrag]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Gewerkschaftsgeschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Kollektivvertragsverhandlung]]></category>
		<category><![CDATA[Streik]]></category>
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					<description><![CDATA[Streiks sind in Österreich eher die Ausnahme – Arbeitskämpfe werden traditionell am Verhandlungstisch ausgefochten. Doch die Stimmung wurde zuletzt rauer, meint Zeithistoriker Florian Wenninger im Interview. ]]></description>
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<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="683" src="https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2024/05/Florian-Wenninger_0382-1024x683.jpg" alt="" class="wp-image-20920" srcset="https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2024/05/Florian-Wenninger_0382-1024x683.jpg 1024w, https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2024/05/Florian-Wenninger_0382-300x200.jpg 300w, https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2024/05/Florian-Wenninger_0382-150x100.jpg 150w, https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2024/05/Florian-Wenninger_0382-768x512.jpg 768w, https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2024/05/Florian-Wenninger_0382-1536x1024.jpg 1536w, https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2024/05/Florian-Wenninger_0382-2048x1365.jpg 2048w, https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2024/05/Florian-Wenninger_0382-600x400.jpg 600w, https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2024/05/Florian-Wenninger_0382-720x480.jpg 720w, https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2024/05/Florian-Wenninger_0382-272x182.jpg 272w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="wp-element-caption"><strong>Florian Wenninger ist Zeithistoriker. Er leitet das Institut für Historische Sozialforschung (IHSF). </strong><br>Foto: Nurith Wagner-Strauss</figcaption></figure>



<p><strong>Streiks sind in Österreich eher die Ausnahme – Arbeitskämpfe werden traditionell am Verhandlungstisch ausgefochten. Doch die Stimmung wurde zuletzt rauer, meint Zeithistoriker Florian Wenninger im Interview. </strong></p>



<span id="more-20907"></span>



<p><strong>KOMPETENZ:</strong> Warum wurde in den vergangenen Jahrzehnten in Österreich nicht so oft gestreikt?</p>



<p><strong>Florian Wenninger: </strong>Die österreichische Streitkultur ist seit 1945 stark geprägt durch den Versuch, Arbeits- und Lohnkonflikte sozialpartnerschaftlich zu lösen, den Klassenkampf also an den grünen Tisch zu verlagern, wie Bruno Kreisky das einmal genannt hat. In der Praxis heißt das, dass sich Arbeitgeber:innen und Gewerkschaften bemühen, Streiks nach Möglichkeit zu vermeiden. Gleichzeitig entfällt in Österreich von vornherein ein Streikgrund, der etwa in Frankreich oder in Italien eine wichtige Rolle spielt: Dort wird gestreikt, um die Arbeitgeber:innen überhaupt dazu zu bringen, in die Verhandlungen einzutreten. In Österreich ist das hinfällig, weil die Arbeitgeber:innen genau wissen, dass die Gewerkschaft stark ist und man nicht einfach sagen kann, „mit denen rede ich nicht“. Und schließlich ist hierzulande die Streikaktivität auch relativ gering, weil wir so einen hohen Kollektivvertragsdeckungsgrad haben.</p>



<p><strong>KOMPETENZ:</strong> Wann und in welcher Branche kam es in Österreich zu den ersten Streiks?</p>



<p><strong>Florian Wenninger: </strong>Streiks sind eine Konfliktform, die mit der industriellen Revolution verknüpft ist. Vorher wurden Arbeitskämpfe anders ausgetragen, beispielsweise durch öffentliche Beschämung des Arbeitgebers. Bekannt sind Streiks bereits von der Mitte des 19. Jahrhunderts, damals in der Textilindustrie, aber beispielsweise auch unter den Wiener Erdarbeiterinnen. Sie legten ihre Arbeit auf den Großbaustellen der Stadt nieder und forderten mehr Lohn. Da es sich hier mehrheitlich um Frauen handelte, solidarisierten sich die männlichen Arbeiter auf anderen Wiener Baustellen übrigens nicht mit ihnen. Dabei hätten auch sie ein Interesse an einem höheren Lohnniveau haben müssen. Eine lange Streiktradition gibt es in Österreich vor allem bei der Bahn und in der Metallindustrie. Das hat mit dem hohen Organisationsgrad, aber auch der Tatsache zu tun, dass diese Arbeitskräfte nicht leicht ersetzbar sind.</p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="341" src="https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2024/05/Florian-Wenninger-1024x341.png" alt="" class="wp-image-20925" srcset="https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2024/05/Florian-Wenninger-1024x341.png 1024w, https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2024/05/Florian-Wenninger-300x100.png 300w, https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2024/05/Florian-Wenninger-150x50.png 150w, https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2024/05/Florian-Wenninger-768x256.png 768w, https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2024/05/Florian-Wenninger-1536x512.png 1536w, https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2024/05/Florian-Wenninger-2048x682.png 2048w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="wp-element-caption"><strong>&#8222;Traditionell wird in gut organisierten Branchen gestreikt, mit Beschäftigten, die schwer zu ersetzen sind&#8220;, sagt Historiker Florian Wenninger. </strong><br>Fotos: Nurith Wagner-Strauss</figcaption></figure>



<p><strong>KOMPETENZ:</strong> Warum gibt es in Österreich kein Streikrecht?</p>



<p><strong>Florian Wenninger: </strong>Weil die Gewerkschaften in erster Linie stark dahinter waren, dass es Materien gibt, die nicht gesetzlich, sondern durch das reale Machtverhältnis der Arbeitgeber:innen und Arbeitnehmer:innen zueinander gelöst werden. Das kann man schön am deutschen Beispiel sehen: Wenn es ein Streikrecht gibt, obliegt es staatlichen Gerichten zu entscheiden, ob dieses Recht gerade zu Recht oder zu Unrecht in Anspruch genommen wird. Kein Streikrecht zu haben, vergrößert also den Spielraum der Gewerkschaften.</p>



<p><strong>KOMPETENZ:</strong> Machen sich Arbeitnehmer:innen strafbar, wenn sie ohne Streikrecht die Arbeit niederlegen?</p>



<p><strong>Florian Wenninger: </strong>Nein. Es sind dann auch keine Strafen zu zahlen. Es war daher auch ein Novum, dass manche Arbeitgeber:innen auf die Metallerstreiks im vergangenen Jahr mit finanziellen Einschüchterungsversuchen reagiert haben. Da erhielten Arbeitnehmer:innen Schreiben, in denen sie informiert wurden, dass sie persönlich haftbar seien. Dem ist rechtlich nicht so. Aber wenn einem ein Brief ins Haus flattert, in dem ein Anwalt 400.000 Euro fordert, kann einem schon flau werden. Und damit kalkulierten die Arbeitgeber:innen, sie verbreiteten gezielt Angst und Unruhe. International gehört das zu den Maßnahmen, die auf Streikbekämpfung spezialisierte Beratungsunternehmen bestreikten Unternehmen empfehlen. Es geht dann letztlich darum, die Streikenden zu spalten.</p>



<p><strong>KOMPETENZ:</strong> In Österreich war das aber eine bisher ungewohnte Reaktion.</p>



<p><strong>Florian Wenninger: </strong>Es war vor allem die Aggressivität, mit denen die Arbeitgeber:innen in diese Kollektivvertragsverhandlungen gegangen sind, etwas Ungewohntes. Das Eröffnungsangebot bei den Metallern war eine bewusste Provokation. Letztendlich ist davon nicht viel übrig geblieben. Der Verlauf der Herbstlohnrunde ist aber ein Indikator dafür, dass wir uns auch in Österreich künftig auf konfrontativere Lohnverhandlungen einstellen müssen.</p>



<p><strong>KOMPETENZ:</strong> Ist es überhaupt so, dass ein Streik einem Betrieb immer schadet?</p>



<p><strong>Florian Wenninger: </strong>Vorderhand schon: der Zweck eines Streiks ist es, wirtschaftlichen Druck aufzubauen. Dem Gegenüber wird zu verstehen gegeben: wenn ihr uns nicht entgegen kommt, wird das für euch eventuell teurer als nachzugeben. Man kann sich natürlich aber auch fragen, ob es einem Unternehmen nützt, wenn die Belegschaft sich schlecht behandelt fühlt. Erhöhtes Engagement ist dann zumindest eher nicht zu erwarten.</p>



<p><strong>KOMPETENZ:</strong> Warum wird in manchen Branchen eher gestreikt?</p>



<p><strong>Florian Wenninger: </strong>Traditionell wird in gut organisierten Branchen gestreikt, mit Beschäftigten, die schwer zu ersetzen sind. Wenn ich weiß, meine Gewerkschaft ist stark und die können mich hier nicht einfach rausschmeißen, dann hab ich ein anderes Selbstbewusstsein als jemand, der auf sich gestellt ist und Angst um seinen Job hat. In Branchen wie dem Handel oder der Gastronomie ist die Fluktuation der Arbeitnehmer:innen hoch. Für viele geht es eher darum, in eine bessere Branche zu wechseln, als für die Verbesserung ihrer jetzigen Situation zu kämpfen.</p>



<p><strong>KOMPETENZ:</strong> Wovon hängt es ab, ob ein Streik gelingt?</p>



<p><strong>Florian Wenninger: </strong>Streiks werden immer im Kopf gewonnen. Gelingt es, Streikenden Angst zu machen, sie auseinanderzudividieren, gewinnen die Arbeitgeber:innen. Schaffen es die Gewerkschaften, das Gefühl zu vermitteln, „wir sind viele, wir halten zusammen und wir schaffen das!“, gewinnen die Arbeitnehmer:innen. Starke Gewerkschaften sind daher das Um und Auf.</p>



<p class="blauebox"><strong>ZUR PERSON:</strong><br>Florian Wenninger, geb. 1978 in Salzburg, ist Zeithistoriker. Er leitet das Institut für Historische Sozialforschung (IHSF), einer Einrichtung von ÖGB und AK, und lehrt und forscht am Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Mut zum Träumen, Kraft zum Kämpfen!</title>
		<link>https://kompetenz-online.at/2024/01/23/mut-zum-traeumen-kraft-zum-kaempfen/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Martin Panholzer]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 23 Jan 2024 10:37:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Sozialstaat]]></category>
		<category><![CDATA[35-Stunden-Woche]]></category>
		<category><![CDATA[Alfred Dallinger]]></category>
		<category><![CDATA[Arbeitszeitverkürzung]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Gewerkschaftsgeschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Lohnnebenkosten]]></category>
		<category><![CDATA[Martin Panholzer]]></category>
		<category><![CDATA[Wertschöpfungsabgabe]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://kompetenz-online.at/?p=20409</guid>

