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	<title>Sparpolitik &#8211; KOMPETENZ-online</title>
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	<title>Sparpolitik &#8211; KOMPETENZ-online</title>
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		<title>&#8222;Der Staat wird künftig eine größere und aktivere Rolle spielen.&#8220;</title>
		<link>https://kompetenz-online.at/2020/05/07/der-staat-wird-kuenftig-eine-groessere-und-aktivere-rolle-spielen/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Martin Panholzer]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 07 May 2020 11:04:29 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Arbeitsmarkt]]></category>
		<category><![CDATA[Interview]]></category>
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					<description><![CDATA[Der Leiter der GPA-djp Grundlagenabteilung, David Mum spricht im Interview über seine Visionen für einen Wideraufbau der Wirtschaft nach Corona und wie das finanziert werden kann. KOMPETENZ: Die Coronakrise führt zu einem nicht vorhergesehenen und bislang nicht gekannten Wirtschaftseinbruch. Was muss nun primär geschehen? DAVID MUM: Um möglichst rasch und ohne dauerhafte Schäden aus diese [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<figure class="wp-block-image size-large"><img fetchpriority="high" decoding="async" width="1024" height="683" src="https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2020/05/David-Mum_web_8147.png" alt="" class="wp-image-13576" srcset="https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2020/05/David-Mum_web_8147.png 1024w, https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2020/05/David-Mum_web_8147-300x200.png 300w, https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2020/05/David-Mum_web_8147-150x100.png 150w, https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2020/05/David-Mum_web_8147-768x512.png 768w, https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2020/05/David-Mum_web_8147-600x400.png 600w, https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2020/05/David-Mum_web_8147-720x480.png 720w, https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2020/05/David-Mum_web_8147-272x182.png 272w" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption>Foto: Nurith Wagner-Strauss</figcaption></figure>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Der Leiter der GPA-djp Grundlagenabteilung, David Mum spricht im Interview über seine Visionen für einen Wideraufbau der Wirtschaft nach Corona und wie das finanziert werden kann.</strong></p>



<span id="more-13570"></span>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>KOMPETENZ: </strong>Die Coronakrise führt zu einem nicht vorhergesehenen und bislang nicht gekannten Wirtschaftseinbruch. Was muss nun primär geschehen?</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>DAVID MUM: </strong>Um möglichst rasch und ohne dauerhafte Schäden aus diese Krise herauszufinden, braucht es umfassende öffentliche Investitionsprogramme und Beschäftigungspolitik. Gerade die Notwendigkeit in Klimaschutz zu investieren, eröffnet hier die Möglichkeit einer kurz- wie langfristigen Win-Win-Situation.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es zeigt sich auch, dass die Krise auf unterschiedliche Bevölkerungsgruppen sehr unterschiedliche Auswirkungen hat. Damit der Aufschwung nach der Krise beschäftigungsintensiv ist, ist eine weitere Verkürzung der Normalarbeitszeit sinnvoll. Die Einkommen in den versorgungskritischen Bereichen sind teilweise geringer als in anderen Branchen. Die Gesellschaft muss jene Menschen, deren Arbeit immer unverzichtbar ist auch angemessen bezahlen.&nbsp;</p>



<blockquote class="wp-block-quote has-text-align-center is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>&#8222;In strategisch wichtigen Unternehmen ist auch eine dauerhafte strategische Beteiligung des Staates sinnvoll.&#8220;</p><cite>David Mum</cite></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>KOMPETENZ:</strong> Zentral wird ja sein, dass eine industrielle Basis in der heimischen Wirtschaft erhalten bleibt?</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>DAVID MUM:</strong> Die Coronakrise zeigt deutlich, dass eine auf vor allem Shareholdervalue, auf kurzfristigen Profit ausgerichtete Unternehmensstrategie nicht nachhaltig ist und Unternehmen ohne ausreichende Reserven am schnellsten gefährdet sind. Gleichzeitig wird deutlich, dass Europa Defizite in seiner industriepolitischen Ausrichtung hat. Staathilfen für Unternehmen müssen daher darauf ausgerichtet sein, dass gesamtwirtschaftliche Ziele wieder stärker in den Vordergrund gerückt werden. In strategisch wichtigen Unternehmen ist auch eine dauerhafte strategische Beteiligung des Staates sinnvoll. Zudem muss Österreich und Europa langfristig in die Re-Ansiedlung von wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Industrien investieren, um die lebenswichtige Güter vor Ort herstellen zu können und stabilere Lieferketten zu etablieren. Diese Defizite wurden in der aktuellen Krise schonungslos aufgezeigt, als nicht in ausreichendem Maße Masken und Schutzausrüstungen vorhanden waren.