Ein großes Herz

Für den Weg in den Betriebsrat empfiehlt die Filialleiterin und Betriebsrätin Irene Pawelka vor allem ein großes Herz
Foto: privat

Für Betriebsrätin und Marktmanagerin Irene Pawelka ist Engagement nicht bloß eine Hülle, sondern tagtäglich geübte Lebenseinstellung.

Ein schöner Beruf, der Menschen rundum Freude bereitet. Düfte, Farben, Leben – im Topf und der Vase. Genau das liebte Irene Pawelka an ihrem Beruf – anderen etwas Gutes tun, mit den Leuten reden, Ideen umsetzen und bisweilen improvisieren. Freude und Genuss teilen. „Pflanzen machen einen schönen Platz doch erst aus“, ist sich Pawelka sicher und wirkt dann etwas nachdenklich. Nachdem sie ihre Lehre zur Floristin abgeschlossen hatte, setzte sie ihr Geschick und Wissen ein, steckte viel Enthusiasmus in Sträuße, Bouquets und die Wünsche der Kund:innen. Doch mit 21 Jahren musste Pawelka ihre Floristen-Karriere nach kurzen drei Jahren wieder aufgeben. „Ich habe plötzlich eine Allergie bekommen“, erzählt die heute 46-Jährige. Die körperlichen Folgen waren derart heftig, dass sich die Wienerin einvernehmlich von ihrem Arbeitgeber trennen musste.

Neuer Weg mit Happy End

Dass ein großer Einschnitt im Leben oft wunderbare Überraschungen zeitigt, darüber weiß Pawelka heute zu berichten. Aber erst wusste ihre Mutter, die junge Frau von der Arbeit im Lebensmitteleinzelhandel zu überzeugen. Sie warb ihre Tochter für das überregionale Großunternehmen an, in dem sie selbst beschäftigt war. Nun arbeitet Irene Pawelka selbst bereits 25 Jahre lang in jenem Betrieb. Und sie arbeitet nicht bloß, sie engagiert sich mit Begeisterung seit 15 Jahren im Betriebsrat. Mit Menschen reden, für andere Positives bewirken – so, wie sich Pawelka einst den Florist:innen-Beruf erträumt hatte. Und noch viel besser. Rund 38.000 Menschen in ganz Österreich arbeiten im Konzern. „Da gibt es natürlich immer wieder Ungerechtigkeiten, Probleme und viele Fragen, die beantwortet werden müssen“, erklärt die Betriebsrätin.

Wo Lebensmittel Genuss und Stress bedeuten

Im Handel werden verstärkt Arbeitskräfte gesucht, das gilt auch für den Lebensmitteleinzelhandel. Doch für viele der Mitarbeiter:innen bedeutet der Job vor allem Stress, mit dem Druck unterbesetzt zu sein, gehen sie täglich bis an die Grenze des Belastbaren. Immer weniger Arbeitskräfte müssen immer größere Verkaufsflächen betreuen. Besonders heftig wird es, wenn Kolleg:innen krank werden und die anderen in ihrer Arbeitszeit die liegen gebliebenen Aufgaben mit übernehmen müssen. Arbeitskräfte aus anderen Branchen abzuwerben, ist schwierig geworden. „Als ich Mitte der 1990er-Jahre im Handel begonnen habe, kamen mehr Bewerbungen auf offene Stellen als zu vergeben waren“, erklärt Irene Pawelka. Passende Arbeitskräfte zu finden, das scheitert schon bei den Arbeitszeiten. Sie lassen sich meist nur sehr schwer mit der Kinder- oder Familienbetreuung vereinbaren. Vorstöße manch Politiker:innen, auch am Sonntag zu öffnen, verschärfen die Lage nur zusätzlich. „Viele Leute sind nicht bereit, an einem Samstag zu arbeiten – geschweige denn am Sonntag“, weiß die Betriebsrätin.

„Viele Leute sind nicht bereit, an einem Samstag zu arbeiten – geschweige denn am Sonntag.“

Irene Pawelka, Betriebsrätin im Handel

Mehr schaffen in einer noch kürzeren Zeitspanne. Zudem wird der Kontakt mit den Kund:innen immer komplexer. „Früher war das kein großes Thema, es gab ab und zu Betrunkene, die gestänkert haben“, weiß Pawelka aus langjähriger Erfahrung. Sie hat sich mit der Zeit zur Marktmanagerin hochgearbeitet. „Aber nun regen sich Kund:innen wegen bloßen Nichtigkeiten auf.“ Das Aufregen steigert sich immer öfter zum Verlust der Beherrschung. Da reicht schon ein Aktionsposten, der nicht mehr auf Lager ist oder Rabattpickerl, die nicht überall gültig sind. Von Geschrei über mutwillige Beschädigungen bis hin zu Handgreiflichkeiten reicht das Sortiment. Irene Pawelka hat gesehen, wie Waren durch das Geschäft geworfen wurden und leider auch wie Kolleg:innen attackiert wurden.