					<description><![CDATA[Am 23. Februar 2024 jährt sich der Todestag des ehemaligen Sozialministers und GPA-Vorsitzenden Alfred Dallinger zum 35. Mal. Er kam im Jahr 1989 gemeinsam mit dem GPA-Zentralsekretär Richard Wonka auf tragische Weise bei einem Flugzeugabsturz ums Leben.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="719" src="https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2024/01/Dallinger-Alfred-Werbekarte_bearbeitet-1024x719.png" alt="" class="wp-image-20411" srcset="https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2024/01/Dallinger-Alfred-Werbekarte_bearbeitet-1024x719.png 1024w, https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2024/01/Dallinger-Alfred-Werbekarte_bearbeitet-300x211.png 300w, https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2024/01/Dallinger-Alfred-Werbekarte_bearbeitet-150x105.png 150w, https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2024/01/Dallinger-Alfred-Werbekarte_bearbeitet-768x539.png 768w, https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2024/01/Dallinger-Alfred-Werbekarte_bearbeitet-1536x1078.png 1536w, https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2024/01/Dallinger-Alfred-Werbekarte_bearbeitet-2048x1437.png 2048w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /></figure>



<p><strong>Am 23. Februar 2024 jährt sich der Todestag des ehemaligen Sozialministers und GPA-Vorsitzenden Alfred Dallinger zum 35. Mal. Er kam im Jahr 1989 gemeinsam mit dem GPA-Zentralsekretär Richard Wonka auf tragische Weise bei einem Flugzeugabsturz ums Leben.</strong></p>



<span id="more-20409"></span>



<p>Der Name Alfred Dallinger ist mit der Geschichte der Gewerkschaft GPA untrennbar verbunden. Nicht zuletzt auch durch die Benennung des Alfred-Dallinger-Platzes, als „die“ Adresse der GPA im dritten Wiener Gemeindebezirk, wird dem Rechnung getragen. Das Gedenken an ihn ist aber nicht nur symbolischer Natur. Seine, oft als visionär geltenden Ideen, wirken bis heute nach.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Dallinger prägte die Ära Kreisky mit</h4>



<p>Dallinger galt in der Gewerkschaft GPA als harter und konsequenter Verhandler und das führte zu einer steilen politischen Karriere.&nbsp; 1966 wurde er zum Zentralsekretär und stellvertretenden Geschäftsführer und 1974 als Nachfolger von Rudolf Häuser zum Vorsitzenden der GPA gewählt. Seit 1974 war Alfred Dallinger auch Abgeordneter zum Nationalrat, ab 1975 Vizepräsident des ÖGB. Von 1968 bis 1980 war Dallinger Obmann der Pensionsversicherung der Angestellten. Im Jahr 1980 wurde er zum Bundesminister für Soziale Verwaltung ernannt.</p>



<p>Er führte seine Gewerkschaft GPA auf einen linken, progressiven, umverteilungsorientierten Kurs, war aber durch seine Tätigkeit in der Sozialversicherung und Bundespolitik immer auch bedacht, konkrete Verbesserungen für die arbeitenden Menschen „auf den Boden“ zu bringen.</p>



<blockquote class="wp-block-quote has-text-align-center is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>„Wer keinen Mut zum Träumen hat, hat auch nicht die Kraft zu kämpfen.“</p>
<cite>Alfred Dallinger</cite></blockquote>



<h4 class="wp-block-heading">Sein Programm wirkt bis heute nach</h4>



<p>Seine politischen Ideen werden heute oft als visionär bezeichnet. Sie sind durchwegs nicht für die eine politische Traditionspflege gedacht, viele seiner Ansätze sind heute höchst aktuell. Da wäre zum Beispiel einmal das Thema Arbeitszeitverkürzung.&nbsp; Mache werden sich vielleicht noch an die Kampagne „35 Stunden sind genug“ mit der gelben Sonne im Sujet erinnern. Der derzeitige ÖGB-Vorsitzende Wolfgang Katzian, der oft beteuert, dass er politisch stark von Dallinger geprägt wurde, durfte damals als Jugendgewerkschafter eine Kampagne entwickeln.&nbsp; Heute ist das Thema Arbeitszeitverkürzung wieder in aller Munde und wird von der SPÖ unter Andreas Babler forciert. Auf der gesetzlichen Ebene ist es nach 50 Jahren Stillstand höchste Zeit, dass die Arbeitnehmer:innen an der rasant gestiegenen Produktivität auch durch eine Verkürzung der Arbeitszeit in Form von mehr Lebensqualität profitieren. Auf der betrieblichen und kollektivvertraglichen Ebene ist das Thema längst angekommen.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Faktor Arbeit entlasten</h4>



<p>Auch die Frage nach der Belastung des Faktors Arbeit für die Finanzierung u.a. des Sozialstaates war schon zu Dallingers Zeiten ein großes Thema. Während die Arbeitgeber:innen nach einer Senkung der Lohnnebenkosten schreien, ohne dazu zu sagen, welche Leistungen dafür eingeschränkt werden sollen, war Dallingers Ansatz, die Bemessungsgrundlage für Abgaben auf weitere Teile der betrieblichen Wertschöpfung auszudehnen. Er prägte den Begriff der Wertschöpfungsabgabe. Viele verunglimpften den Begriff als „Maschinensteuer“, die den Fortschritt bremsen würde. Es war die GPA unter ihrem Vorsitzeden Hans Sallmutter, die den Ansatz der Wertschöpfungsabgabe zur Abgabe auf betriebliche Aufwendungen erweiterte. Es handelte sich um eine Variante einer etappenweisen Einführung einer Abgabe auf alle Betriebsausgeben, also Abschreibungen, sonstiger Betriebsaufwand (Mieten, Leasing, etc.) und die Aufwandszinsen.&nbsp; Die GPA trat dafür ein, vorerst mit der Umstellung bei den Dienstgeberabgaben zum Familienlastenausgleichsfonds zu beginnen und in einem späteren Schritt etwa auf die Sozialversicherungsbeiträge zu erweitern. Obwohl das Modell sehr detailliert ausgearbeitet war, fand die Politik nicht den Mut, mit einer derartigen Umstellung zu beginnen.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Experimentelle Arbeitsmarktpolitik</h4>



<p>Eines von Dallingers Hauptanliegen war die Bekämpfung und Überwindung der Arbeitslosigkeit und der Ausbau der Arbeitsmarktpolitik. Sein Credo war, dass es in Zeiten von Massenarbeitslosigkeit zu keiner Spaltung der Gesellschaft kommen dürfe. Ziel war es, die Folgen von Arbeitslosigkeit erst gar nicht aufkommen zu lassen, sondern präventiv zu wirken durch Ausbildung, Arbeitsbeschaffung und ähnliche Maßnahmen. Alternative Tätigkeiten z.B. im Umweltschutz, in Dienstleistungen oder die Hinwendung zu gesellschaftlich nützlichen, aber nicht profitablen Bereichen waren für Dallinger eine wesentliche Zukunftsfrage. Mit der Novelle zum Arbeitsmarktförderungsgesetzes 1983 wurden wichtige Grundlagen für eine moderne, aktive Arbeitsmarktpolitik geschaffen. Viel Projekte, die heute noch existieren, fanden in der Ära Dallinger ihren Ursprung.</p>



<p>Gerade in Zeiten multipler Krisen ist die Besinnung auf eine Politik notwendig, die die Vision einer gerechten und friedvollen Welt nicht aus den Augen verliert und gleichzeitig mutig an der konkreten Umsetzung im politischen Tagesgeschäft arbeitet.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
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		<title>Eine kurze Geschichte des Weihnachtsgelds</title>
		<link>https://kompetenz-online.at/2023/11/28/eine-kurze-geschichte-des-weihnachtsgelds/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Marliese Mendel]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 28 Nov 2023 17:05:41 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Ausgabe 2023/04]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Gewerkschaftsgeschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Kollektivvertrag]]></category>
		<category><![CDATA[Marliese Mendel]]></category>
		<category><![CDATA[Sonderzahlungen]]></category>
		<category><![CDATA[Weihnachtsgeld]]></category>
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					<description><![CDATA[98 Prozent der Arbeitnehmer:innen in Österreich können sich heute über ein Weihnachtsgeld freuen. Das war aber nicht immer so. Eine kurze Geschichte des Weihnachtsgelds in Österreich.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="683" src="https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2023/11/weihnachten_AdobeStock_237754062-1024x683.jpeg" alt="" class="wp-image-20325" srcset="https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2023/11/weihnachten_AdobeStock_237754062-1024x683.jpeg 1024w, https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2023/11/weihnachten_AdobeStock_237754062-300x200.jpeg 300w, https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2023/11/weihnachten_AdobeStock_237754062-150x100.jpeg 150w, https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2023/11/weihnachten_AdobeStock_237754062-768x512.jpeg 768w, https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2023/11/weihnachten_AdobeStock_237754062-1536x1024.jpeg 1536w, https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2023/11/weihnachten_AdobeStock_237754062-2048x1365.jpeg 2048w, https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2023/11/weihnachten_AdobeStock_237754062-600x400.jpeg 600w, https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2023/11/weihnachten_AdobeStock_237754062-720x480.jpeg 720w, https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2023/11/weihnachten_AdobeStock_237754062-272x182.jpeg 272w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="wp-element-caption">Foto: Adobe Stock </figcaption></figure>



<p><strong>98 Prozent der Arbeitnehmer:innen in Österreich können sich heute über ein Weihnachtsgeld freuen. Das war aber nicht immer so.</strong> </p>



<span id="more-20324"></span>



<p>Im 19. Jahrhundert haben manche Fabriksbesitzer ihren Mitarbeiter:innen freiwillig Weihnachtsgeschenke gemacht. In der Regel waren das Lebensmittel, damit die Arbeiter:innen über die Weihnachtsfeiertage nicht hungern mussten. In staatlichen Betrieben haben Beamte und jene beim Militär je nach Finanzlage des Staates eine sogenannte Weihnachtsremuneration bekommen, die als Strafmaßnahme einzelnen nicht ausbezahlt wurde.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Weihnachtsgeld bei Privatunternehmen</h4>



<p>Von einem Weihnachtsgeld, wie wir es heute kennen, konnte man lange nicht sprechen. Anfang des 20. Jahrhunderts haben die ersten Privatunternehmen ein „Trinkgeld“ ausbezahlt. Banken, Konsumvereine oder Straußenfedern-Häuser haben eine „Belohnung“ für gute Dienstleistung ausbezahlt. Das alles gab es natürlich nur auf Gutdünken der Arbeitgeber. Um kein Weihnachtsgeld ausbezahlen zu müssen, sind Leute früher gekündigt worden.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Weihnachtsgeld im Kollektivvertrag</h4>



