
Foto: Edgar Ketzer
Im Traumazentrum Wien, Standort Meidling, arbeiten viele Berufsgruppen eng zusammen. Ein Rundgang durch ein Haus, in dem Teamarbeit keine Floskel ist.
Betritt man das Traumazentrum Wien am Standort Meidling während der einmal im Jahr vorgeschriebenen Wartungsphase im OP-Bereich, wirkt das Haus fast ruhig. Gleich beim Eingang trifft man Drazenka Stupar, die den Sachverhalt aufklärt. Sie ist diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegerin (DGKP) und seit rund 20 Jahren in dem von der AUVA betriebenen Krankenhaus tätig. Seit einem Jahr arbeitet sie in der Erstuntersuchung.
Die Wartungsphase findet regelmäßig statt. In dieser Zeit werden Geräte gewartet oder ausgetauscht, die im Operationsbetrieb unerlässlich sind. Leistungen, die normalerweise auf die beiden Standorte des Traumazentrums Wien aufgeteilt sind, übernimmt dann unter anderem der Standort Brigittenau. In Meidling ist es deshalb an diesem Tag deutlich leiser als sonst.
Die Stille trügt
Wie es außerhalb solcher Pausen aussieht? „Da geht es manchmal schon drunter und drüber“, erzählt Stupar. An manchen Tagen kommen rund 50 Rettungstransporte ins Haus. Dann sitzt sie in einer von drei Kabinen, in denen Unfallverletzungen erstuntersucht und behandelt werden.

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Nicht alle Patient:innen kommen auf demselben Weg. „Es gibt noch zwei weitere Möglichkeiten“, ergänzt Betriebsratsvorsitzender Robert Rois. „Gehend oder über den Himmel.“ Gehend bedeutet: Patient:innen suchen das Krankenhaus selbst auf, oft mit weniger schweren Verletzungen. „Über den Himmel“ meint die Einlieferung mit dem Rettungshubschrauber – meist bei besonders schweren Verletzungen.

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Das Team zählt
Diese unterschiedlichen Wege müssen koordiniert und nach Dringlichkeit abgewickelt werden. Dafür braucht es Erfahrung, klare Abläufe und vor allem Vertrauen. „Es ist so wichtig, dass wir als Team funktionieren“, sagt Stupar. „Wenn jemand mit einer Schädelblutung kommt, muss ich mich darauf verlassen können, dass immer jemand auf diese Person schaut. Da kann sich der Zustand in jeder Sekunde verändern.“
„Es ist so wichtig, dass wir als Team funktionieren.“
Drazenka Stupar, diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegerin
Während sie das erzählt, wirkt Stupar ruhig und konzentriert. Woher sie diese Gelassenheit nimmt? Sie lächelt. „Das habe ich von meiner Mutter.“ Außerdem gebe es viele Fortbildungen, zuletzt habe sie eine zu mentaler Stärke besucht. An ihrer Berufswahl zweifelt sie nicht: „Wenn ich meinen Beruf wieder wählen könnte, würde ich wieder Krankenpflegerin werden.“
Von der Anmeldung zur Behandlung
Die Anmeldung findet für viele Patient:innen beim Schalter der Erstuntersuchung statt. Dort, im ersten Stock, arbeitet Saskia Ring. Die medizinische Verwaltungsassistentin hat ursprünglich eine Lehre im Einzelhandel absolviert, war später in einer Ordination tätig und kam schließlich zur AUVA. Am Schalter nimmt sie die Daten der Patient:innen auf. Auch Rettungsteams kommen nach der Übergabe zu ihr, um Patient:innen anzumelden.

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Damit rasch gearbeitet werden kann, muss auch hier jedes Rad ins andere greifen. Ring ist nicht nur am Schalter tätig, sondern auch in der Kabine bei der Untersuchung dabei. Sie dokumentiert Befunde, organisiert weitere Schritte wie Röntgenaufnahmen und verschriftlicht Diagnose und Behandlung. Eingespielt zu sein zahlt sich aus. „Ich weiß oft schon, was mir der Arzt sagen wird, bevor er überhaupt zu diktieren beginnt“, sagt sie.
Koordination im Schockraum
Wie wichtig diese Zusammenarbeit ist, betont auch Ali Zadehmohammad. Der Facharzt für Orthopädie und Traumatologie beschreibt das Miteinander im Haus als besondere Stärke: „Ich finde hier ganz besonders, wie gut man als Team auf Augenhöhe zusammenarbeitet – über alle Berufsgruppen hinweg. Das macht sehr viel für das Arbeitsklima aus und ist essenziell, damit unsere Arbeit gut funktioniert.“