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>KOMPETENZ:</strong> Derzeit kann sich ja der Staat relativ günstig verschulden, aber es wird der Tag kommen, an dem der Schuldenstand wieder zurückgefahren werden muss.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>DAVID MUM:</strong> Die derzeit notwendigen staatlichen Maßnahmen kosten enorm viel Geld und erfordern eine deutliche Schuldenaufnahme. Gleichzeitig erfordert der notwendige Ausbau der öffentlichen Leistungen (z.B. Pflege) und der umgehend notwendigen Investitionen in Klimaschutz, dass der Staat nach der Krise keine geringere, sondern eine größere Rolle spielt und daher auch mehr Ressourcen benötigt. Eine Austeritätspolitik, die auf Sparmaßnahmen setzt, um die Schulden zurückzuführen, würde der Gesellschaft großen Schaden zufügen und die Krise verlängern. Sie würde jene Institutionen schwächen, die uns ermöglichen diese Krise zu bewältigen, wie etwa das öffentliche Gesundheitswesen. Bereits jetzt müssen die Weichen dafür gestellt werden, dass die Finanzierung der jetzigen Maßnahmen verteilungsgerecht erfolgt. Steuererhöhungen nach der Krise dürfen nicht die Kaufkraft der Menschen schwächen. Daher sind Vermögenssteuern, europaweit abgestimmte höhere Gewinnsteuern, die Besteuerung von Vermögenserträgen und Finanztransaktionen sowie fair ausgestaltete Ökosteuern sinnvoll.</p>



<blockquote class="wp-block-quote has-text-align-center is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>&#8222;Der Anstieg der Arbeitslosigkeit im Frühjahr 2020 war trotz Kurzarbeit dramatisch und ist bislang der stärkste jemals verzeichnete gewesen.&#8220;</p><cite>David Mum</cite></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>KOMPETENZ:</strong> Die Bekämpfung der hohen Arbeitslosigkeit muss jetzt prioritär sein.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>DAVID MUM:</strong> Der dramatische und plötzliche Anstieg der Arbeitslosigkeit ist so besorgniserregend, weil die Arbeitslosigkeit bislang nach jedem Konjunkturzyklus auf ein höheres Ausgangsniveau gestiegen ist. Der Anstieg der Arbeitslosigkeit im Frühjahr 2020 war trotz Kurzarbeit dramatisch und ist bislang der stärkste jemals verzeichnete gewesen. Es bedarf hier daher Anstrengungen und Maßnahmen, die über das bislang Dagewesene hinausgehen. Es muss alles darangesetzt werden, dass der Wiederaufschwung nach Ende der Maßnahmen rasch und möglichst beschäftigungsintensiv wird. &nbsp;Kurzarbeit bietet die beste Basis für ein rasches Wiederaufleben der Produktion. Es ist aber unbedingt nötig, die Arbeitslosenversicherung armutsfester zu machen und die Nettoersatzrate von 55 Prozent auf 70 Prozent anzuheben. In der Sozialhilfe sollte der Freibetrag an Vermögen, welches man nicht verwerten (also abstoßen) muss, erhöht werden. „Die Erfahrung zeigt: Auch wenn wieder ein Aufschwung kommt, werden nicht alle gleichermaßen profitieren: Ältere, Menschen mit gesundheitlichen Problemen und Menschen mit Behinderungen brauchen Unterstützung.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch bei den Lehrstellen ist die Situation dramatisch. Die Zahl der offenen Lehrstellen sank auf etwa 4.500. Demgegenüber gibt es 8.366 aktiv Lehrstellensuchende. Daher brauchen wir überbetriebliche Lehrausbildungen und Arbeitsmarktprogramme für arbeitsuchende Jugendliche.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Unternehmensvertreter und Regierung wollen offenbar breite Lohnnebenkostensenkungen mit der Gießkanne für alle Betriebe. Das ist teuer und ineffektiv. Die Lohnnebenkosten sind die Beiträge für die Arbeitslosenversicherung, die Kranken-, Unfall-, und Pensionsversicherung. Die hohe Arbeitslosigkeit bringt ohnehin bereits in allen Kassen weniger Beitragseinnahmen und Finanzierungsprobleme, weitere Senkungen sind daher derzeit nicht machbar, will man die Versorgungssicherheit bewahren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir treten für zielgerichtete Hilfe und nicht für breite Geschenke an die Wirtschaft ein, die Lücken in den Sozialbudgets aufreißen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>KOMPETENZ:</strong> Was sind die Voraussetzungen für einen raschen Wiederaufschwung mit hohem Beschäftigungseffekt, der auch nachhaltig bleibt?