Zeichen setzen

Auf das Gewalt-Problem hat der Konzern inzwischen reagiert und die Sicherheitsmaßnahmen erweitert. Teil davon ist der Vertrag mit einem Sicherheitsdienst: „Fühlen sich Mitarbeitende bedroht, betätigen sie einen Alarmknopf für einen Sicherheitsmitarbeiter“. Dazu werden auch Deeskalationsschulungen für die Belegschaft angeboten. Pawelka ist stolz auf „einen starken Betriebsrat, der sich um die Kolleg:innen kümmert“. Auch das Verhältnis zum Arbeitgeber beschreibt die Betriebsrätin als durchaus gut. Innerhalb des Unternehmens wurden starke Netzwerke für Frauen, Ältere und die LGBTIQ-Community aufgebaut.

Eine Community, in der sich Irene Pawelka aus ganzem Herzen engagiert. „Unser LGBTIQ-Netzwerk, in dem ich aktives Mitglied bin, gibt es seit zehn Jahren“, verrät Irene Pawelka und auch, wie sich durch ihren Branchenwechsel das ganze Leben veränderte. Im Betrieb lernte sie ihre spätere Frau kennen und lieben.

Ein Ziel des Netzwerks „ist ein nettes und gepflegtes Miteinander“, sagt die Betriebsrätin und Netzwerkerin. „Ich wünsche mir, dass alle ein bisschen öfter nachdenken und vor allem die offen geouteten Kolleg:innen so behandeln, wie sie es für sich selbst erwarten würden.“ Mit Respekt. „Wenn es zu Diskriminierungen kommt, reagieren wir prompt.“


Oft wird unbewusst mit Ausdrücken beleidigt oder Menschen werden einfach nicht miteinbezogen, weil sie nicht ins klassische Beziehungs- oder Geschlechtsschema passen. Um mit u.a. Ausgrenzung klar zu kommen oder etwa Fehlverhalten gut kontern zu können „halten wir auch regelmäßig Workshops für unsere Mitglieder ab“. Nicht nur Pawelka setzt mit dem Firmen-LGBTIQ-Netzwerk deutliche Zeichen, auch das Unternehmen unterstützt die Ziele der Community, etwa durch Werbung am Pride Village und der Regenbogenparade. Für die Betriebsrätin zählt aber vorrangig, was innerhalb der Firma passiert.

„Probleme werden oft kleiner, wenn zügig über sie geredet wird.“

Irene Pawelka, Betriebsrätin im Handel

Für andere da sein, zu jeder Zeit 

Ihr Ohr ist für alle Mitarbeitenden offen, macht Irene Pawelka deutlich. „Ich will für die Menschen da sein und sie einfach unterstützen.“ Ihre Mobilnummer ist kein Geheimnis, Kolleg:innen vertrauen ihr akute Sorgen an und können sich aussprechen.“ Als Betriebsrätin betreut sie etwa 250 Arbeitnehmer:innen: „Mir ist es lieber, sie rufen mich gleich an, auch in  meiner Freizeit“, betont die Betriebsrätin. „Denn Probleme werden oft kleiner, wenn zügig über sie geredet wird.“ Je eher der Betriebsrat eingreifen kann, desto eher kann es auch zu einer Lösung kommen. Auf der  Suche nach Lösungen, zählt Irene Pawelka auf die sehr enge Zusammenarbeit mit der GPA. „Als Betriebsrat wissen wir ja auch nicht alles, der gute Draht zur GPA ist umso wichtiger“, betont Betriebsrätin Irene Pawelka. 

Themen wie Frauen am Arbeitsplatz oder eine Allianz des freien Sonntags sind derzeit besonders wichtige Punkte, wo sich die GPA auszeichnet. „Und man sieht jedes Jahr an den Zahlen, was sie erstritten haben, wenn Firmen nicht zahlen“, erzählt Pawelka.“, verdeutlicht Pawelka. „Die GPA gehört einfach unterstützt!“

Für den Weg in den Betriebsrat, empfiehlt die Filialleiterin und Betriebsrätin vor allem ein großes Herz. „Aber ich muss mich auch mit den gesetzlichen Regelungen auskennen“, erklärt Pawelka. „Bei mir liegt der Kollektivvertrag wie eine Bibel am Nachtkasterl“, lässt sie schmunzelnd wissen. Engagierte Betriebsrät:innen sollten regelmäßig und mit möglichst vielen Beschäftigten in Kontakt stehen und erfahren, was sie aktuell bewegt „Im Unternehmen sind Österreich weit gesamt 38.000 Mitarbeiter:innen beschäftigt, dementsprechend viele unterschiedliche Religionen, