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	<title>Jubiläum &#8211; KOMPETENZ-online</title>
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		<title>Als das Arbeitsleben noch gemütlicher war</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Alexia Weiss]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 05 Nov 2019 07:39:09 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Porträt]]></category>
		<category><![CDATA[Alexia Weiss]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Gewerkschaftsgeschichte]]></category>
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					<description><![CDATA[Ingeborg Jagenbrein feierte heuer ein besonderes Jubiläum: Sie ist seit 70 Jahren Mitglied der GPA-djp.]]></description>
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<p class="wp-block-paragraph"><strong>Ingeborg Jagenbrein feierte heuer ein besonderes Jubiläum: Sie ist seit 70 Jahren Mitglied der GPA-djp.</strong></p>



<span id="more-11903"></span>



<p class="wp-block-paragraph">Es war einer der ersten kühleren Tage im Oktober. Im
ÖGB-Gebäude an der Donau fanden sich mittags ganz besondere Jubilare und
Jubilarinnen ein: Sie sind seit 60 oder sogar 70 Jahren Mitglied der
Gewerkschaft der Privatangestellten. Eine von ihnen ist Ingeborg Jagenbrein.
Für die Feier griff sie zu einem Kleidungsstück, das passender nicht sein
könnte: einen knallroten Mantel. Mit ihm sticht sie schon in der U-Bahn heraus
und als auch sie in der Station Donaumarina den Zug verlässt, ist klar, wohin
sie sich auf den Weg macht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Den Mantel, den habe sie schon viele, viele Jahre,
erzählt sie später lachend. Sie habe ihn schon lange nicht mehr herausgeholt.
Aber heute, da sei ihr danach gewesen. Das Gehen fällt ihr schon etwas schwer,
eine Krücke erleichtert es ihr momentan, das Gleichgewicht zu halten. Das
schmerze umso mehr, als sie bis vor ein paar Jahren eine passionierte Tänzerin
gewesen sei, erzählt sie. Aufgeben ist aber nicht ihres. Ihr Ziel ist es nun,
wieder sicherer auf den Beinen zu stehen, wieder längere Strecken gehen zu
können.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Kindheit in der NS-Zeit</h4>



<p class="wp-block-paragraph">Ingeborg Jagenbrein ist 87 Jahre alt. Ihre Kindheit
und ein Teil ihrer Jugend fiel in die Jahre des NS-Terrors in Österreich. Sie
erinnert sich an schwere Zeiten, da der Vater mit der Wehrmacht an die Front
musste und die Mutter ihre Tochter und sich irgendwie erhalten musste. Sie war
gelernte Strumpfstrickerin, nahm während des Zweiten Weltkriegs aber vor allem
Heimarbeit an, um für ihr Kind da sein zu können. Das Kind, die kleine
Ingeborg, war schwer lungenkrank und daher oft zu Hause. Die Ingeborg von heute
erinnert sich dabei vor allem an viel Einsamkeit: Den anderen Mädchen hätten
die Eltern verboten, sie zu besuchen, damit sie sich nicht anstecken.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ingeborg Jagenbrein findet heute aber auch darin etwas
Positives: So sei sie es von klein auf gewöhnt, alleine zu sein. Ihr Mann, mit
dem sie 44 Jahre lang verheiratet war, starb vor 21 Jahren. Die Eltern und
Schwiegereltern seien auch schon lange tot. Und den meisten ihrer Freundinnen
habe sie bereits ins Grab nachgeschaut. Eine gute Freundin habe sie noch – mit
ihr telefoniere sie oft. Aber sonst sei das Leben doch sehr einsam, geprägt von
vielen Arzt- und Therapiebesuchen, damit es mit dem besser Gehen eines Tages
doch noch etwas wird.&nbsp; </p>



<p class="wp-block-paragraph">Und so ist diese Feier, bei der sie geehrt wird, doch
auch eine willkommene Abwechslung. Dabei versteht sie gar nicht recht, wofür
sie da ausgezeichnet wird – viel habe sie ja nicht getan. Dabei gewesen sei sie
halt nur, bei der Gewerkschaft. Und wie das kam? Ob die Eltern auch schon
gewerkschaftlich organisiert gewesen seien?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nein, gar nicht, sagt Ingeborg Jagenbrein. Politik,
auch Gesellschaftspolitik sei in der Familie insgesamt eher wenig
Gesprächsstoff gewesen. In der NS-Zeit, da seien der Vater, er war Tapezierer,
aber als er eingezogen wurde, war er bereits arbeitslos, und die Mutter
Mitglied in der nationalsozialistischen Partei gewesen. „Ich habe damals ja
noch wenig verstanden, aber ich habe immer geschaut, was machen die da, da war
so ein Hefterl und da ist etwas eingeklebt worden.“ Nach dem Krieg sei darüber
aber nicht gesprochen worden. </p>



<h4 class="wp-block-heading">Handelsschule in der Nachkriegszeit</h4>



<p class="wp-block-paragraph">Sie habe zudem die letzten Kriegsjahre von den Eltern
getrennt verbracht: Der Vater war an der Front, später dann in Gefangenschaft.
Und sie selbst sei während ihrer Hauptschulzeit nach Bad Ischl verschickt
worden, dort sei in einem für diesen Zweck beschlagnahmten Hotel unterrichtet
worden. Zuerst habe sie sich gekränkt, so weit weg von der Mutter zu sein, aber
dann habe sie gesehen, „da waren ältere Mädchen, da haben wir gesungen und
getanzt. Und da habe ich gesehen, wie schön das ist, wenn man Freundinnen hat.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kaum war der Krieg zu Ende, sei keine Lehrkraft und
keine Krankenschwester mehr da gewesen. Die Mädchen seien mit einem Lkw nach
Wien zurückgebracht worden. Hier besuchte sie dann eine Handelsschule. Und nach
ihrem Abschluss war es so weit: sie trat ihre erste Arbeitsstelle an. „Das war
in einer Papiersäckefabrik in der Morizgasse im 6. Bezirk.“ Sie habe dort im
Büro gearbeitet, der Chef habe ihr Briefe diktiert und manchmal habe sie auch
im Verkauf ausgeholfen, wenn das Lehrmädchen, das diese Aufgabe eigentlich überhatte,
in der Berufsschule war. „Da sind die Greißler aus der Umgebung gekommen und
haben Sackerln gekauft. Wir hatten große und kleine, schönes Papier, alles
reißfest.“</p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img decoding="async" width="1024" height="341" src="https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2019/10/ingeborg-jagenbrein-1024x341.png" alt="" class="wp-image-11906" srcset="https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2019/10/ingeborg-jagenbrein-1024x341.png 1024w, https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2019/10/ingeborg-jagenbrein-150x50.png 150w, https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2019/10/ingeborg-jagenbrein-300x100.png 300w, https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2019/10/ingeborg-jagenbrein-768x256.png 768w" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption><strong>Ingeborg Jagenbrein lernte in einer Papiersäckefabrik in der Nachkriegszeit. Später arbeitete sie bei Wagner-Biro. Dort trat sie im Jahr 1949 auch der GPA bei. </strong><br>Fotos: Nurith Wagner-Strauss</figcaption></figure>



<p class="wp-block-paragraph">Die Arbeit habe sie aber nicht sehr befriedigt. So ist
sie eines Tages losgegangen, zu Palmers, um sich dort vorzustellen. „Dort zu
arbeiten, das hätte mir gefallen.“ Aber die Zuständigen dort, „die haben mich
so begutachtet und dann haben sie gesagt, nein, wir haben keinen Bedarf.“
Selbstkritisch meint Ingeborg Jagenbrein im Rückblick: „Ich war halt so
gewöhnlich.“ Andere junge Frauen hätten sich ganz anders hergerichtet, seien
sexy gewesen. „Davon habe ich ja keine Ahnung gehabt. Bei mir hätten’s von ganz
vorne anfangen müssen, dass ich sexy ausschau.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dennoch war sie fest entschlossen, die
Papiersäckefabrik zu verlassen. Also habe sie Annoncen gelesen, bis sie auf
eine Stelle bei Waagner-Biro in der Margaretenstraße stieß. Es sollte ihre
Lebensstelle werden. Bis zu ihrer Pensionierung im Jahr 1986 im Alter von 54
Jahren („in diesem Jahr konnte man ein Jahr früher in Pension gehen“) sollte
sie dort bleiben. Und es war in ihrer Anfangszeit bei Waagner-Biro, als sie
1949 der GPA beitrat. &nbsp;</p>