</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>DAVID MUM:</strong> Der Staat wird künftig eine größere und aktivere Rolle in der Wirtschaft spielen müssen. Der Privatsektor wird nicht für ausreichend Arbeitsplätze sorgen. Es bedarf höherer öffentlicher Investitionen, aber auch höherer öffentlich finanzierter Beschäftigung. Die Staatsausgaben sind in der Krise sehr stark angestiegen und werden wieder zurückgehen. Aber es wird langfristig höherer öffentlicher Ausgaben bedürfen, um etwa Personal im Gesundheits- und Pflegesektor zu finanzieren. Damit wird nach der Coronakrise die Staatsquote insgesamt höher sein als vorher. Das Arbeitsvolumen soll sich auf möglichst viele Menschen verteilen. Daher sind weitere Schritte in Richtung Arbeitszeitverkürzung, wie sie in der Sozialwirtschaft nun konkret begonnen wurden, sinnvoll. Eine niedrigere Normalarbeitszeit bewirkt, dass ein Aufschwung eher zu mehr Beschäftigungsverhältnissen führt. Es zeigt sich, dass die Krise benachteiligte Gruppen härter trifft, sowohl gesundheitlich als auch sozial, insbesondere aufgrund der Betroffenheit von Arbeitslosigkeit und Einkommensentfall. Es bedarf daher eines Verbots von sachlich unbegründeten Befristungen, einer Beschränkung der Leiharbeit, der arbeitsrechtlichen Gleichstellung von freien DienstnehmerInnen und einer besseren Absicherung von Ein-Personen-Unternehmen.</p>



<blockquote class="wp-block-quote has-text-align-center is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>&#8222;Mehr Investitionen in Umbau der Wirtschaft auf Klimaneutralität schaffen eine Win-Win-Situation.&#8220;</p><cite>David Mum</cite></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>KOMPETENZ:</strong> Neben der Wirtschafts- und Beschäftigungskrise ist ja auch die Klimakrise weiterhin Realität.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>DAVID MUM:</strong> Die immensen Kosten der Stabilisierung der Unternehmen in der Coronakrise dürfen nicht dazu führen, dass in der Folge keine Finanzmittel für einen Umbau der Wirtschaft auf Klimaneutralität bereitgestellt werden. Die Coronakrise und ihre Kosten beseitigen nicht den Handlungsbedarf Richtung Klimaneutralität. Der Klimawandel kann nur eingedämmt werden, wenn sich die Konzentration der Treibhausgase nicht mehr erhöht, die jährlichen Emissionen also auf Netto-Null zurückgehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mehr Investitionen in Umbau der Wirtschaft auf Klimaneutralität schaffen eine Win-Win-Situation oder eine sogenannte doppelte Dividende. Sie erhöhen in einer Situation der dramatisch angestiegenen Arbeitslosigkeit unmittelbar die Beschäftigung und sie schaffen einen langfristigen Nutzen um die Wirtschaft auf Klimaneutralität umzustellen. Beides ist in großem Umfang und sehr rasch nötig.&nbsp;&nbsp;&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>KOMPETENZ:</strong> Der Staat spielt nun nach dem Jahrtausendwechsel schon zum zweiten Mal die Krisenfeuerwehr, was lernen wir daraus?</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>DAVID MUM: </strong>Der Ruf nach dem Staat ist ziemlich zyklisch. Wenn der freie Markt für die Unternehmen nicht mehr funktioniert, wird nach staatlichen Schutzmaßnahmen und Rettungsfonds gerufen. Nach der Stabilisierung der Wirtschaft mehren sich dann regelmäßig die Stimmen, dass die Staatseingriffe rasch wieder zurückgefahren werden und die Schulden, die durch die hohen Kosten entstanden sind, durch Ausgabenkürzungsprogramme wieder abgebaut werden sollen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dem ist entgegenzuhalten: Natürlich ist es gut und wichtig, dass der Staat die Wirtschaft in Krisen stabilisiert, aber es bedarf auch in Nicht-Krisenzeiten staatlicher Aktivitäten und Regulierungen, die die Wirtschaft weniger krisenanfällig machen. Das ist eine Lehre, die nicht nach Ende der Krise wieder vergessen werden sollte. Und die Rückzahlung der Kosten der Stabilisierungsmaßnahmen darf keinesfalls zu Lasten anderer staatlicher Kernaufgaben gehen. Programme zur Rettung von Unternehmen oder Banken durch Kürzungen im Gesundheits- oder Pensionssystem gegenzufinanzieren ist fahrlässig.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>KOMPETENZ:</strong> Viel ist heute von so genannten Eurobonds oder Coronabonds die Rede, was steht da dahinter?