Vermögenssteuer in Norwegen: Ein funktionierendes Modell gegen Ungleichheit

In Norwegen gibt es seit 130 Jahren eine Vermögenssteuer, die auch in der Bevölkerung breite Zustimmung findet.
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Wenn in Europa über Vermögenssteuern diskutiert wird, fällt ein Land immer wieder: Norwegen. Während viele Staaten solche Abgaben abgeschafft haben, hält Norwegen seit Jahrzehnten daran fest – und hat sie zuletzt sogar erhöht. Die Erfahrung dort zeigt, dass eine Vermögenssteuer nicht nur theoretisch funktioniert, sondern ganz konkret Einnahmen bringt und gesellschaftliche Ungleichheit begrenzen kann.

In Norwegen wird das gesamte Vermögen besteuert, nicht nur Einkommen. Grundlage ist das sogenannte Nettovermögen, also alles, was jemand besitzt – etwa Immobilien, Ersparnisse oder Unternehmensanteile – abzüglich bestehender Schulden. Erst ab einem relativ hohen Freibetrag greift die Steuer überhaupt, sodass ein großer Teil der Bevölkerung gar nicht betroffen ist.

Die Sätze selbst sind bewusst moderat gehalten. Sie bewegen sich rund um ein Prozent und steigen für sehr große Vermögen leicht an. Gleichzeitig werden bestimmte Vermögenswerte, etwa selbst genutzte Immobilien, nicht zum vollen Marktwert bewertet. Das führt dazu, dass die tatsächliche Belastung oft niedriger ausfällt, als es auf den ersten Blick scheint.

Wie die Steuer berechnet wird

Jedes Jahr wird das gesamte Nettovermögen einer Person erfasst. Ausgangspunkt ist eine umfassende Vermögensaufstellung: Dazu zählen Bankguthaben, Aktien, Fonds, Immobilien und Unternehmensanteile. Von diesem Gesamtwert werden Schulden abgezogen. Besteuert wird also nur das, was tatsächlich „übrig bleibt“. Viele Daten werden dabei automatisch gemeldet, etwa von Banken oder Wertpapierdepots. Steuerpflichtige müssen ihre Angaben ergänzen oder korrigieren, aber ein großer Teil ist bereits vorausgefüllt. Das reduziert Spielräume für Verschleierung deutlich.

Erst ab einem bestimmten Schwellenwert fällt überhaupt Steuer an. Dieser Freibetrag liegt derzeit bei rund 1,9 Millionen norwegischen Kronen pro Person (das entspricht etwa 170.000 Euro), für Paare entsprechend doppelt so hoch. Wer darunter liegt, zahlt keine Vermögenssteuer.

Liegt das Vermögen darüber, wird nur der Betrag oberhalb dieses Freibetrags besteuert. Der Steuersatz ist vergleichsweise niedrig und bewegt sich knapp über einem Prozent. Er setzt sich aus einem staatlichen und einem kommunalen Anteil zusammen, sodass ein Teil der Einnahmen direkt bei den Gemeinden landet.

Ein wichtiger Punkt ist die Bewertung des Vermögens. Nicht alles wird zum vollen Marktwert angesetzt. Selbst genutzte Immobilien werden beispielsweise nur zu einem Teil ihres Wertes berücksichtigt, ebenso gibt es Bewertungsabschläge für bestimmte Unternehmensanteile. Dadurch wird verhindert, dass Menschen wegen „gebundenem Vermögen“ – etwa im Eigenheim – übermäßig belastet werden.

Die Steuer wird jährlich erhoben. Das bedeutet, dass nicht nur einmalige Gewinne besteuert werden, sondern bestehende Vermögen laufend einen Beitrag leisten.

Warum das Modell funktioniert

Ein zentraler Punkt ist die Entwicklung der Einnahmen. Nach Anpassungen der Steuer sind die Einnahmen deutlich gestiegen. Statt Einbrüchen, wie sie häufig prognostiziert werden, zeigt sich ein gegenteiliger Trend: Der Staat nimmt mehr ein und kann damit öffentliche Leistungen finanzieren.

Gleichzeitig bleibt die wirtschaftliche Dynamik erhalten. Die moderate Ausgestaltung sorgt dafür, dass Vermögensaufbau weiterhin möglich ist. Es geht nicht darum, Reichtum zu verhindern, sondern darum, sehr große Vermögen stärker in die Finanzierung des Gemeinwesens einzubeziehen.

Die Akzeptanz der Vermögenssteuer in der Bevölkerung ist hoch: Roger Bjørnstad, Chefökonom des norwegischen Gewerkschaftsbundes formuliert es so: „Insgesamt steht die Vermögenssteuer in der Bevölkerung also gut da, auch wenn es Punkte gibt, bei denen wir als Gewerkschaft Anpassungen sinnvoll finden würden.“

Auch bei der oft genannten Gefahr der Steuerflucht zeigt sich ein differenziertes Bild. Einzelne sehr vermögende Personen haben das Land verlassen, doch von einer breiten Abwanderung kann keine Rede sein. Die Einnahmen entwickeln sich weiterhin stabil, was darauf hindeutet, dass das System insgesamt funktioniert.

Ein System, das weiterentwickelt wird

Norwegen hat seine Vermögenssteuer immer wieder angepasst. Ein Beispiel dafür ist die Einführung zusätzlicher Regelungen für Personen, die ihren Wohnsitz ins Ausland verlegen. Damit soll verhindert werden, dass unversteuerte Vermögenszuwächse einfach dem Zugriff entzogen werden.

Diese laufende Weiterentwicklung ist ein wichtiger Teil des Erfolgs. Die Steuer ist kein starres Instrument, sondern wird an wirtschaftliche und gesellschaftliche Veränderungen angepasst.

Was andere Länder daraus lernen können

Norwegen ist kein Modell, das sich eins zu eins übertragen lässt. Dennoch liefert es wichtige Erkenntnisse. Eine Vermögenssteuer kann funktionieren, wenn sie klar geregelt ist und auf realistische Sätze setzt. Sie kann Einnahmen steigern, ohne die wirtschaftliche Stabilität zu gefährden. Und sie kann dazu beitragen, die wachsende Ungleichheit gezielt zu begrenzen.

Gerade in Zeiten, in denen sich Vermögen immer stärker konzentriert, stellt sich die Frage nach fairer Verteilung neu. Norwegen zeigt, dass es möglich ist, hier politisch anzusetzen, ohne extreme Brüche zu erzeugen.

Die norwegische Vermögenssteuer ist kein radikales Experiment, sondern ein bewährtes Instrument. Sie zeigt, dass große Vermögen besteuert werden können, ohne dass das System instabil wird.

Während anderswo oft nur darüber gesprochen wird, gibt es in Norwegen längst praktische Erfahrung. Und diese Erfahrung legt nahe, dass eine klug gestaltete Vermögenssteuer ein wirksames Mittel sein kann, um öffentliche Aufgaben zu finanzieren und gesellschaftliche Balance zu stärken.

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