<h4 class="wp-block-heading">Vom Betriebsrat überzeugt Mitglied zu werden</h4>



<p class="wp-block-paragraph">Was hat sie bewogen, Gewerkschaftsmitglied zu werden?
„Eigentlich war es der Betriebsrat dort. Er hat mich bekniet, dass ich Mitglied
werde.“ Eines seiner Argumente war, dass es zum Beispiel in Ordnung sei, nicht
zur Arbeit zu kommen, wenn man krank sei und dass er sich dann auch für
Mitarbeiter einsetzen könne, die krank seien. Das habe sie überzeugt. Ein paar
Monate habe sie verstreichen lassen, bis sie dann tatsächlich Mitglied wurde.
Aber seitdem sei sie dabei. 70 Jahre ist das nun her. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Lachen muss sie, wenn sie erzählt, dass dieser
Betriebsrat einige Jahre später ihr Chef wurde. Seine Hilfe in
arbeitsrechtlichen Angelegenheiten habe sie daher nie in Anspruch nehmen
müssen. Aber einmal habe sie die Gewerkschaft doch um Hilfe gebeten, in einer
privaten Angelegenheit: Als der Schwiegervater starb, der am Ottakringer
Friedhof begraben werden wollte, musste die Familie das Grab erst kaufen, hatte
aber nicht ausreichend Mittel dafür. „Da haben wir einen Zuschuss von der
Gewerkschaft bekommen. Da ist uns wirklich geholfen worden.“ Dafür sei sie bis
heute dankbar.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In ihrer Jugend war Ingeborg Jagenbrein Mitglied in
der Turn- und Sportunion, Gymnastik habe sie besonders gerne gehabt, aber auch
schwimmen sei sie oft gewesen. An der Alten Donau habe sie dann auch ihren Mann
kennengelernt, einen Mitarbeiter der ÖBB. Mit ihm habe sie über die Jahre viele
Bahnreisen gemacht und später auch Kreuzfahrten. Kinder hat das Paar bewusst
nicht bekommen. „Nach dem Krieg hat man gesagt: Ich schaff mir doch kein
Kriegsmaterial an. Die Leute haben ihre Männer verloren, ihre Söhne verloren.
Kinder kamen zur Welt, weil Frauen vergewaltigt wurden. Es gab genug fremde
Kinder, aber die eigenen, die wollten keine Kinder.“ Und als sie dann bereits
37 Jahre alt gewesen seien, da hätten sie und ihr Mann nochmals über das Thema
gesprochen, „da haben wir gesagt, entweder wir wollen ein Kind oder eine
Eigentumswohnung. Und da haben wir gesagt: die Eigentumswohnung.“ Leid tut ihr
diese Entscheidung heute nicht. „Sie rennen mir nicht nach, die Kinder.“ Sie
habe also das Gefühl, das beruhe auf Gegenseitigkeit. „Meine Mutter hat mir das
aber bis in ihr Grab nicht verziehen, das ich kein Kind bekommen habe.“ </p>



<p class="wp-block-paragraph">Nach dem Tod ihres Mannes hat Ingeborg Jagenbrein den
Seniorentanz für sich entdeckt, war in Kursen an Volkshochschulen und sei auch
weiterhin gerne gereist, „aber immer mit der Bahn oder dem Schiff und manchmal
auch mit dem Bus“. Aber nie mit dem Flugzeug. Damit sei sie heute ja ganz
modern, kokettiert sie und lacht.</p>