</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>DAVID MUM:</strong> Derzeit finanzieren sich die Mitgliedsstaaten der EU bzw. Eurozone unabhängig voneinander. Das kann zu Problemen führen, wenn Spekulanten auf kleine Länder setzen, die man mit weniger Geld in die Knie zwingen kann. Das passierte 2009 mit Griechenland und 2011 mit Spanien und Italien. Durch die Spekulation auf deren Staatsbankrott erhöhten sich die Zinsen massiv, die diese Länder für die Staatsanleihen zahlen mussten. Wenn die „Märkte“ in der Folge ein Land meiden und keine Anleihen kaufen oder sehr hohe Zinsen verlangen, ist das Land „fällig“. Die Staaten waren den Finanzmärkten und den Ratingagenturen ausgeliefert. Eine Abstufung durch Ratingagenturen führt zu einem Anstieg der Zinsen, die ein Land für Staatsanleihen zahlen muss und erhöht die Refinanzierungskosten. Da jeder Staat jährlich einen hohen Refinanzierungsbedarf hat, weil die auslaufenden Staatsanleihen zurückgezahlt werden müssen und dafür wieder Geld aufgenommen werden muss, kann ein Anstieg der Zinsen drastische Konsequenzen haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Grundidee von Europäischen Anleihen (Eurobonds) ist, dass die Eurozone als Ganze für Anleihen begibt. Damit wären die Spekulationen gegen einzelne Staaten nicht mehr möglich und das Zinsniveau würde für die meisten Staaten deutlich sinken. Derzeit können die Investoren einzelne Staaten meiden und auf andere ausweichen. Bei Eurobonds wäre das nicht mehr möglich. Da müssten die Investoren den ganzen EURO-Raum meiden. Das ist sehr unwahrscheinlich. Aber einigen wenige Länder mit besonders niedrigen Zinsen (Deutschland, Österreich) könnten bei Eurobonds leicht höhere Zinsen zahlen müssen, das erklärt auch den Widerstand dagegen. Allerdings könnte die EZB auch die Verzinsung von Eurobonds beeinflussen. Ein Problem stellt die Konstruktion der gemeinsamen Haftung dar. Denn bei gemeinsamen Anleihen muss auch geregelt werden, wer für die Rückzahlung haftet. Wenn Euro-Staaten gemeinsam Schulden am Kapitalmarkt aufnehmen und die Mittel aufteilen, muss geklärt werden wer für die Rückzahlung und Zinsen dieser Schulden haftet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aus Gründen der Sachlichkeit und politischen Durchsetzbarkeit, würde es Sinn machen, Eurobonds für europäische mehrere Mitgliedsstaaten betreffende Projekte einzuführen. Zu raschen Lösung der Coronakrise wären im Vorfeld der Einführung von Gemeinschaftsanliehen wären jedenfalls noch zahlreiche Schritte nötig.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Letztlich könnten die coronabedingten Mehrausgaben auch dadurch „gedeckt“ werden, dass die Zentralbanken das nötige Geld zur Verfügung stellen. In indirekter Form passiert derzeit etwas Ähnliches, weil die EZB, in großem Umfang Staatsanleihen aufkauft. Allerdings ist das keine direkte Form der Notenbankfinanzierung. Die Staaten geben Staatsanleihen aus, die meist von Banken gekauft werden und die EZB kauft diese Staatsanleihen den Banken auf den Finanzmärkten ab. Das Geld dafür wird durch die EZB geschaffen. Die geringen Zinsen für die Anleihen, die die EZB erhält, erhöhen den Gewinn der Zentralbanken und fließen wieder an deren Eigentümer, die Staaten. Die EZB plant 2020 Staatsanleihen im Ausmaß von insgesamt 750 Mrd. Euro zu kaufen.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>KOMPETENZ: </strong>Müssen die höheren Staatsschulden rasch reduziert werden?</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>DAVID MUM:</strong> Ein höherer Schuldenstand ist solange kein Problem, solange die Zinsen für Staatsschulden niedrig bleiben. Steigt durch die Corona-Krise die Schuldenquote von 70  auf 80 Prozent der Wirtschaftsleistung, ist das an sich noch nicht problematisch. Staaten und Unternehmen müssen nicht zu einem bestimmten Zeitpunkt schuldenfrei sein. Denn im Gegensatz zu Menschen haben Staaten kein natürliches Ende. Daher können Staaten fällig werdende Schulden durch neuerliche Verschuldung refinanzieren. Zudem haben die Staatsschulden einen Multiplikatoreffekt: Staatsausgaben beeinflussen die gesamtwirtschaftliche Nachfrage, Beschäftigung und Einkommen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Probleme ergeben sich nur dann, wenn auf den Finanzmärkten Zweifel an der Zahlungsfähigkeit eintreten und daher Neuverschuldung nur zu extrem hohen Zinsen möglich ist, weil sich niemand findet, der die Staatsanleihen eines Staates kaufen will.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dieses Risiko wurde in der Staatsschulden- bzw. Eurokrise 2011 für viele Staaten schlagend. Irrigerweise reagierten die EU Staaten damit, sich zu Sparpaketen zu verpflichten. Folge der Sparpolitik war, dass die Eurozone noch einmal in eine Rezession schlitterte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Staatsschuldenkrise wurde aber überwunden und zwar nicht durch die Sparpolitik, sondern durch die EZB. Nachdem die EZB begonnen hat auf den Märkten in großem Stil Staatsanleihen zu kaufen, gingen die Zinsen auf Staatsanleihen massiv zurück. Das ist auch logisch, da nun niemand Angst davor hat, auf spanischen oder italienischen Staatsanleihen „sitzen zu bleiben“ und keinen Abnehmer zu finden, wenn er sie verkaufen will.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Da die Notenbank prinzipiell das notwendige Geld in unbegrenzter Menge selbst schöpfen kann, um die Staatsanleihen zu kaufen, fanden nun auch keine Spekulationen auf Staatsbankrotte mehr statt. Eine spekulative Attacke gegen eine Notenbank, die in eigener Währung die Märkte beeinflussen kann, kann man nicht gewinnen. Die Eurozone verfügt daher über die Instrumente die Zinsen niedrig zu halten!</p>