<p>Ab 1919 wurde das Weihnachtsgeld vermehrt in Kollektivverträge aufgenommen. Allerdings variierte die Höhe nach Berufszweig und war zum Beispiel nach Beschäftigungsdauer gestaffelt. Da es viele erst nach einem Jahr im Betrieb erhalten hätten, haben die Arbeitgeber sie gekündigt und später wiedereingestellt, um das Weihnachtsgeld nicht bezahlen zu müssen.<br>Die Nationalsozialisten ersetzten die Kollektivverträge durch „reichseinheitliche Tarifverträge“. Sofort nach Ende des Zweiten Weltkriegs begannen neu gegründete Gewerkschaften wieder mit Kollektivvertragsverhandlungen.<br>Anfangs standen Lohn, Arbeitszeit und Urlaub im Zentrum, ab 1947 haben die Gewerkschaften durch eine koordinierte Lohnpolitik Urlaubs- und Weihnachtsgeld für die meisten Arbeitnehmer:innen erkämpft. Damals wie heute gilt: Je höher der Organisationsgrad, umso schneller können bessere Ergebnisse erzielt werden. So auch beim Weihnachtsgeld.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Hinaus zum Ersten Mai!</title>
		<link>https://kompetenz-online.at/2023/04/19/hinaus-zum-ersten-mai/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Barbara Lavaud]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 19 Apr 2023 10:26:18 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Internationales]]></category>
		<category><![CDATA[Europa]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Gewerkschaftsgeschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Tag der Arbeit]]></category>
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					<description><![CDATA[Weltweit wird am 1. Mai der Tag der Arbeit gefeiert – weltweit? In einigen Ländern haben sich andere Traditionen etabliert. Die Ursprünge dieses Internationalen Tages der ArbeiterInnenbewegung liegen im Kampf um den Achtstundentag.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="683" src="https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2023/04/IMG_9392-1024x683.png" alt="" class="wp-image-19735" srcset="https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2023/04/IMG_9392-1024x683.png 1024w, https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2023/04/IMG_9392-300x200.png 300w, https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2023/04/IMG_9392-150x100.png 150w, https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2023/04/IMG_9392-768x512.png 768w, https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2023/04/IMG_9392-600x400.png 600w, https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2023/04/IMG_9392-720x480.png 720w, https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2023/04/IMG_9392-272x182.png 272w, https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2023/04/IMG_9392.png 1500w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="wp-element-caption">Foto: Edgar Ketzer</figcaption></figure>



<p><strong>Weltweit wird am 1. Mai der Tag der Arbeit gefeiert – weltweit? In einigen Ländern haben sich andere Traditionen etabliert. Die Ursprünge dieses Internationalen Tages der ArbeiterInnenbewegung liegen im Kampf um den Achtstundentag.</strong></p>



<span id="more-19734"></span>



<p>Am 1. Mai 1886 begann in Chicago (Illinois) ein von den Gewerkschaften organisierter Streik. Man kämpfte, und das schon seit Jahren, für eine Begrenzung der täglichen Arbeitszeit von zwölf auf acht Stunden. Die Ereignisse dieses und der folgenden Tage gingen als &nbsp;<a href="https://www.dgb.de/themen/++co++bb41a99e-7013-11e0-6d61-00188b4dc422" target="_blank" rel="noreferrer noopener" aria-label="‚Haymarket Massacre‘ (öffnet in neuem Tab)">‚Haymarket Massacre‘</a> (auch: ‚Haymarket Riot‘) in die Geschichte der ArbeiterInnenbewegung ein. Sie begründeten die Tradition, den 1. Mai als Kampftag der ArbeiterInnen zu begehen.</p>



<p>Während des Streiks und der Proteste auf dem Haymarket kamen durch eine Bombe und darauf folgende Schüsse der Polizei zahlreiche Menschen ums Leben. Den Organisatoren des Streiks wurde der Prozess gemacht, etliche von ihnen wurden hingerichtet, obwohl es keine Beweise für ihre Schuld gab. Zum Gedenken an die Opfer des Haymarket Massacre wurde auf dem Gründungskongress der Zweiten Internationale 1889 der 1. Mai als ‚Kampftag der Arbeiterbewegung‘ ausgerufen. Am 1. Mai 1890 wurde zum ersten Mal dieser ‚Protest- und Gedenktag‘ weltweit mit Massenstreiks und Demonstrationen begangen.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Österreich</h4>



<p>Seit 1890 fanden daher auch in Österreich Feiern zum Ersten Mai statt. Die Wiener ArbeiterInnenschaft veranstaltete am 1. Mai 1890 im Wiener Prater eine Kundgebung mit mehr als 100.000 TeilnehmerInnen &#8211; die größte Kundgebung, die man bis dahin jemals in der Stadt gesehen hatte! Bis 1918 fanden die sozialdemokratischen Maiaufmärsche nun jedes Jahr im Prater statt. In der Ersten Republik wurden sie auf die Wiener Ringstraße verlegt, zusammen mit dem Abschlusskundgebung vor dem Wiener Rathaus, im seit 1919 sozialdemokratisch regierten Wien. Der 1. Mai wurde zum Staatsfeiertag erklärt. 1926 gab es erstmals am Vorabend einen Fackelzug der ArbeiterInnenjugend.</p>



<p><a href="https://www.arbeit-wirtschaft.at/tag-der-arbeit-kaethe-leichter-historie/" target="_blank" rel="noreferrer noopener" aria-label="Während der Anfänge (öffnet in neuem Tab)">Während der Anfänge</a> verlief der Erste Mai nicht immer friedvoll, Unternehmen drohten mit Entlassungen und es gab Verhaftungen. Zur Zeit des Austrofaschismus wurden 1933 die Maifeiern der SozialdemokratInnen <a href="https://www.wienerzeitung.at/nachrichten/politik/oesterreich/542869_Feiertag-unter-dem-Austrofaschismus.html" target="_blank" rel="noreferrer noopener" aria-label="durch Bundeskanzler Dollfuß verboten (öffnet in neuem Tab)">durch Bundeskanzler Dollfuß verboten</a>. Erst nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs gab es Maiaufmarsch und Fackelzug wieder in ihrer ursprünglichen Form.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Europa</h4>



<p>In ganz Europa ist der Erste Mai der Tag der Arbeit, in den meisten Ländern als gesetzlicher Feiertag.</p>



<p>In Frankreich heißt dieser Tag „Fête du Travail“ (Fest der Arbeit). Auf den Straßen stehen überall VerkäuferInnen, die Maiglöckchen anbieten, denn dort ist es Brauch, diese Blumen als Symbol des Frühlings und als Glücksbringer zu verschenken. Abhängig vom Jahr, den Forderungen und den laufenden sozialen Bewegungen, finden am Ersten Mai gewerkschaftliche und gewerkschaftsübergreifende Demonstrationen in den großen Städten Frankreichs statt, die wichtigsten von ihnen traditionell in Paris.</p>



<p>In Deutschland und Österreich gilt am Tag der Arbeit die <a href="https://www.fes.de/adsd50/rote-nelken" target="_blank" rel="noreferrer noopener" aria-label="rote Nelke (öffnet in neuem Tab)">rote Nelke</a> als Symbol für den Protest und den proletarischen Zusammenhalt. Die rote Nelke wurde zu Ende des 19. Jhds. auch die Symbolblume für die Frauenbewegung, insbesondere für den Kampf um das Frauenwahlrecht. In Portugal gewann sie neue Symbolkraft beim Aufstand von 1974: die ‚Nelkenrevolution‘ (‚Revolução dos Cravos‘) stürzte damals erfolgreich die Diktatur!</p>



<h4 class="wp-block-heading">Weltweit</h4>



<p>In zahlreichen afrikanischen Ländern ist der Tag ein offizieller Feiertag. In der arabischen Welt heißt er „Tag der Arbeiter“. Auch in Lateinamerika ist der Día del Trabajo offizieller Feiertag.</p>



<p>Und auch in Asien wird der Erste Mai natürlich gefeiert. In China haben die Schulkinder sogar drei Tage schulfrei! In Japan, wo der Tag „May Day“ heißt, ist der 1. Mai kein gesetzlicher Feiertag, stattdessen gibt es den Arbeitsdanktag am 23. November. Dieser soll in der Bevölkerung ein Gefühl der Dankbarkeit für die geleistete Arbeit sowie für die erreichten Produktionsleistungen wecken.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Labor Day</h4>



<p>In den englischsprachen Ländern wird der Gedenktag der Arbeiterbewegung als „Labor Day“ (bzw. Labour Day) &nbsp;gefeiert – allerdings nicht überall am Ersten Mai.</p>



<p>In den USA und in Kanada feiert man seit 1894 am 1. Montag im September. Der Tag ist ein gesetzlicher Feiertag. Der Labor Day hat dort seinen Ursprung in der Achtstundentag-Bewegung: 1882 organisierte die Central Labor Union ein ‚Monster Labor Festival‘, und am 5. September dieses Jahres nahmen in New York – je nach Schätzungen – bis zu 50.000 ArbeiterInnen an Demonstrationen und einem anschließenden Picknick teil. So wurde der Tag zu einer machtvollen Demonstration, im Laufe der folgenden Jahre schlossen sich immer mehr Städte an.</p>



<p>Obwohl der Erste Mai seine Ursprünge in Chicago hatte, wird der Labor Day nun in den USA am 1. Montag im September zelebriert. Um diesen Feiertag der Arbeit durchsetzen zu können, brauchte es das Engagement und die Kampfkraft zahlreicher ArbeiterInnen, PolitikerInnen und GewerkschafterInnen. Vor allem der Kampf um den Achtstundentag spielt hier eine wesentliche Rolle.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Achtstundentag-Bewegung</h4>



<p>Dieser Kampf der amerikanischen ArbeiterInnenbewegung dauerte mehrere Jahrzehnte. Um 1860 war der Zehnstundentag noch Standard, doch einige Bundesstaaten führten bereits den Achtstundentag im Staatsdienst ein. In den 1880er Jahren übernahmen die Gewerkschaften die Kampagne, die im oben beschriebenen Haymarket Massacre gipfelte. Das Bombenattentat schadete zwar der Bewegung, letztlich setzte sich die Einführung aber durch. Henry Ford z.B. verkündete 1914 die Reduzierung von neun auf acht Stunden täglich in seinem Unternehmen. Gesetz für das gesamte Bundesgebiet wurde der Achtstundentag allerdings erst spät, nämlich 1938.</p>



<p>In Großbritannien wurde der Achtstundentag erstmals 1847 festgeschrieben &#8211; allerdings als maximale Arbeitszeit für Kinder (!) zwischen 9 und 13 Jahren. Alle anderen mussten nach wie vor 12 Stunden arbeiten. Erst die ArbeiterInnen des Londoner Gaswerks konnten 1889 ihre Forderung nach der Begrenzung auf acht Stunden durchsetzen. Bis heute ist der Achtstundentag in GB allerdings nicht gesetzlich festgeschrieben! Der Labour Day findet in GB und Irland am 1. Mai statt.</p>