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Besonders sichtbar wird das in kritischen Situationen, etwa im Schockraum. Dort werden Schwer- und Schwerstverletzte interdisziplinär versorgt. Die Abläufe sind genau abgestimmt. Ein Ganzkörper-CT ist in ein bis zwei Minuten durchgeführt, ein kompletter Laborbericht liegt nach rund 40 Minuten vor – und das zu jeder Uhrzeit. So können Verletzungen rasch erkannt und Patient:innen möglichst gut behandelt werden. Wenn es notwendig ist, kann im Schockraum sogar operiert werden.
„Beim Schockraum sitzt jeder Handgriff“, sagt Zadehmohammad. „Da ist unser Team absolute Weltklasse, jeder weiß, was er zu tun hat.“
„Beim Schockraum sitzt jeder Handgriff. Da ist unser Team absolute Weltklasse.“
Ali Zadehmohammad, Facharzt für Orthopädie und Traumatologie
Für ihn ist die Arbeit auch deshalb besonders, weil man oft rasch ein Ergebnis sieht. „Ein gebrochener Knochen wird wieder eingerichtet und wir können uns um die Nachsorge kümmern.“ Diese Nachsorge sei entscheidend, damit die Heilung möglichst gut verläuft. Dazu gehört auch, Patient:innen persönlich zu erklären, wie die Operation verlaufen ist und worauf nun geachtet werden muss. Allein dieses Gespräch mache einen großen psychologischen Unterschied, sagt Zadehmohammad. Zugleich erfahre er dabei viel, das er für künftige Operationen mitnehmen könne.

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Ideale Arbeitsbedingungen schaffen
Im Schockraum sind oft neun bis zehn Personen anwesend. Einer von ihnen ist Harry Danciu. Der OP- und Gipsassistent achtet unter anderem darauf, dass Patient:innen richtig gelagert sind. Je nach Eingriff sieht das anders aus. „Ich schaffe ideale Arbeitsbedingungen für den Chirurgen“, sagt Danciu. „Bei einer Schulteroperation muss ich zum Beispiel auch darauf achten, dass der Kopf gut fixiert ist.“

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Gerade bei ungeplanten Operationen muss das schnell gehen. Etwa dann, wenn eine Knieoperation vorbereitet wird und plötzlich ein Patient mit Polytrauma eingeliefert wird. Danciu ist direkt bei der Übergabe durch das Notarztteam dabei. Für ihn bedeutet das: von der ersten Sekunde an zuhören, mitdenken und relevante Informationen rasch weitergeben.
Der Faktor Mensch
Auch im Gipszimmer ist seine Arbeit gefragt. Dort führt Danciu Nachbehandlungen durch, etwa wenn ein Gips geschlossen oder repariert werden muss. Hier ist ihm der persönliche Kontakt besonders wichtig. „Wir müssen oft schnell arbeiten“, sagt er. „Im Gipszimmer nehme ich bei der Arbeit Augenkontakt auf und spreche noch einmal alles durch, was es zu beachten gilt. Ich merke, dass sich die Patient:innen dann wohler fühlen.“
Sein Satz fasst zusammen, worum es trotz aller Technik, Geschwindigkeit und Routine immer geht: „Wir arbeiten mit Menschen.“
Engmaschig betreut
Vom Schockraum führt der Weg von Patient:innen manchmal weiter auf die Intensivstation. Dort ist die Betreuung besonders eng. „Hier betreut eine Intensivpflegekraft einen Patienten oder eine Patientin“, erklärt DGKP Johann Windischhofer, der eine Sonderausbildung im Intensivbereich hat. Er schildert, warum dieser Betreuungsschlüssel notwendig ist. Hier werden etwa Patient:innen mit schweren Schädel-Hirn- oder Wirbelsäulentraumata versorgt.
Der Dienst dauert rund 12,5 Stunden. Das ist nicht nur körperlich sehr fordernd: „Es gibt wenig Berufe, in denen die psychische Belastung so groß ist. Man ist auch mit viel Trauer konfrontiert.“ Gerade deshalb sei das Team so wichtig. „Die Stärke des Teams ist, dass wir das gemeinsam durchleben.“ Unterstützung gibt es auch durch ein psychologisches Team, das jeden Tag auf die Station kommt, so Windischhofer. Ebenso wichtig sei der Austausch untereinander, die Arbeit schweiße zusammen. Das Team ist divers, die Lebensphasen sind unterschiedlich – und doch funktioniert das Miteinander.
Wenn der Rahmen passt
Dass dieses Zusammenspiel möglich ist, hat auch mit Rahmenbedingungen zu tun. Die AUVA finanziert sich wesentlich über Beiträge der Arbeitgeber. Wenn Leistungsanpassungen gefordert werden, stößt das im Haus auf Unverständnis. „Da wird mir leicht übel“, sagt Betriebsratsvorsitzender Robert Rois. „Es gab schon zwei Kürzungen. Das ist für uns eine schwierige Situation, weil wir ja trotzdem die Leistungen in vollem Umfang aufrechterhalten müssen.“
Nach dem Rundgang durch das Traumazentrum Meidling ist klar, was hinter diesen Leistungen steht: Kolleg:innen, die unter hohem Druck präzise arbeiten, einander vertrauen und in entscheidenden Momenten gemeinsam handeln. Und selbst an einem „ruhigen“ Tag wie diesem zeigt sich mit jeder Stunde deutlicher, wie sehr die anfängliche Ruhe getäuscht hat: Um 22 Uhr ist der Wartebereich bei der Erstuntersuchung bis auf den letzten Platz gefüllt. Die Kolleg:innen arbeiten auf Hochtouren.