<blockquote class="wp-block-quote has-text-align-center is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>&#8222;Steuern auf hohe Vermögen sind nicht nur verteilungspolitisch gerechter als Massensteuern sondern auch ökonomisch sinnvoller.&#8220;</p><cite>David Mum</cite></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>KOMPETENZ:</strong> Hat die Coronakrise die Notwendigkeit von Vermögenssteuern noch verstärkt?</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>DAVID MUM: </strong>Die jetzigen Maßnahmen erhalten nicht nur wirtschaftliche Substanz, sondern damit auch private (Unternehmens-)Vermögen. Es ist daher unerlässlich und ökonomisch argumentierbar, dass nach der Krise die Vermögenden einen Beitrag zur Deckung der Kosten leisten. Steuern auf hohe Vermögen sind nicht nur verteilungspolitisch gerechter als Massensteuern sondern auch ökonomisch sinnvoller. Sie treffen die obersten fünf Prozent und haben keine spürbare Wirkung auf Kaufkraft, Nachfrage und Konsum.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Neben einer jährlich zu zahlenden Vermögenssteuer auf Nettovermögen ab 1 Mio. Euro (Millionärssteuer) könnte auch eine befristete höhere Vermögensabgabe beschlossen werden, die die Corona bedingten Mehrkosten deckt. So etwas gab es in Deutschland nach dem 2. Weltkrieg: die Vermögensabgabe, die von 1949 bis 1980 ratenweise bezahlt wurde und – mit gleicher Bemessungsgrundlage – neben der jährlichen Vermögenssteuer bestand.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In Dänemark müssen Unternehmen 2020 und 2021 auf Dividendenzahlungen und Aktienrückkäufe verzichten, wenn sie Staatsgelder erhalten wollen. Außerdem wird Unternehmen, die in Steueroasen registriert sind, während der Coronavirus-Pandemie der Zugang zu Finanzhilfen untersagt. Dies sind Konzepte, die sicherstellen, dass staatliche Hilfe an Bedingungen geknüpft werden, die der heimischen Wirtschaft nützen.</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Sozialversicherung: Regierung hat Spardiktat zu Lasten der Menschen durchgesetzt</title>
		<link>https://kompetenz-online.at/2018/07/17/sozialversicherung-regierung-hat-spardiktat-zu-lasten-der-menschen-durchgesetzt/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[David Mum]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 17 Jul 2018 11:22:48 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Sozialstaat]]></category>
		<category><![CDATA[Ausgabenbremse]]></category>
		<category><![CDATA[AUVA]]></category>
		<category><![CDATA[David Mum]]></category>
		<category><![CDATA[Regierungsprogramm]]></category>
		<category><![CDATA[schwarz-blau]]></category>
		<category><![CDATA[Sozialversicherung]]></category>
		<category><![CDATA[Sparpolitik]]></category>
		<category><![CDATA[türkis-blau]]></category>
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					<description><![CDATA[Wie bei der Verlängerung der Höchstarbeitszeiten klaffen auch bei der Sozialversicherung Ankündigungen und Umsetzungen weit auseinander. Während die Regierung der Bevölkerung höhere Leistungen durch mehr Effizienz verspricht, sind Einsparungen vor allem zur Entlastung der Wirtschaft geplant. Nun hat die Regierung aber bereits vor ihrer Reform massiv nachteilig in die Arbeit der Sozialversicherung eingegriffen. Die Regierung hat [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><figure id="attachment_7999" aria-describedby="caption-attachment-7999" style="width: 1875px" class="wp-caption alignnone"><img decoding="async" class="size-full wp-image-7999" src="https://www.kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2019/02/umbau.png" alt="Grafik: GPA-djp Öffentlichkeitsarbeit" width="1875" height="1082" srcset="https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2019/02/umbau.png 1875w, https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2019/02/umbau-150x87.png 150w, https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2019/02/umbau-300x173.png 300w, https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2019/02/umbau-768x443.png 768w, https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2019/02/umbau-1024x591.png 1024w" sizes="(max-width: 1875px) 100vw, 1875px" /><figcaption id="caption-attachment-7999" class="wp-caption-text">Grafik: GPA-djp Öffentlichkeitsarbeit</figcaption></figure></p>
<p><strong>Wie bei der Verlängerung der Höchstarbeitszeiten klaffen auch bei der Sozialversicherung Ankündigungen und Umsetzungen weit auseinander. Während die Regierung der Bevölkerung höhere Leistungen durch mehr Effizienz verspricht, sind Einsparungen vor allem zur Entlastung der Wirtschaft geplant.</strong></p>