<p>Auch in Australien und Neuseeland fand die Idee des Achtstundentags rasch Verbreitung. Durch den australischen Goldrausch und den Reichtum an Bodenschätzen, in Verbindung mit einer hohen Nachfrage nach Arbeitskräften, waren die Forderungen der ArbeiterInnenschaft leichter durchzusetzen. Der Achtstundentag bei vollem Lohnausgleich wurde erstmals 1856 von Bauarbeitern und Steinmetzen in Melbourne erkämpft. &nbsp;</p>



<p>Auf diesen Erfolg werden in Australien auch die Ursprünge des Labour Day zurückgeführt. Die erste Labour Day-Demonstration fand im März 1861 in Brisbane statt, mit Bauarbeitern, die ebenfalls zuvor den Achtstundentag durchgesetzt hatten. Daraus entstand die Tradition, den Labour Day im März zu feiern.</p>



<p>Obwohl die Sozialistische Internationale 1889 in Paris beschlossen hatte, dass der ArbeiterInnentag auf der gesamten Welt am 1. Mai stattfinden sollte, konnten sich die AustralierInnen nicht auf diesen oder einen anderen gemeinsam Tag einigen. Der Labour Day wird daher an unterschiedlichen Tagen gefeiert, im März, im Oktober, oder im Mai &#8211; je nach Bundesstaat anders. Ursprünglich wurde der Feiertag in Australien auch ‚Eight Hour Day‘ genannt, in Tasmanien heißt er bis heute so.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Aufsässiges Land</title>
		<link>https://kompetenz-online.at/2023/03/15/aufsaessiges-land/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Christof Mackinger]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 15 Mar 2023 14:04:18 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Demokratie]]></category>
		<category><![CDATA[Arbeitskampf]]></category>
		<category><![CDATA[Christof Mackinger]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Gewerkschaftsgeschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Streik]]></category>
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					<description><![CDATA[Die Ausstellung „Aufsässiges Land - Streik, Protest und Eigensinn“ im Haus der Geschichte St. Pölten zeigt eindrücklich wie vielfältig Formen des politischen Protests in der Vergangenheit  waren – und dass Politik immer schon auch abseits von Großstädten gemacht wurde.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="683" src="https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2023/03/002__4S2A9316_PRINT-1024x683.jpg" alt="" class="wp-image-19657" srcset="https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2023/03/002__4S2A9316_PRINT-1024x683.jpg 1024w, https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2023/03/002__4S2A9316_PRINT-300x200.jpg 300w, https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2023/03/002__4S2A9316_PRINT-150x100.jpg 150w, https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2023/03/002__4S2A9316_PRINT-768x512.jpg 768w, https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2023/03/002__4S2A9316_PRINT-1536x1025.jpg 1536w, https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2023/03/002__4S2A9316_PRINT-2048x1366.jpg 2048w, https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2023/03/002__4S2A9316_PRINT-600x400.jpg 600w, https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2023/03/002__4S2A9316_PRINT-720x480.jpg 720w, https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2023/03/002__4S2A9316_PRINT-272x182.jpg 272w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="wp-element-caption">Foto: NÖ Museum Betriebs GmbH, Daniel Hinterramskogler</figcaption></figure>



<p><strong>Die Ausstellung „Aufsässiges Land &#8211; Streik, Protest und Eigensinn“ im Haus der Geschichte St. Pölten zeigt eindrücklich wie vielfältig Formen des politischen Protests in der Vergangenheit  waren – und dass Politik immer schon auch abseits von Großstädten gemacht wurde</strong>.</p>



<span id="more-19655"></span>



<h4 class="wp-block-heading">Neunkirchen</h4>



<p>Ende des 19. Jahrhunderts wurde die niederösterreichische Industriestadt Neunkirchen zum Schauplatz eines heute kaum denkbaren Arbeitskampfes. „Neunkirchen ist ein wichtiger Standort für Fabriken, so auch für die Spinnerei Eltz. Für die Beschäftigten sind die Arbeitsbedingungen vielfach schlecht und der Lohn fällt sehr niedrig aus. Die Arbeiterinnen und Arbeiter werden in dürftig ausgestatteten Fabriksunterkünften untergebracht. Wenn sie ihre Arbeit verlieren, müssen sie ihre Wohnung räumen oder werden gewaltsam delogiert. Gegen schlechte Behandlung und soziale Ungleichheit formiert sich schließlich Widerstand.“ So erzählen es kunstvoll gestaltete Schautafeln der Ausstellung „Aufsässiges Land“, welche vor wenigen Wochen im Haus der Geschichte in St. Pölten eröffnet wurde.</p>



<p>Im April 1896 traten fast 400 Arbeiter und Arbeiterinnen in Neunkirchen in den Streik um gegen ihre unwürdigen Arbeitsbedingungen aufzubegehren. Die Spinnerei Eltz entließ ArbeiterInnen, Delogierungen wurden angekündigt. Da erfasste eine unerwartete Solidarisierungswelle weite Teile der Arbeiterschaft in der Stadt südlich von Wien. Auch Beschäftigte anderer Betriebe legten ihre Arbeit nieder, es kam zum Generalstreik. Zwar wurden die angekündigten Räumungen trotzdem durchgesetzt. Streikposten gelang es aber die nach Neunkirchen entsandten StreikbrecherInnen von einer Aufnahme der Arbeit abzuhalten. Wochenlang legte der Streik die Industrie der 10.000 Einwohner-Stadt Neunkirchens lahm. Letzten Endes musste der Arbeitskampf aber nach sechs Wochen abgebrochen werden &#8211; ohne Zugeständnisse durch Fabrikseigentümer.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Vielfältige Protestkultur</h4>



<p>Kampfmaßnahmen können erfolglos verlaufen. Ihre Geschichte aber dennoch zu kennen ist essentiell, um ähnliche Niederlagen für die Zukunft zu verhindern. Kämpfe für Gerechtigkeit und Teilhabe nahmen auch in der Vergangenheit ganz unterschiedliche Formen an. Von Bauernkriegen über Demonstrationen, Enteignungen und Sitzblockaden: „Aufsässiges Land“ macht ein vielfältiges Bild einer Protestkultur sichtbar, die heute unbeachtet bleibt. Dabei würden Inflation, Energiekrise, Klimakrise und offensichtliche Ungleichheiten einen Blick in die Geschichte der Kampfmaßnahmen nahelegen. Wie wehrten sich die Menschen in den letzten Jahrhunderten gegen Unterdrückung,&nbsp; Naturzerstörung und Ausbeutung? So unterschiedlich die Kontexte von Wilderei, den Bummelstreiks migrantischer LandarbeiterInnen oder der Besetzung der Hainburger Au auch waren, die Sonderausstellung zu Streik, Protest und Eigensinn“ schafft es ihren gesellschaftlichen Kontext darzustellen ohne sich in historische Details zu verlieren. Im Zentrum stehen Protestbewegungen abseits großer Städte, wo in der Regel der größte Einfluss auf gesellschaftliche Entwicklungen verortet wird. Für den Aufruhr ‚abseits vom Schuss’ aber gibt es mehr als genug Beispiele.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Chemiefabrik</h4>



<p>So etwa das einer aufmüpfigen Belegschaft einer Chemiefabrik in Mossbierbaum nahe Zwentendorf an der Donau. Anfangs richtete sich die Organisierung der ArbeiterInnen gegen den steigenden Arbeitsdruck im Betrieb. Als im Nationalsozialismus politische Gefangene aus der nahegelegenen Haftanstalt Krems-Stein zur Zwangsarbeit ins Unternehmen verbracht werden, und die Produktion umgestellt wurde auf Sprit für Kampfflugzeuge, organisierten die ArbeiterInnen eine Widerstandsgruppe zum Sturz des Nazi-Regimes. Gleich mehrere hundert UnterstützerInnen umfasste die sogenannte „Österreichischen Freiheitsfront“. Zerschlagen wurde sie schließlich mit der Verhaftung und Deportation zahlreicher Mitglieder.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Tabakfabrik</h4>



<div class="wp-block-media-text alignwide is-stacked-on-mobile"><figure class="wp-block-media-text__media"><img loading="lazy" decoding="async" width="768" height="1024" src="https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2023/03/Aufsaessiges-Land_-Tabakfabrik-768x1024.jpg" alt="" class="wp-image-19658 size-full" srcset="https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2023/03/Aufsaessiges-Land_-Tabakfabrik-768x1024.jpg 768w, https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2023/03/Aufsaessiges-Land_-Tabakfabrik-225x300.jpg 225w, https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2023/03/Aufsaessiges-Land_-Tabakfabrik-113x150.jpg 113w, https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2023/03/Aufsaessiges-Land_-Tabakfabrik-1152x1536.jpg 1152w, https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2023/03/Aufsaessiges-Land_-Tabakfabrik.jpg 1500w" sizes="auto, (max-width: 768px) 100vw, 768px" /></figure><div class="wp-block-media-text__content">
<p>Weniger tragisch endete ein Arbeitskampf von ArbeiterInnen in einer staatlichen Tabakfabrik ein halbes Jahrhundert zuvor in Krems an der Donau. Die ohnehin kargen Löhne der Zigarettendreherinnen wurden durch Abzüge nochmal geschmälert, wann immer Fehler in ihrer Arbeit entdeckt wurden. Nach 20 Jahren in der Fabrik wurde im Jahr 1886 eine Arbeiterin wegen eines kleinen Fehlers entlassen, was ihre Kolleginnen auf den Plan rief. Diese machten durch „Schreien, Fluchen, Poltern und Aufschlagen mit den Werkzeugen“ ihrem Unmut Luft, berichtet eine kunstvoll gestaltete Tafel im Haus der Geschichte.</p>
</div></div>



<p>Mal ist es ein kleiner, wenig bekannter Aufruhr, wie jener in der Tabakfabrik, mal bis heute diskutierte Ereignisse, wie die Besetzung der Hainburger Au in den 1980er Jahren, dann wieder geheimer Ungehorsam gegen Großgrundbesitzer im 19. Jahrhundert, wie die organisierte Wilderei. In erster Linie mit eindrucksvollen Illustrationen im Stil einer Graphic Novel zeichnet die Ausstellung Proteste nach. Ergänzt wird dies mit Originalwerkzeugen, Flugblättern, Videos und Audiobeiträgen.</p>



