Mitbestimmung ist „Work in Progress“

Für Marie-Pierre Granger ist Mitbestimmung an der Universität ein laufender Prozess – und eine demokratische Aufgabe.
© Edgar Ketzer

Marie-Pierre Granger erlebte an der Central European University den politischen Druck in Ungarn, den Umzug nach Wien und den Aufbau des ersten Betriebsrats.

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Marie-Pierre Granger beantwortet die Frage nach ihrer Person nicht mit dem Beginn ihrer Betriebsratsarbeit, sondern holt weiter aus. In Frankreich geboren, wuchs sie in zwei Welten auf: „Ein Teil war bürgerlich-aristokratisch, aber ich lebte mit meiner Mutter und meinem Stiefvater.“ Beide hatten die Schule früh verlassen und waren Arbeiter. Ihre Mutter war Schneiderin und ihr Stiefvater Mechaniker und aktiver Gewerkschafter.

So erhielt Granger schon früh einen Einblick in gesellschaftliche Unterschiede. Neben ihrem Studium arbeitete sie als Erntehelferin: „Ich denke, das alles hat mir ein starkes Bewusstsein dafür gegeben, mit welchen Hindernissen unterschiedliche Bevölkerungsgruppen konfrontiert sind.“

Optimismus in Ungarn

Nach einem Studium des Europäischen Rechts unterrichtete sie zunächst in England. 2004 begann sie an der Central European University (CEU) in Budapest zu lehren – im selben Jahr, in dem Ungarn der EU beitrat. „Ich liebe es hier, weil wir so viele verschiedene Hintergründe haben, sowohl bei den Studierenden als auch beim Personal.“

Granger erlebte die Stadt damals im Aufbruch: „Damals waren der Enthusiasmus und der Optimismus wirklich spürbar. Man hätte sich niemals vorstellen können, was für politische Entwicklungen folgen sollten.“

Illiberal wird großgeschrieben

Ab 2010 begann unter Ministerpräsident Viktor Orbán der Abbau rechtsstaatlicher Institutionen. Das von ihm propagierte Modell der „illiberalen Demokratie“ veränderte auch das gesellschaftliche Klima. „Mir fiel bei meinen ungarischen Freund:innen auf, dass plötzlich niemand mehr über Politik reden wollte. Alle waren frustriert.“

Auch die Probleme im Gesundheitssystem bekam Granger am eigenen Leib zu spüren: „Ich war schwer krank in einem ungarischen Krankenhaus und wäre fast gestorben, weil es an allem gemangelt hat.“ Spätestens da war für sie klar, dass sie das Land verlassen wollte. Doch Orbán kommt ihren Plänen zuvor. Mit einem von Kritiker:innen als „Lex CEU“ bezeichneten Gesetz verhindert die Regierung de facto die Weiterführung der Universität in Ungarn. Bereits zuvor hatte sich Orbán wiederholt mit antisemitischem Unterton gegen George Soros, den Gründer der Universtität positioniert und das von ihm so bezeichnete „Soros-Netzwerk“ zum politischen Feindbild gemacht. Letztendlich war die Universität gezwungen, ihren Standort nach Wien zu verlegen.

Beginn im Betriebsrat

In Österreich angekommen, wird Granger im Jahr 2021 Teil des ersten Betriebsrats der Universität. All diese neuen Rahmenbedingungen zu verstehen, war anfangs gar nicht so einfach: „Wir mussten erst einmal lernen, was wir als Betriebsrat eigentlich alles können und dürfen. Nicht nur wir, sondern auch der Arbeitgeber.“

„Wir mussten erst einmal lernen, was wir als Betriebsrat eigentlich alles können und dürfen. “

Marie-Pierre Granger,
Betriebsratsvorsitzende, Central European University

Unterstützung erhielt der Betriebsrat dabei durch die Gewerkschaft: „Soweit ich weiß, haben wir das erste rein englische Training für Betriebsrät:innen durch die Gewerkschaft GPA erhalten.“ Geholfen hat auch der Kontakt mit Betriebsrät:innen anderer privater Universitäten, um sich über die Praxis auszutauschen.