<p><span id="more-5609"></span><strong>Nun hat die Regierung aber bereits vor ihrer Reform massiv nachteilig in die Arbeit der Sozialversicherung eingegriffen.</strong></p>
<p>Die Regierung hat am 5.7.2018 mit einer verfassungsrechtlich sehr bedenklichen Gesetzesänderung die Arbeit der Sozialversicherung massiv erschwert und diese unter Kuratel gestellt. Wie bei den Arbeitszeitverlängerungen wurde auch hier versucht, eine Diskussion zu unterbinden, in dem das Ganze in das Erwachsenenschutz-Anpassungsgesetz eingebaut wurde.</p>
<p>Sämtliche Sozialversicherungsträger müssen alle neuen Bauvorhaben stoppen und dürfen bis 2019 kein Führungspersonal, keine Ärzte und kein Verwaltungspersonal mehr aufnehmen. Es dürfen nur noch Instandhaltungsarbeiten durchgeführt werden. Dieser Eingriff in die Selbstverwaltung bedeutet den Stopp für geplante Renovierungen und Neubauprojekte von Gesundheitseinrichtungen der Sozialversicherung, Gesundheitseinrichtungen, die jährlich von Millionen Menschen aufgesucht werden!</p>
<p>Die Arbeit der Beschäftigten wird willkürlich blockiert. Die Regierung gefährdet damit die Weiterentwicklung und Sicherheit der medizinischen Versorgung.</p>
<p><figure id="attachment_5648" aria-describedby="caption-attachment-5648" style="width: 800px" class="wp-caption alignnone"><img decoding="async" class="wp-image-5648" src="https://www.kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2018/07/ausgabenbremse.jpg" alt="Durch die Ausgabenbremse gefährdete Bauprojekte" width="800" height="616" srcset="https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2018/07/ausgabenbremse.jpg 1001w, https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2018/07/ausgabenbremse-300x231.jpg 300w, https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2018/07/ausgabenbremse-768x592.jpg 768w" sizes="(max-width: 800px) 100vw, 800px" /><figcaption id="caption-attachment-5648" class="wp-caption-text">Durch die Ausgabenbremse gefährdete Bauprojekte, Quelle: Hauptverband der Sozialversicherungsträger</figcaption></figure></p>
<p><strong>Das ist kein Sparen im System, sondern Kürzen mit System</strong></p>
<p>Die Sozialversicherung ist der Kern des Sozialstaates und versichert 8,8 Millionen Menschen. Durch Blockade von Bauvorhaben, Vertragsabschlüssen und Nachbesetzungen wird die Versorgung gefährdet und verschlechtert.</p>
<p>Die Sozialversicherung darf ohne Genehmigung des Ministeriums keine Vertragsverhandlungen etwa mit der Ärztekammer mehr aufnehmen. Die medizinische Versorgung wird aber genau durch solche Gesamtverträge zwischen den Krankenversicherungen und der Ärztekammer sichergestellt.</p>
<p>Oberstes Ziel dieses Anlassgesetzes sind nur noch Ausgabenbegrenzungen und nicht mehr Qualität und Stand der Wissenschaft. Besser kann man die Lügen von „Sparen im System statt bei den Menschen“ nicht widerlegen. Kostensenkung geht vor Versorgungsqualität. Gefährdet sind damit auch die Ziele und die Umsetzung der Gesundheitsreform, der Ausbau der Primärversorgungszentren und viele konkrete Projekte, die nun gestoppt werden müssen: z.B. in Wien der Ausbau der Wundversorgung und der Schmerzzentren, der Kinderabteilung im Gesundheitszentrum Süd, der hämatologischen/onkologischen Abteilung im Hanusch-Krankenhaus oder der Ausbau des Zahngesundheitszentrums in Linz.</p>
<p>Laufende Bauvorhaben zu stoppen, versursacht Mehraufwand und Kosten. Dieses Anlassgesetz gefährdet die Versorgung der Menschen und dient lediglich der Umfärbung der Träger.</p>
<p>Die Menschen in Österreich brauchen die medizinische Versorgung und die Beschäftigten der Sozialversicherung müssen ihre Arbeit an den Versicherten leisten können. Die Entmündigung der Entscheidungsträger durch Ausgabengrenzen und Finanzierungsstopps wird schwerwiegende Folgen haben. Mit diesem Gesetz wird verfassungsrechtlich unzulässig in den laufenden Betrieb interveniert und das wird ein rechtliches Nachspiel haben.</p>
<p><a href="http://orf.at/stories/2445873/" target="_blank" rel="noopener noreferrer" aria-label="Verfassungsexperte Theo Öhlinger erklärt am 6.7. zu diesem Eingriff in die verfassungsrechtlich garantierte Selbstverwaltung im Gespräch mit der APA (öffnet in neuem Tab)">Verfassungsexperte Theo Öhlinger erklärt am 6.7. zu diesem Eingriff in die verfassungsrechtlich garantierte Selbstverwaltung im Gespräch mit der APA</a>: &#8222;Ich kann mir das schwer vorstellen, dass das vor dem VfGH halten würde&#8220;. Aus verfassungsrechtlicher Sicht für &#8222;zumindest fragwürdig&#8220; hält das auch Verfassungsrechtler Heinz Mayer, da in die Organisationshoheit der Sozialversicherungen eingegriffen wird. Postenbesetzungen gehören wohl zu den inneren Anliegen, die sie als Selbstverwaltungskörper selbst erledigen können.</p>