<div class="wp-block-media-text alignwide is-stacked-on-mobile"><figure class="wp-block-media-text__media"><img loading="lazy" decoding="async" width="768" height="1024" src="https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2023/03/Aufsaessiges-Land_-Streik-768x1024.jpg" alt="" class="wp-image-19659 size-full" srcset="https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2023/03/Aufsaessiges-Land_-Streik-768x1024.jpg 768w, https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2023/03/Aufsaessiges-Land_-Streik-225x300.jpg 225w, https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2023/03/Aufsaessiges-Land_-Streik-113x150.jpg 113w, https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2023/03/Aufsaessiges-Land_-Streik-1152x1536.jpg 1152w, https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2023/03/Aufsaessiges-Land_-Streik.jpg 1500w" sizes="auto, (max-width: 768px) 100vw, 768px" /></figure><div class="wp-block-media-text__content">
<p>Eines davon, die handgeschriebenen Memoiren des Pater Ambrosius Sailer aus Lilienfeld. Als Kind wurde er Zeuge eines wochenlangen Streiks im Jahr 1905 am niederösterreichischen Industriestandort Traisen. Dort ließ der Großindustrielle Alfred von Lenz für den russisch-japanischen Krieg Kriegsmaterial produzieren. ArbeiterInnen setzten sich gegen ihre unwürdigen Arbeitsbedingungen energisch zur Wehr. Sailer schrieb: &#8222;Der Streik dauerte bis in den Herbst an und ihm schlossen sich alle Arbeiter des Traisen- und Gölsentales an. Als ich eines Tages aus der Schule heraus ging war gerade ein Zug mit Streikbrechern aus dem Burgenlande angekommen und von einer mehrtausend großen mit Stöcken bewaffneten Arbeitermasse erwartet. Die Arbeiter waren so sehr erregt, dass sie die Stöcke schwangen und ihnen der Schaum vom Munde floss. Einen so schrecklichen Anblick habe ich sonst nie in meinem Leben mehr gesehen.&#8220;</p>
</div></div>



<p>Eines davon, die handgeschriebenen Memoiren des Pater Ambrosius Sailer aus Lilienfeld. Als Kind wurde er Zeuge eines wochenlangen Streiks im Jahr 1905 am niederösterreichischen Industriestandort Traisen. Dort ließ der Großindustrielle Alfred von Lenz für den russisch-japanischen Krieg Kriegsmaterial produzieren. ArbeiterInnen setzten sich gegen ihre unwürdigen Arbeitsbedingungen energisch zur Wehr. Sailer schrieb: &#8222;Der Streik dauerte bis in den Herbst an und ihm schlossen sich alle Arbeiter des Traisen- und Gölsentales an. Als ich eines Tages aus der Schule heraus ging war gerade ein Zug mit Streikbrechern aus dem Burgenlande angekommen und von einer mehrtausend großen mit Stöcken bewaffneten Arbeitermasse erwartet. Die Arbeiter waren so sehr erregt, dass sie die Stöcke schwangen und ihnen der Schaum vom Munde floss. Einen so schrecklichen Anblick habe ich sonst nie in meinem Leben mehr gesehen.&#8220;</p>



<p>„Aufsässiges Land“ ist eine spannende Ausstellung über die Geschichte des Protests in Niederösterreich, bei der mit Sicherheit alle was dazu lernen können &#8211; Eine Lektion, um für kommende Auseinandersetzungen gewappnet zu sein.</p>



<p><a href="https://www.museumnoe.at/de/haus-der-geschichte/Sonderausstellung/aufsaessiges-land" target="_blank" rel="noreferrer noopener" aria-label="„Aufsässiges Land &#8211; Streik, Protest und Eigensinn“ (öffnet in neuem Tab)">„Aufsässiges Land &#8211; Streik, Protest und Eigensinn“</a></p>



<p>Sonderausstellung im Haus der Geschichte St. Pölten, bis Jänner 2024</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Kollektivverträge gelten für alle Beschäftigten</title>
		<link>https://kompetenz-online.at/2022/12/06/kollektivvertraege-gelten-fuer-alle-arbeitnehmerinnen/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Alexia Weiss]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 06 Dec 2022 14:09:12 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Interview]]></category>
		<category><![CDATA[Kollektivvertrag]]></category>
		<category><![CDATA[Alexia Weiss]]></category>
		<category><![CDATA[Brigitte Pellar]]></category>
		<category><![CDATA[Erste Republik]]></category>
		<category><![CDATA[Faschismus]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Gewerkschaftsgeschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Nationalsozialismus]]></category>
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					<description><![CDATA[Die Historikerin Brigitte Pellar erzählt wie Kollektivverträge entstanden sind was an den Kollektivverträgen in Österreich auch heute noch besonders ist. ]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="683" src="https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2022/12/Brigitte-Pellar_3986-1024x683.png" alt="" class="wp-image-19268" srcset="https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2022/12/Brigitte-Pellar_3986-1024x683.png 1024w, https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2022/12/Brigitte-Pellar_3986-300x200.png 300w, https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2022/12/Brigitte-Pellar_3986-150x100.png 150w, https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2022/12/Brigitte-Pellar_3986-768x512.png 768w, https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2022/12/Brigitte-Pellar_3986-600x400.png 600w, https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2022/12/Brigitte-Pellar_3986-720x480.png 720w, https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2022/12/Brigitte-Pellar_3986-272x182.png 272w, https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2022/12/Brigitte-Pellar_3986.png 1500w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="wp-element-caption">Foto: Nurith Wagner-Strauss</figcaption></figure>



<p><strong>Die Kollektivvertragsdichte ist in Österreich mit deutlich über 90 Prozent weltweit einmalig. Davon profitiert die überwiegende Mehrheit der unselbständig Beschäftigten. Die KOMPETENZ blickte im Gespräch mit der Historikerin Brigitte Pellar in die Vergangenheit: Wie entstanden die ersten Kollektivverträge und was macht die heimischen Kollektivverträge so besonders?</strong></p>



<span id="more-19260"></span>



<p><strong>KOMPETENZ: </strong>Wann gab es den ersten Kollektivvertrag in Österreich und wie ist dieser entstanden?</p>



<h4 class="blauebox wp-block-heading">1896 </h4>



<p><strong>Brigitte Pellar:</strong> Der erste moderne Kollektivvertrag entstand 1896 bei den Buchdruckern, die damals die am besten organisierte Gewerkschaft waren. Das war natürlich kein Kollektivvertrag für ganz Österreich oder gar die Monarchie, sondern wurde im Rahmen der gewerblichen Genossenschaften für Wien und Niederösterreich abgeschlossen.</p>



<p><strong>KOMPETENZ: </strong>Was waren die wesentlichen Punkte dieses Kollektivvertrags?</p>



<p><strong>Brigitte Pellar:</strong> Es wurden von Anfang an nicht nur Lohnfragen behandelt, es ging immer auch zum Beispiel um Arbeitszeit, bis hin dazu, dass festgelegt wurde, dass die Gesellen höflich angesprochen werden. Das war eine ganz massive Forderung, dass man mit Respekt behandelt wird. In späteren Kollektivverträgen ging es auch darum, dass die Arbeitnehmervertretungen im Betrieb Kündigungsschutz haben müssen. Damals gab es noch keine Betriebsräte.</p>



<p><strong>KOMPETENZ: </strong>Die Buchdrucker haben also den ersten modernen Kollektivvertrag ausverhandelt. Wann gab es davor schon einmal einen Kollektivvertrag?</p>



<p><strong>Brigitte Pellar:</strong> In der Revolution von 1848 haben die Buchdrucker, die damals im Bereich der Zünfte sehr gut organisiert waren, bereits einen Kollektivvertrag durchgesetzt, der in Prag und Wien und allen Gebieten dazwischen galt. Er hat allerdings nur ein halbes Jahr gehalten, als die Revolution niedergeschlagen wurde, war auch dieser Kollektivvertrag wieder weg. Aber es war ein erster Versuch.</p>



<p><strong>KOMPETENZ: </strong>In welchen Berufsgruppen sind dann Ende des 19. Jahrhunderts die nächsten Kollektivverträge gekommen?</p>



<p><strong>Brigitte Pellar:</strong> In einer ganzen Menge. Anton Hueber, der große Organisator der Gewerkschaftsbewegung in Österreich, hat immer geschimpft, es gibt eine Kollektivvertragsritis. Es war aber natürlich besser, etwas über einen Vertrag zu bekommen als streiken zu müssen. Schon früh gab es Kollektivverträge zum Beispiel für Metall-Berufe, aber auch für die Bauarbeiter. Das Wesentliche waren starke arbeitsrechtliche Regelungen wie zum Beispiel, dass der 1. Mai frei war, dass die gewerkschaftlichen Vertrauensleute in den Betrieben, wenn sie Vertretungsaufgaben übernahmen, nicht gekündigt wurden. Und es wurde auch die Arbeitszeit geregelt. Gesetzlich gab es den Elf-Stunden-Tag, was auch schon ein Fortschritt war. Aber der Acht-Stunden-Tag war das Ziel der Gewerkschaften. Und das wurde schon in einigen Berufen durchgesetzt.</p>



<p><strong>KOMPETENZ: </strong>Von welchem Jahr sprechen wir da?<strong>&nbsp;</strong></p>



<h4 class="blauebox wp-block-heading">1907, 1908</h4>



<p><strong>Brigitte Pellar:</strong> 1907, 1908, also noch vor dem Ersten Weltkrieg. Das waren zum Beispiel die Goldschmiede, die das durchgesetzt haben. Aber auch die Erdölarbeiter in Galizien, also in der heutigen Ukraine. Österreich war damals der größte Erdölexporteur der Welt und entsprechend&nbsp; wirtschaftlich wichtig waren diese Arbeiter, die das daher durchsetzen konnten.</p>



<p><strong>KOMPETENZ: </strong>Inwiefern waren die Kollektivverträge auch demokratiepolitische Meilensteine?</p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="341" src="https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2022/12/Brigitte-Pellar-1024x341.png" alt="" class="wp-image-19269" srcset="https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2022/12/Brigitte-Pellar-1024x341.png 1024w, https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2022/12/Brigitte-Pellar-300x100.png 300w, https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2022/12/Brigitte-Pellar-150x50.png 150w, https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2022/12/Brigitte-Pellar-768x256.png 768w, https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2022/12/Brigitte-Pellar-1536x512.png 1536w, https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2022/12/Brigitte-Pellar-2048x682.png 2048w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="wp-element-caption"><strong>Die Historikerin Brigitte Pellar über die Geschichte der Kollektivverträge</strong><br>Fotos: Nurith Wagner-Strauss</figcaption></figure>



<p><strong>Brigitte Pellar:</strong> Das gilt in Wirklichkeit erst in der Ersten Republik, als Österreich eine echte Demokratie wurde. Mit den ersten Kollektivverträgen wussten die Arbeitgeber und auch der Staat eigentlich nicht wirklich etwas anzufangen. Sie waren rechtlich nicht Fisch und nicht Fleisch. Sie waren nicht verbindlich, es konnte kein Arbeitgeber gezwungen werden, ihn auch einzuhalten. Deswegen haben Gewerkschaften wie die der Bäcker große Kampagnen initiiert, wo sie schöne Logos mit dem Wort „Tariftreue“ an Betriebe, die den Kollektivvertrag einhielten, aufgepickt und die KonsumentInnen aufgefordert haben, sie sollen dort einkaufen gehen.</p>