<h4 class="wp-block-heading">EDV-Einführung in den 80er-Jahren</h4>



<p class="wp-block-paragraph">Dabei sei sie doch so insgesamt gar nicht mit der Zeit
gegangen. Bis heute habe sie weder ein Mobiltelefon noch einen Computer. Bei
Waagner-Biro habe sie als Buchhalterin gearbeitet. Doch Mitte der 1980er Jahre
begann das Unternehmen, die Buchhaltung auf EDV umzustellen. „Der Chef hat uns
da so kleine Rollen gezeigt und gesagt, das ist die ganze Bilanz. Wir haben da
noch große Bögen gehabt, haben mit Schreibmaschinen und Rechenmaschinen
gearbeitet und haben drei Monate gebraucht für die Bilanz.“ Auf die neuen
Arbeitsmethoden habe sie sich nicht mehr einstellen wollen. „Ich habe außerdem
gleich gefragt: wenn das nun die Maschine macht, wer verdient denn dann das
Geld? Das hat mich sehr irritiert und auch erbost: Die sind gemein und denken
nicht an die Leute, die sich eine Wohnung oder ein Haus gekauft haben und den
Kredit zurückzahlen müssen. Die haben Schulden und nun auch keine Arbeit mehr.“
Am Ende sollte sie recht behalten. In der Buchhaltungsabteilung hätten nach der
Umstellung auf das Computersystem statt vorher 28 nur mehr 17 Menschen
gearbeitet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Insgesamt setze sie sich umso mehr mit Politik
auseinander, je älter sie werde, erzählt Ingeborg Jagenbrein. Im Rahmen der
Feierlichkeiten für die GPA-JubilarInnen sprach Franz Georg Brantner,
Vorsitzender der Region Wien, auch die von der Regierung Sebastian Kurz gegen
den massiven Protest der Gewerkschaften umgesetzte Arbeitszeitflexibilisierung
an. Ingeborg Jagenbrein findet dazu im Anschluss anklagende Worte: „Zwölf
Stunden zu arbeiten, das ist Mord. Da hat man so lange gekämpft, dass es
geregelte Arbeitszeiten gibt und jetzt wird das alles weggewischt und
weggenommen. Ich habe mir nie vorstellen können, dass so etwas passiert.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Rückblick ist Ingeborg Jagenbrein sehr froh, dass
ihr eigenes Arbeitsleben immer in geordneten Bahnen verlief. Sie sei auf Urlaub
gefahren und das Wochenende sei frei gewesen. Auch jetzt gehe es ihr finanziell
sehr gut, betont sie. Sie habe eine gute Pension und beziehe ja auch noch eine
Witwenpension nach ihrem Mann. Sie lebe in ihrer Eigentumswohnung in Favoriten
und es fehle ihr – jedenfalls monetär – an nichts. Und auch wenn sie selbst
sich mit Computern oder dem Internet nie auseinandergesetzt hat, meint sie
dennoch, „die Welt gehört schon mir auch“.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und in dieser Welt gebe es schon auch sehr faszinierende Dinge. In Deutschland habe sie sich vor ein paar Jahren eine Autofabrik angesehen. „Bei dieser Führung war ich ganz hin- und hergerissen. Roboter haben die einzelnen Teile geschupft und zusammengesetzt. Wir haben gesehen, wie ein Auto entstanden ist, wie der Sitz hineingekommen ist.“ Da habe sie realisiert, „wieviel Maschinen heute eigentlich schon machen“. Die Arbeitswelt, die sie kannte, die existiert heute nicht mehr. Ihrem Mann und ihr habe sie aber ein schönes Leben ermöglicht, sagt Ingeborg Jagenbrein. Und darüber ist sie sehr froh.</p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



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<h4 class="wp-block-heading"><strong>Die Gewerkschaft GPA hilft</strong></h4>



<p class="wp-block-paragraph">GPA-Mitgliedern steht ein vielfältiges <a rel="noreferrer noopener" aria-label="Beratungsangebot (öffnet in neuem Tab)" href="https://www.gpa-djp.at/cms/A03/A03_3.9/ueber-uns/kontakt" target="_blank">Beratungsangebot</a> zu arbeitsrechtlichen Fragen zur Verfügung. Nicht-Mitglieder können unter 050301-301 eine kostenlose Erstberatung in Anspruch nehmen. </p>
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<p class="wp-block-paragraph"> </p>
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