<p>Die Ausgaben-Obergrenze für Vertragsverhandlungen hat zur Folge, dass die Sozialversicherung keine Leistungsverbesserungen verhandeln kann, Menschen privat zahlen müssen und die Gesundheit darunter leidet. Das ist besonders problematisch, weil die Sozialversicherung gerade dabei ist, verstärkt in die Allgemeinmedizin und den Bereich Kinderärzte zu investieren, um dem aufkeimenden Ärztemangel in ländlichen Gebieten gegenzusteuern.</p>
<p>Die GPA-djp wird gemeinsam mit anderen die Kampagne „Mein Herz für ein soziales Österreich“ weiterführen und die Beschäftigten unterstützen. Unser Sozialsystem ist zu schade für Husch-Pfusch-Gesetze, die das System bewusst an die Wand fahren und handlungsunfähig machen sollen. Die Regierung hat am 5.7.2018 vorsätzlich den Bogen überspannt. Wir werden darauf angemessen, deutlich und überlegt reagieren.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
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		<title>Pflege: Sparen, wo&#8217;s richtig weh tut</title>
		<link>https://kompetenz-online.at/2015/08/31/sparen-wos-richtig-weh-tut/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Christian Resei]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 31 Aug 2015 09:39:56 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Arbeitszeit]]></category>
		<category><![CDATA[Ausgabe 2015/04]]></category>
		<category><![CDATA[Betriebsrat]]></category>
		<category><![CDATA[Porträt]]></category>
		<category><![CDATA[Christian Resei]]></category>
		<category><![CDATA[Normkostenmodell]]></category>
		<category><![CDATA[Pflege]]></category>
		<category><![CDATA[Sozialwirtschaft]]></category>
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					<description><![CDATA[Die Betreuung von Menschen, ob alt, krank oder mit besonderen Bedürfnissen, braucht Einfühlungsvermögen und ist keine Fließbandarbeit. Einer „Industrialisierung“ des Pflegebereichs muss rasch Einhalt geboten werden. Mit vollem Einsatz: „Ich habe das Gatter zum Bauernhof einer Klientin geöffnet und da stürmte eine kleine Horde Esel raus“, erzählt Petra Pöllhuber, stv. Betriebsratsvorsitzende beim Oberösterreichischen Hilfswerk. Dass [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><figure id="attachment_2898" aria-describedby="caption-attachment-2898" style="width: 300px" class="wp-caption alignleft"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-2898 size-medium" src="https://www.kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2015/08/Fotolia_60378442_L-300x198.jpg" alt="Mobile Hauskrankenpflege lässt Beziehungen entstehen und kann nicht in ein Normkostenmodell gezwängt werden. Bild: Firma V - Fotolia" width="300" height="198" srcset="https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2015/08/Fotolia_60378442_L-300x198.jpg 300w, https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2015/08/Fotolia_60378442_L-768x506.jpg 768w, https://kompetenz-online.at/wp-content/uploads/2015/08/Fotolia_60378442_L.jpg 861w" sizes="auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px" /><figcaption id="caption-attachment-2898" class="wp-caption-text">Mobile Hauskrankenpflege lässt Beziehungen entstehen und kann nicht in ein Normkostenmodell gezwängt werden. Bild: Firma V &#8211; Fotolia</figcaption></figure></p>
<p><strong>Die Betreuung von Menschen, ob alt, krank oder mit besonderen Bedürfnissen, braucht Einfühlungsvermögen und ist keine Fließbandarbeit. Einer „Industrialisierung“ des Pflegebereichs muss rasch Einhalt geboten werden.</strong></p>
<p><span id="more-2889"></span>Mit vollem Einsatz: „Ich habe das Gatter zum Bauernhof einer Klientin geöffnet und da stürmte eine kleine Horde Esel raus“, erzählt Petra Pöllhuber, stv. Betriebsratsvorsitzende beim Oberösterreichischen Hilfswerk. Dass die Tiere ausgerechnet die Bahngleise in unmittelbarer Nähe als Weidefläche bevölkerten, führte zu heller Aufregung – die Langohren wieder einzufangen, kostete große Mühe. Mobile Hauskrankenpflege hat viele Seiten, nur wenig ist vorhersehbar &#8211; besonders am Land, wo auch weitere Strecken zurückgelegt werden. „Eine Kollegin muss in der Früh erst 40 Kilometer fahren, um ihre erste Klientin zu besuchen“, erzählt Pöllhuber. Ist morgens um 6 Uhr Dienstbeginn, heißt das um halb fünf Uhr aufstehen.</p>