<h4 class="blauebox wp-block-heading">1919</h4>



<p>1919 wurde dann das Kollektivvertragsgesetz beschlossen, das Anfang 1920 in Kraft getreten ist. Dieses Gesetz brachte die Rechtsverbindlichkeit der Kollektivverträge. Damit gab es zum ersten Mal eine gesetzliche Grundlage dafür, dass die ArbeitnehmerInnenseite allein für sich verhandeln konnte.</p>



<p>Das ist bis heute einer der großen Grundsätze innerhalb der österreichischen Arbeitsrechtspolitik. Anders als in Deutschland gibt es die absolute Gegnerfreiheit. Das heißt, die Interessen der ArbeitnehmerInnen und die der ArbeitgeberInnen werden nicht vermischt. Genau deshalb funktionierte die Sozialpartnerschaft bei uns so gut.</p>



<p><strong>KOMPETENZ: </strong>Was passierte ab 1934, also in der faschistischen Ära, mit den Kollektivverträgen?</p>



<h4 class="blauebox wp-block-heading">1934</h4>



<p>In der Ersten Republik gab es viele Kollektivverträge, aber es gab noch ganz wenige, die wirklich flächendeckend waren. Und sie wurden – wie überall auf der Welt &#8211; nur für Gewerkschaftsmitglieder abgeschlossen. Als dann politisch schon die Entwicklung in Richtung rechts gegangen ist und nur mehr rechts-konservative Koalitionsregierungen am Ruder waren, wurde versucht, den freien Gewerkschaften das Wasser abzugraben. Und eine der Maßnahmen, die da getroffen wurden, war das sogenannte Anti-Terror-Gesetz, das besagt, es darf nicht sein, dass nur Mitglieder einer speziellen Gewerkschaft, die einen Kollektivvertrag im Betrieb hat, dort auch eine Anstellung finden.</p>



<p>Das war das „Closed-Shop-Prinzip“, das heute noch in England oder den USA üblich ist. Man musste jener Gewerkschaft beitreten, die den Kollektivvertrag in einem Betrieb ausverhandelt hatte. Das hat natürlich die starken sozialdemokratischen freien Gewerkschaften bevorzugt, weil sie die besseren und mehr Verträge hatten als andere Gewerkschaften. Und politisch anders Gesinnte haben da manchmal dann keinen Job gefunden oder haben sich gezwungen gesehen, wenn sie unpolitisch waren, der sozialdemokratischen Gewerkschaft beizutreten. Das hat den christlichen Gewerkschaften geschadet. Deswegen wurde das „Closed-Shop-Prinzip“ verboten. Ab da galt ein Kollektivvertrag für alle Beschäftigten eines Betriebs.</p>



<p>Käthe Leichter, die berühmte AK-Expertin, hat damals gemeint, das schaut zwar sehr schlecht für die freien Gewerkschaften aus, sei in Wirklichkeit aber gut, weil es so einen Zugang zu vielen Menschen gibt, die sonst nie zur Gewerkschaft kommen würden und das könne man auch positiv nutzen. Nach 1945 hat sich herausgestellt, dass sie Recht gehabt hat. Ab Beginn der austrofaschistischen Diktatur 1934 spielte das aber ohnehin keine Rolle mehr, weil nur mehr eine Staatsgewerkschaft bestand, die kaum Chancen hatte, wirklich gute Kollektivverträge gegen die UnternehmerInneninteressen durchzusetzen.</p>



<p><strong>KOMPETENZ: </strong>Welchen weiteren Einschnitt hat dann der Nationalsozialismus gebracht?</p>



<p><strong>Brigitte Pellar:</strong> Jede Form von Gewerkschaft wurde verboten, es gab nur mehr die Deutsche Arbeitsfront. Da waren ArbeitgeberInnen und ArbeitnehmerInnen zusammengefasst, aber letztere hatten keine Mitsprachemöglichkeiten. Kollektivverträge gab es gar keine mehr.&nbsp; Arbeitsrecht-Bestimmungen sind ausschließlich von oben oktroyiert worden</p>



<p><strong>KOMPETENZ: </strong>Wie wurden die Kollektivverträge nach 1945 neuerlich verankert?</p>



<h4 class="blauebox wp-block-heading">nach 1945</h4>



<p><strong>Brigitte Pellar:</strong> Zunächst gab es für die notwendige Organisation des Alltags weiter die Gesetze aus der Nazi-Zeit, natürlich mit Ausnahme aller mit faschistischer Ideologie. Es wurden dann Überleitungsgesetze gemacht oder man hat inoffizielle Absprachen getroffen. Eine solche gab es zum Kollektivvertrags- und dem Betriebsrätegesetz aus der Ersten Republik. Beide galten nicht mehr, aber es gab eine Absprache zwischen dem damaligen SPÖ-Vorsitzenden Adolf Schärf und dem späteren Wirtschaftskammer-Chef Julius Raab im Sommer 1945, dass sich die ArbeitgeberInnenseite so verhalten würde, als ob es diese Gesetze noch gäbe. Das war möglich, weil sich die Regierung zur demokratischen Verfassung von 1920 bekannte und sie auch von den Alliierten als Grundlage für die Weiterentwicklung Österreichs angesehen wurde.</p>



<p><strong>KOMPETENZ: </strong>Man hat also Kollektivverträge wieder auf Basis jener aus der Ersten Republik verhandelt.</p>



<p><strong>Brigitte Pellar:</strong> De facto ja. Und parallel dazu wurde ein neues Kollektivvertrags- und ein neues Betriebsrätegesetz vorbereitet.</p>



<p><strong>KOMPETENZ: </strong>Wann sind diese verabschiedet worden?</p>



<h4 class="blauebox wp-block-heading">1947</h4>



<p>1947 sind diese beiden Gesetze beschlossen worden und in Kraft getreten.</p>



<p><strong>KOMPETENZ: </strong>Welchen Rahmen ermöglichte das Kollektivvertragsgesetz?</p>



<p><strong>Brigitte Pellar:</strong> Es hat die Position der Gewerkschaften innerhalb des Verhandlungssystems gestärkt. Es hat natürlich wieder Rechtsverbindlichkeit geschaffen. Und die Wirtschaftskammer, die alle Unternehmen vertritt, verhandelte die ArbeitgeberInnenseite, was automatisch auch ArbeitnehmerInnen ohne Gewerkschaftsmitgliedschaft einbezog. Aber entscheidend war, dass auf der Gewerkschaftsseite die Außenseiterwirkung aus der Ersten Republik weiter bestanden hat. Damit war die flächendeckende Gültigkeit von Kollektivverträgen doppelt abgesichert. Die Gültigkeit für Nichtmitglieder war innerhalb der Gewerkschaften sehr umstritten, doch es stellte sich heraus, dass die Vorteile die Nachteile überwiegen. Außerdem zahlen in Österreich alle ArbeitnehmerInnen die AK-Umlage und leisten so doch einen Beitrag für die KV-Verhandlungen, weil die AK ja die Gewerkschaften mit ihren ExpertInnen bei der Vorbereitung von Kollektivvertragsverhandlungen unterstützt.</p>



<h4 class="blauebox wp-block-heading">Heute</h4>



<p><strong>KOMPETENZ: </strong>Wie hoch ist denn heute die Kollektivvertragsdichte in Österreich?</p>



<p><strong>Brigitte Pellar:</strong> Es gibt unterschiedliche Berechnungen, aber sie liegt jedenfalls deutlich über 90 Prozent.</p>



<p><strong>KOMPETENZ: </strong>Wie steht Österreich hier im internationalen Vergleich da?</p>



<p><strong>Brigitte Pellar:</strong> Einmalig. Wenn nun im Zug von Kollektivvertragsverhandlungen bemängelt wird, dass es anderswo höhere Abschlüsse gibt, muss man sagen: Wenn Dockarbeiter in Liverpool jetzt ein Plus von 15 Prozent durchgesetzt haben, dann gilt das ausschließlich für die Dockarbeiter in Liverpool und für sonst niemanden. Es wird immer vergessen, dass diese hohe Kollektivvertragsdichte in Österreich bewirkt, dass vielleicht Spitzenabschlüsse nicht in diesem Ausmaß zustande kommen, aber dafür das durchschnittliche Lohnniveau stabiler bleibt. Zusätzlich gibt es ein klares Bekenntnis des ÖGB zu einer solidarischen Lohnpolitik. Das heißt, dass man in den untersten Lohnkategorien überdurchschnittlich anhebt.</p>



<p><strong>KOMPETENZ: </strong>Die Öffentlichkeit schaut immer besonders interessiert auf die Metaller-Abschlüsse. Wenn dort ein gutes Ergebnis erzielt wird, hat das auch Einfluss auf die Verhandlungen in anderen Branchen. Warum ist das so?</p>



<p><strong>Brigitte Pellar:</strong> Die Metallindustrie löste die Textilindustrie als Leitindustrie ab. Sie konnte, später gemeinsam mit der Elektroindustrie, mit den großen halb oder ganz verstaatlichten Betrieben, die besten Abschlüsse erzielen. Das hilft auch schwächer organisierten Gewerkschaften gute Ergebnisse herauszuholen.</p>



<p><strong>KOMPETENZ: </strong>Warum ist das aber so?</p>



<p><strong>Brigitte Pellar:</strong> Weil das eine Latte setzt und die ArbeitgeberInnenseite sich schwerer tut zu sagen, das geht nicht. Aktuell hat allerdings die Metallindustrie schlechter abgeschlossen als das Bewachungsgewerbe und das Flughafensicherheitspersonal, das kurz darauf ein Plus von im Schnitt 10,3 Prozent durchsetzte. Die Metaller haben heuer nicht am besten abgeschlossen, weil man nicht sicher wusste, wie sich die Energiesituation entwickelt.</p>



<p><strong>KOMPETENZ: </strong>Heuer ist der Blick auf die einzelnen Kollektivvertragsverhandlungen besonders interessant, zuletzt ging es um den Handel und die Eisenbahner. Anliegen Nummer eins ist das Abgelten der hohen Inflation. Wann gab es dieses Thema schon einmal?</p>



<h4 class="blauebox wp-block-heading">1920er-Jahre</h4>



<p><strong>Brigitte Pellar:</strong> Um die Inflation ging es massiv in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg. Damals hat man über die Kollektivverträge eine gleitende Lohnskala durchgesetzt. Man konnte nicht alle fünf Wochen neu verhandeln und hat daher ein Modell geschaffen, mit dem die Inflation automatisch abgegolten wurde. Das war bis zur Sanierung des Budgets durch einen Kredit des Völkerbunds, der 1924 voll griff, wirksam. Durch diese Sanierung entstand der harte Schilling, der berühmte Alpendollar, aber der Wirtschaftsaufschwung wurde gebremst und die Arbeitslosigkeit stieg wieder.</p>