Familienfreundliches Arbeiten

Als einen der ersten Erfolge hat der Betriebsrat ein Modell für familienfreundliches Arbeiten an der CEU eingeführt, das nun universitätsweit umgesetzt wird. Arbeitsbedingungen werden dabei so angepasst, dass sie den Bedürfnissen von Kolleg:innen mit Familien gerecht werden. Ein weiteres großes Thema für den Betriebsrat ist eine Gleitzeit-Vereinbarung. Diese wurde inzwischen ausverhandelt. Das sei auch dringend notwendig, erklärt Granger, denn „viele Kolleg:innen arbeiten de facto in einem Gleitzeit-Modell, ohne dass es dafür Regeln gibt.“ Mit der Vereinbarung wird nun einerseits mehr Sicherheit und andererseits mehr Flexibilität geschaffen.

„Als Betriebsratsteam aus vielen verschiedenen Bereichen haben wir einen 360-Grad-Blick.“

Marie-Pierre Granger,
Betriebsratsvorsitzende, Central European University

Angesprochen auf ihr Betriebsratsteam beginnt Granger sehr erfreut zu erzählen: „Wir kommen aus ganz vielen verschiedenen Bereichen des Hauses und vertreten rund 400 Personen. Wir sind daher wahrscheinlich der einzige Ort, an dem man versteht, wie die Universität wirklich funktioniert.“ Sie spricht von einem 360-Grad-Blick, den sie im Betriebsrat haben. Dadurch kann der Betriebsrat bei Doppelgleisigkeiten schnell gegensteuern – etwa wenn Evaluierungsprozesse für verschiedene Personalgruppen komplett unabhängig gedacht werden.

Und es gibt auch schon ein nächstes Anliegen. Zukünftig sollen die Tätigkeitsprofile der Beschäftigten detaillierter und nachvollziehbar beschrieben werden. „Oft wissen Kolleg:innen nicht, ob sie richtig eingestuft und fair bezahlt werden, weil die Tätigkeitsprofile so unklar sind.“ Dadurch kann auch der Betriebsrat in seinen Beratungen besser unterstützen. Denn transparente Tätigkeitsbeschreibungen sind eine wichtige Voraussetzung, um etwa einen Gender Pay Gap sichtbar zu machen und zu schließen.

Betriebsratsgründung

Du denkst auch darüber nach, in deinem Betrieb oder in deiner Filiale einen Betriebsrat zu gründen? Ab fünf dauernd beschäftigten Mitarbeiter:innen habt ihr das Recht, eine Belegschaftsvertretung zu wählen! Deine Gewerkschaft GPA unterstützt dich dabei! Alle Infos zur Wahl und Unterstützung (auch nach der Gründung) erhältst du in deiner Regionalgeschäftsstelle. Für Nicht-Mitglieder ist eine Erstberatung kostenlos!

Mehr zur Betriebsratswahl findest du hier.

Kein Kollektivvertrag

Schlussendlich geht es dem Betriebsrat aber um mehr als nur den eigenen Betrieb: „Wir gehören zu den zwei Prozent der Angestellten in Österreich, die nicht von einem Kollektivvertrag erfasst sind.“ Wichtig ist Granger bei einem zukünftigen Kollektivvertrag für private Universitäten, dass dieser nicht von den Arbeitgebern genutzt wird, um die Gehälter innerhalb der Branche zu senken. Dazu brauche es den Zusammenhalt zwischen den einzelnen Betriebsräten, die intensiv im Austausch sind.

Demokratie und Betriebsrat

Was hat aus ihrer Sicht als Wissenschafterin der Betriebsrat mit Demokratie zu tun? „Gute Frage“, sagt Granger. „Uns wurde von der Führungsebene am Anfang kommuniziert: Die Universität ist keine Demokratie. Das haben wir natürlich nicht hingenommen.“ Für den Betriebsrat steht es außer Streit, dass auch auf einer Universität die Beschäftigten ihre Stimme einbringen und Veränderungen mitgestalten können. Das sei Teil des demokratischen Prozesses.

Durch den Druck des Betriebsrats gibt es inzwischen mehr Austausch und Transparenz. Aus Grangers Sicht braucht es hier aber noch weitere Verbesserungen. Gerade dafür sei der Betriebsrat essenziell, denn er sei „als etablierte und rechtlich abgesicherte Institution eine wichtige Einrichtung, um mehr Mitbestimmung umzusetzen“. Dafür werden sich Marie und ihre Kolleg:innen auch weiterhin einsetzen. Die Arbeit im Betriebsrat sei – wie sie am Ende des auf Englisch geführten Gesprächs sagt – ein „work in progress“.

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