<p>Pöllhuber ist für 1.200 MitarbeiterInnen zuständig, der Einsatzbereich reicht von Kinderbetreuung, Lernbegleitung, mobiler Altenpflege, mobiler Hauskrankenpflege, mobiler Kinderkrankenpflege und Arbeitsbegleitung über Heim- und Haushilfe sowie Physio- und Ergotherapie. Das Land Oberösterreich rechnet Pflegeleistungen nach Zeiteinheiten ab. Dieses so genannte Normkostenmodel ist problematisch. Die Pflege der KlientInnen darf eine bestimmte Normzeit nicht überschreiten – allein, Menschen sind Individuen und keine Maschinen. Das gilt für HelferInnen wie KlientInnen. Pöllhuber: „Wir haben viel mit alten und kranken Menschen zu tun, der Tagesablauf ist jeden Tag ein anderer.“ Werden Menschen über eine lange Dauer gepflegt, entstehen oft auch innige Beziehungen, die sich nicht so leicht normieren lassen. „Die Leute brauchen Zuwendung. Man fährt jahrelang zu den selben Menschen, ist fast ein Familienmitglied, kennt sich in deren Wohnung beinahe so gut aus, wie in der eigenen.“ Liegt der KlientIn etwas am Herzen, wird nicht einfach nur der Körper gepflegt und gewaschen, der Blutdruck gemessen oder ein Verband gewechselt. Nicht bloß An- und Ausziehhilfe oder Hilfestellung bei der Mobilisation geleistet, sondern auch zugehört. „Wie es das Normkostenmodell vorsieht, wäre es am besten, man geht rein bei der Tür, macht schnell seine Aufgaben und geht wieder raus“, kritisiert Pöllhuber.</p>
<p>Dass gespart wird, spüren die ArbeitnehmerInnen schon jetzt: der Druck im Job wird immer heftiger, die Arbeitsverdichtung steigt deutlich. „Bei der jährlichen Branchenanalyse zeigt sich, die Anzahl der KlientInnenstunden steigt im Vergleich zu den Personaleinheiten stärker an“, sagt Reinhard Gratzer, Regionalsekretär der GPA-djp. Für die einzelnen Arbeitsschritte bleibt immer weniger Zeit, doch freilich muss präzise gearbeitet werden. „Die Echtzeiterfassung in den mobilen Diensten erhöht den Druck auf die ArbeitnehmerInnen, „unproduktive“ Zeiten (z.B. Besuch der Toilette) in die Freizeit zu verlagern, was natürlich völlig absurd ist</p>
<p>Claudia Goldgruber ist stellvertretende Betriebsratsvorsitzende der Caritas für Menschen mit Behinderung (CMB) in Oberösterreich. Goldgruber ist in der Einrichtung St. Isidor in Leonding tätig &#8211; Behindertenarbeit vom Kindergarten über Hort bis hin zur Altenbetreuung. Der Betreuungsschlüssel wird vom Land Oberösterreich festgelegt, Korrekturen sind kaum möglich. „Dabei entwickeln sich gerade Kinder weiter und kommen in Phasen, in denen die Betreuung intensiver sein sollte“, sagt Goldgruber.</p>
<p>Allgemein wird der Druck größer. „Es fehlen einfach Leute, Stellen werden nicht nachbesetzt und es gibt Langzeit-Krankenstände. Das geht zu Lasten des Personals &#8211; zusätzliche Dienste, Mehr- und Überstunden müssen gemacht werden“, weiß die stv. Betriebsratsvorsitzende. Es gibt zu wenig Springer, die einen kurzfristigen Personalausfall ausgleichen können. Immer wieder kommt es vor, dass MitarbeiterInnen, die ihren Urlaub schon gebucht haben, wieder in der Arbeit erscheinen um bei Engpässen auszuhelfen. Das führt schon zu einem gewissen Unmut. „Wir wünschen uns, dass die Einsparungen nicht auf Kosten der MitarbeiterInnen gehen.“ Der Betriebsrat schaut, wo der Belegschaft der Schuh drückt. „Wir sind in die MitarbeiterInnen-Befragung der Caritas Oberösterreich eingebunden. Wir erhoffen uns dabei viele Rückmeldungen und werden bei Problemen unterstützend eingreifen.“</p>
<p>Auch in der mobilen Betreuung brennen die Leute aus. Mehr- oder Überstunden zur Gänze abzubauen ist fast unmöglich. „Durch die Mehrbelastung, die wir jetzt haben, ist es ein Teufelskreis“, ergänzt Petra Pöllhuber. Die jungen MitarbeiterInnen, die noch fit sind, übernehmen viele Überstunden bis auch sie ausgelaugt sind. Fallen kurzfristig Arbeitskräfte aus, wird bisweilen auch die 10-Stunden-Höchstarbeitszeit überschritten. Schließlich warten die KlientInnen auf ihre Pflege. Ersatz war früher auch leichter zu organisieren. Hatten die Hilfsorganisation einige unerwartete Ausfälle, konnte eine andere Organisation KlientInnen übernehmen. Heute geht das nicht mehr. Denn nun gibt es pro Sprengel nur mehr eine Hilfsorganisation, die für die mobile Hauskrankenpflege zuständig ist.</p>
<p>Reinhard Gratzer fasst zusammen: „Das Land Oberösterreich hat mehrfach in den vergangenen Jahren die Kollektivvertrag-Erhöhungen nicht zur Gänze finanziert. Weiters steigen auch Kosten durch Dienstplanabweichungen, z.B. durch Einspringen bei Krankenständen.“ Darüber hinaus kommen Betriebe mit überdurchschnittlich vielen langjährigen MitarbeiterInnen unter Druck, da deren Gehaltskosten über den Vorgaben des Normkostenmodells liegen. „Es ist einerseits verständlich, dass die öffentliche Hand die Kosten mittels Normvorgaben mess- und steuerbar machen will“, meint Gratzer, „andererseits ist die Ignoranz gegenüber jeglicher Abweichung von diesem Modell eine Realitätsverweigerung.“</p>
<p>Pflege und Gesundheit benötigen eine solide und nachhaltige Finanzierung. Das nutzt nicht nur den ArbeitnehmerInnen in den sozialen Berufen. Denn auch den KlientInnen ihre Angehörigen geht es besser, weil sie als Menschen wahrgenommen werden und nicht nur als Zeiteinheiten.</p>
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