<p>Zu Beginn der Zweiten Republik bestand wieder die Gefahr einer hohen Inflation. Der ÖGB versuchte mit „Lohn-Preis-Abkommen“ gegenzusteuern. Die Unternehmen sollten sich mit den Preisen zurückhalten, die Gewerkschaften würden dafür nicht alle Möglichkeiten zur Lohnerhöhung ausschöpfen. Es wurden trotzdem gute Kollektivverträge abgeschlossen, von denen aber in erster Linie die niedrigen Lohngruppen profitierten. Das führte bei den anderen vielfach zum Unmut und zum Vorwurf, die Gewerkschaft würde die ArbeitnehmerInnen verraten.</p>



<p><strong>KOMPETENZ: &nbsp;</strong>Worum ging es da konkret?</p>



<h4 class="blauebox wp-block-heading">1950</h4>



<p><strong>Brigitte Pellar:</strong> 1950, nach dem Ende der Subventionierung der Landwirtschaft durch den Marshall-Plan, dem Wiederaufbauprogramm der USA für Europa, stiegen die Preise auch für Nahrungsmittel sehr spürbar und das merkten vor allem die gut verdienenden FacharbeiterInnen in der Industrie, deren Löhne wenig gestiegen waren. Der Versuch, einen Generalstreik gegen das in diesem Jahr abgeschlossene „Lohn- und Preisabkommen“ zu organisieren, führte zu heftigen Auseinandersetzungen, vor allem, als sich im Herbst die kommunistischen GewerkschafterInnen an die Spitze der Protestbewegung stellten. Viele fürchteten, die Kommunistische Partei würde wie in Nachbarländern einen Putsch planen. Diese Furcht war aber unbegründet, solche Pläne gab es nicht und die sowjetische Besatzungsmacht hätte sie ohnehin nicht zugelassen, sie brauchte Österreich als Brücke zwischen Ost und West im Kalten Krieg. Das „Lohn-Preis-Abkommen“ wurde nicht gekippt und die gefürchtete Inflation blieb aus, aber das Problem einer unkontrollierten Preisentwicklung, die die Löhne und Gehälter auffrisst, blieb bestehen.</p>



<p><strong>KOMPETENZ: </strong>Wie wurde das dann gelöst?</p>



<h4 class="blauebox wp-block-heading">1957</h4>



<p><strong>Brigitte Pellar:</strong> 1957 wurde die „Paritätischen Kommission für Preise und Löhne“ gegründet In ihr waren – freiwillig – ÖGB, Arbeiterkammer, Wirtschaftskammer, Landwirtschaftskammer und der Staat vertreten, den Vorsitz führte der Finanzminister. Sie war der Kernder österreichischen Sozialpartnerschaft. Ihre Aufgabe war es nicht zuletzt, dafür zu sorgen, dass die Preise für alles, was die Grundbedürfnisse des Lebens betrifft, unter Kontrolle bleiben – etwas, worüber jetzt wieder diskutiert wird.</p>



<p>Aber ihre Tätigkeit beschränkte sich nicht darauf. Sie entwickelte sich zu einer „triparitären“ Konfliktregelungsplattform der Wirtschaftsparteien und des Staates, wo faire Kompromisse unter Einbeziehung der wirtschafts- und sozialpolitischen Entwicklung gesucht wurden. Das konnte manchmal auch Zurückhaltung der Gewerkschaft bei Lohnforderungen nach sich ziehen, etwa um die 40-Stunden-Woche durchzusetzen.</p>



<h4 class="blauebox wp-block-heading" id="blauebox">1990er-Jahre</h4>



<p>Sie gibt auch bis heute Kollektivvertragsverhandlungen frei. Ansonsten hat sie ihre Arbeit Anfang der 1990er Jahre im Zusammenhang mit dem EU-Beitritt eingestellt, da Preisabsprachen aufgrund der EU-Vorgaben nicht mehr getroffen werden konnten. Als Plattform für Konfliktregelung und Interessenausgleich blieb die Sozialpartnerschaft bis zum Jahr 2000 aber weiter wichtig. Damals kündigte die ÖVP-FPÖ-Regierung die Beteiligung des Staates auf, seitdem wird unter Sozialpartnerschaft nur mehr die Kompromissfindung zwischen den Arbeitsmarktparteien verstanden.</p>



<p><strong>KOMPETENZ: </strong>Man müsse aus der Geschichte lernen, heißt es. Was bedeutet das im Umgang mit der aktuell hohen Inflation? Sind die massiven Lohnzuwächse, die es mit den aktuellen Kollektivvertragsabschlüssen gibt und die teilweise bei acht, neun, zehn Prozent liegen, das Mittel der Wahl oder befeuern sie nicht nur die Teuerung weiter?</p>



<p><strong>Brigitte Pellar:</strong> Mittlerweile haben WirtschaftswissenschafterInnen, und zwar bis auf ganz wenige Ausnahmen, quer durch ihre unterschiedlichen Positionen festgestellt: Das tun sie nicht, besonders nicht in Österreich, denn die Gewerkschaften verhandeln nach dem Prinzip der berühmten Benya-Formel, benannt nach dem ehemaligen ÖGB-Präsidenten Anton Benya. Berücksichtig wird dabei nur die Inflationsentwicklung bis zu dem Abschluss der Verträge und nicht eine prognostizierte. Das hat also keine Auswirkung für die Zukunft. Berücksichtigt wird außerdem die Produktivitätsentwicklung, die derzeit in einigen Branchen trotz Covid- und Energiekrise sehr gut ist. Ein Teil dieser Produktivitätsentwicklung muss auch für die ArbeitnehmerInnen etwas bringen, eine entsprechende Lohnforderung hat auch hier keinen preistreibenden Effekt.</p>



<p>Darüber hinaus wird es vernünftig sein, für bestimmte Güter Preisobergrenzen einzuführen, wie das zu Recht von Gewerkschaften und AK gefordert wird. Sogar die EU, die gerne auf den freien Markt setzt, hat jetzt solche Preisregulierungen frei gegeben. Wenn wir in die Geschichte zurückblicken, hätten wir mit der ursprünglichen Form der österreichischen Sozialpartnerschaft ein gutes Modell, um solche notwendigen Markteingriffe gut zu organisieren.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Zur Person:</h4>



<p><strong>Brigitte Pellar</strong>, geb. 1947 in Hermagor, aufgewachsen und Matura in Villach, danach Geschichtestudium an der Universität Wien. Schon während des Studiums für IFES tätig, dort fast zehn Jahre Projektleiterin für Studien unter anderem zum Bereich Arbeitsmarkt. Anschließend im ÖGB-Verlag für die Erstellung von Schulungsunterlagen für BetriebsrätInnen zuständig sowie Arbeit an vielen historischen Publikationen, unter anderem die Geschichte vieler Gewerkschafteb.1989 Wechsel in die Arbeiterkammer, dort zunächst politische Sekretärin im Bereich Bildungspolitik, später bis zur Pensionierung 2007 Leiterin des Geschichtsinstituts von ÖGB und AK. Parallel dazu Lehrauftrag am Institut für Politikwissenschaft der Uni Wien. Bis heute ist Pellar als Forscherin und Autorin für Gewerkschaftsmedien tätig.</p>
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		<title>Karl Pick: Mitbegründer der GPA</title>
		<link>https://kompetenz-online.at/2022/01/13/karl-pick-mitbegruender-der-gpa/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Lucia Bauer]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 13 Jan 2022 14:02:17 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Porträt]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Gewerkschaftsgeschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Historisches]]></category>
		<category><![CDATA[Karl Pick]]></category>
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					<description><![CDATA[Am 14. Jänner 1892 gründete der Sohn eines Jüdischen Fleischhauers, Karl Pick den Verein der Kaufmännischen Angestellten, eine Vorläuferorganisation der GPA. Zu seinen wichtigsten Erfolgen gehören der erste Kollekivvertrag und die Durchsetzung des Angestelltengesetzes. ]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="731" src="https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2022/01/Karl-Pick-am-Podium_Der-Kuckuck_25.-Mai-1930-1024x731.png" alt="" class="wp-image-17927" srcset="https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2022/01/Karl-Pick-am-Podium_Der-Kuckuck_25.-Mai-1930-1024x731.png 1024w, https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2022/01/Karl-Pick-am-Podium_Der-Kuckuck_25.-Mai-1930-300x214.png 300w, https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2022/01/Karl-Pick-am-Podium_Der-Kuckuck_25.-Mai-1930-150x107.png 150w, https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2022/01/Karl-Pick-am-Podium_Der-Kuckuck_25.-Mai-1930-768x548.png 768w, https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2022/01/Karl-Pick-am-Podium_Der-Kuckuck_25.-Mai-1930.png 1500w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption><strong>Karl Pick bei einer Rede anlässlich der internationalen Maifeier in Prag 1930 </strong><br>Foto: Central European Press</figcaption></figure>



<p><strong>Am 14. Jänner 1892 gründete der Sohn eines Jüdischen Fleischhauers, Karl Pick den Verein der Kaufmännischen Angestellten, eine Vorläuferorganisation der GPA. Zu seinen wichtigsten Erfolgen gehören der erste Kollekivvertrag und die Durchsetzung des Angestelltengesetzes. </strong></p>



<span id="more-17925"></span>



<p>Karl Pick wurde am 22. Dezember 1867 bei Kolin im heutigen Tschechien geboren und wuchs in sehr einfachen Verhältnissen auf. Er hatte noch zwei Brüder und zwei Schwestern und sein Vater hatte kein Geld um den Kindern eine Schulbildung zu finanzieren. 1895 wurde Karl Pick, der nun in Wien lebte, zum Obmann des Vereins der Kaufmännischen Angestellten gewählt. 1898 folge die Wahl zum Obmann des Gehilfenausschusses, des Gremiums der Wiener Kaufleute. </p>



<p>In dieser Rolle setzte Karl Pick sich erfolgreich für die Verlängerung der Freizeit für die Angestellten ein. Gegen den erbitterten Widerstand der Unternehmer wurde die Sonntagsruhe und etappenweise die Vorverlegung der Sperrstunde erreicht. 1910 wurde das österreichische Handlungsgehilfengesetz beschlossen, das zahlreiche Verbesserungen für die Angestellten brachte und daher in vielen Ländern als Vorbild galt. </p>



<p>1916 gelang es Pick und seinen Kollegen vom Gehilfenausschuss den ersten Kollektivvertag mit den Unternehmern auszuhandeln. 1918 folgte der Beschluss des ersten Angestelltengesetzes, das erstmals Mindesturlaube von zwei bis 5 Wochen festlegte. Geregelt wurden darin außerdem die Kündigungsfristen von mindestens 6 Wochen, Abfertigungszahlungen, eine Gehaltsfortzahlung bei Krankheit und viele weitere sozialpolitische Schutzbestimmungen.  </p>



<p>Im Februar 1019 wurde Karl Pick als sozialdemokratischer Abgeordneter ins österreichische Parlament gewählt. Dort setzte er sich für zahlreiche weitere Verbesserungen ein &#8211; unter anderem für Verbesserungen für rechtlose WohnungsmieterInnen.</p>



<p>1933 bis 1934 warnte Karl Pick immer wieder vor der Gefahr des Faschismus und rief bei zahlreichen Versammlungen dazu auf die Demokratie zu kämpfen.  Am 12. Februar 1934 wurde das Haus der Gewerkschaft der Privatangestellten in der Werdertorgasse von Polizisten mit Bajonetten besetzt. Am nächsten Tag wurde Karl Pick verhaftet und in das Polizeigefängnis auf der Rossauer Lände gebracht. Dort wurde ihm seine Brille weggenommen, sodass er sich an der Wand entlangtasten musste um etwa zur Wasserleitung zu kommen. Nach 2 Monaten Haft musste die gerichtliche Voruntersuchung gegen Pick eingestellt werden und er wurde wegen &#8222;mangelnden Tatbestands&#8220; entlassen. Nach seiner Entlassung zog er sich wegen seines schlechten Gesundheitszustand von allem zurück und vereinsamte zusehends. 1938 starb er in einem Notbett am Gang im Spital der Wiener Kaufmannschaft. </p>



<p>  </p>
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		<title>„Solidarität ist ein Überlebensprinzip“</title>
		<link>https://kompetenz-online.at/2021/07/06/solidaritaet-ist-ein-ueberlebensprinzip/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Margaretha Kopeinig]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 06 Jul 2021 09:54:32 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Internationales]]></category>
		<category><![CDATA[Wirtschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Bildung]]></category>
		<category><![CDATA[Coronakrise]]></category>
		<category><![CDATA[Digitalisierung]]></category>
		<category><![CDATA[Fremdbestimmung]]></category>
		<category><![CDATA[Gewerkschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Gewerkschaftsgeschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Kapitalismus]]></category>
		<category><![CDATA[Margaretha Kopeinig]]></category>
		<category><![CDATA[Revolution]]></category>
		<category><![CDATA[Solidarität]]></category>
		<category><![CDATA[Wirtschaftskrise]]></category>
		<category><![CDATA[Wolfgang Maderthaner]]></category>
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					<description><![CDATA[Auch in einer Zeit der Umbrüche ist kollektive Solidarität mehr denn je gefragt. Der Historiker  analysiert die Entwicklung von Solidarität unter Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern. „Heute“, sagt er, geht solidarisches Verhalten Hand in Hand mit einer „großen Bildungsbewegung. Es geht um ein neues sozial-egalitäres Bewusstsein“.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="683" src="https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2021/07/Maderthaner-1024x683.jpg" alt="" class="wp-image-17139" srcset="https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2021/07/Maderthaner-1024x683.jpg 1024w, https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2021/07/Maderthaner-300x200.jpg 300w, https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2021/07/Maderthaner-150x100.jpg 150w, https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2021/07/Maderthaner-768x512.jpg 768w, https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2021/07/Maderthaner-600x400.jpg 600w, https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2021/07/Maderthaner-720x480.jpg 720w, https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2021/07/Maderthaner-272x182.jpg 272w, https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2021/07/Maderthaner.jpg 1500w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption><strong>Wolfgang Maderthaner, Historiker und ehemaliger Direktor des Österreichischen Staatsarchives.</strong></figcaption></figure>



<p><strong>Auch in einer Zeit der Umbrüche ist kollektive Solidarität mehr denn je gefragt. Der Historiker Wolfgang Maderthaner analysiert die Entwicklung von Solidarität unter Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern. „Heute“, sagt er, geht solidarisches Verhalten Hand in Hand mit einer „großen Bildungsbewegung. Es geht um ein neues sozial-egalitäres Bewusstsein“.</strong></p>



<span id="more-17134"></span>



<p>Fragt man Wolfgang Maderthaner, den bekannten Historiker und ehemaligen Direktor des Österreichischen Staatsarchives, nach der Bedeutung von Solidarität in der Gewerkschaftsbewegung, dann holt er weit aus: „Es gibt eine Begrifflichkeit, die sehr früh von jenen Intellektuellen verwendet wurde, die sich der Arbeiterbewegung zugehörig fühlten, damals am Beginn der industriellen Revolution. Die Rede war von Atomisierung.“ Der Begriff bedeutet nichts Anderes als dass Arbeitnehmer unter den neuen Formen der Produktion, genannt industrieller Kapitalismus, ihre Arbeitskraft laufend unter ihrem Wert verkaufen.</p>



<p>Maderthaner beschreibt es aber anschaulicher und spannt den Bogen zur Jetzt-Zeit: „Der Terminus der Atomisierung charakterisiert die Vereinzelung des Ausgebeuteten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts paradigmatisch. Aber, und das ist der Punkt: Das passiert heute in viel, viel radikalerer Weise. In orthodoxer Weise“, findet der Universitätsprofessor und skizziert die neue Entwicklung. „Seit dem Jahr 2000 gehen wir durch eine permanente Krise. 2008/2009 gab es den Zusammenbruch der Banken und des Finanzsystems mit der Folge steigender Arbeitslosigkeit in manchen EU-Staaten, vor allem Jugendliche waren damals extrem betroffen. Dann kam das Ringen um Griechenland mit den hohen Staatsschulden und seinen Verbleib in der Währungsunion. Unmittelbar danach begann 2015 die Flüchtlings- und Migrationskrise, die bis heute nicht gelöst ist. Und schließlich landeten wir in der Corona-Pandemie und damit in einer Gesundheits- und Sozialkrise.“ Die Lockdowns haben Folgen für viele Arbeitnehmer: „Das Zurückgeworfensein auf sich selbst durch das Arbeiten vor dem Bildschirm zu Hause oder in Form von Kurzarbeit hat zu einer radikalen Vereinzelung geführt und sich massiv als Normalität verfestigt. Viele haben das Bewusstsein verloren, Teil eines großen Ganzen zu sein“, analysiert Maderthaner und fügt nachdenklich hinzu: „Diese Entwicklung rührt an den Grundfesten der Arbeiterbewegung.“</p>



<blockquote class="wp-block-quote has-text-align-center is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Solidarität war immer ein Grundpfeiler der Gewerkschaft. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts reagierte die internationale Arbeiterschaft mit dem Bewusstsein, kein isoliertes Einzelnes zu sein, sondern unbesiegbar als Masse.</p><cite>Wolfgang Maderthaner</cite></blockquote>



<p>Der Historiker empfiehlt in der aktuellen Situation einen Blick zurück: „Solidarität war immer ein Grundpfeiler der Gewerkschaft. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts reagierte die internationale Arbeiterschaft mit dem Bewusstsein, kein isoliertes Einzelnes zu sein, sondern unbesiegbar als Masse.“ Die damalige Erzählung las sich wie folgt: „Wir sind es, die die Werte schaffen. Wir haben das Recht auf einen angemessenen Teil des gesellschaftlichen Reichtums. Unsere vornehmste Aufgabe ist es, die Arbeiterschaft mit dem Bewusstsein ihrer Lage zu erfüllen, nämlich mit ihrem Wert.“</p>



<p>Ja, und was heißt das heute? „Die Generation nach 1945 war die Generation der Hoffnung und der Erfüllung. Das Prinzip der Solidarität wurde in der Nachkriegszeit plötzlich zu einem verfestigten gesellschaftlichen Wert. Gemeinsam wurde der Wohlfahrtsstaat aufgebaut. Man hat Kollektivverträge erzielt, an die man nicht zu denken wagte. Soziale Standards wurden eingeführt, zum Beispiel die Altersabsicherung, die für eine Generation davor einfach nicht vorstellbar war. Diese Entwicklungen wurden als gewaltige Gesellschaftsleistung wahrgenommen. Heute werden sie als etwas Selbstverständliches, als immer Dagewesenes, betrachtet.“</p>



<p>Im Zeitalter der fortschreitenden Digitalisierung und der künstlichen Intelligenz, einer neuen technologischen Revolution, die unser Bewusstsein rasch verändert, sind die kollektive Solidarität und die errungenen Wohlfahrtssysteme mit ihrer Absicherung keineswegs passé.</p>



<p>„Wir sind in einer Zeit des Umbruches“, betont Maderthaner. Die Technik schreitet voran, die Appelle an Solidarität sind so unglaublich verständlich, auch die Sehnsucht nach gesellschaftlichem Zusammenhalt und einem erfolgreichen Zusammenwirken von Frauen und Männern. „Es gibt massive Appelle an den alten Wert der Solidarität, an Wertschätzung, Emanzipation und einem konstruktiven Dialog. Wir kommen in einer technologischen und sozialen Revolution auf die alten Werte zurück, weil diese in einer Umbruchsituation Sicherheit garantieren können“, beschreibt der Historiker die neuen Entwicklungen.</p>



<blockquote class="wp-block-quote has-text-align-center is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Der Grundwert der Solidarität könnte erst dann wieder relevant werden, wenn es einem großen Teil unserer Gesellschaft schlechter geht. Das ist meine Sorge.</p><cite>Wolfgang Maderthaner</cite></blockquote>



<p>Der Appell für mehr Solidarität geht mit der zunehmenden Fremdbestimmung der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer Hand in Hand. „Die Entfremdung von unserem Arbeitsprodukt ist heute noch radikaler als in der Vergangenheit. Deswegen ist das solidarische Zusammenwirken der Vielen notwendig. Damit soll verhindert werden, dass uns die Lebensgrundlage entzogen wird. Kurzum: Solidarität ist ein Überlebensprinzip.“</p>



<p>Wolfgang Maderthaner weist darauf hin, dass die „radikale Transformation der Produktivkräfte zwar Fortschritt schafft, gleichzeitig aber auch zu einer Zerstörung führt, die im Augenblick auch als Zerstörung unserer Umwelt greifbar ist“. Auch hier ist Solidarität gefragt. „Aber nicht nur als Sicherung unserer sozialen und kulturellen Standards, sondern auch als Rettung der Umwelt, des Raumes, in dem wir leben und arbeiten.“</p>



<p>Auch wenn das zuversichtlich klingt, Maderthaner ist vorerst noch skeptisch: „Der Grundwert der Solidarität könnte erst dann wieder relevant werden, wenn es einem großen Teil unserer Gesellschaft schlechter geht. Das ist meine Sorge“.</p>



<p>Was müssen die Gewerkschaften jetzt tun, um dieses Szenario zu vermeiden? „Sie müssen alles unternehmen, dass es nicht so weit kommt“, sagt der Historiker. Dabei spielt der Faktor Bildung eine große Rolle. „Es geht um massive Bildung. Nicht im alten Sinne. Aus der alltäglichen Praxis, aus den Vereinzelungserfahrungen, muss eine große Bildungsbewegung entstehen. Es muss Gegenwissen vermittelt werden und das Bewusstsein, dass Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer die Werte schaffen. Es geht um ein neues sozial-egalitäres Bewusstsein.“</p>
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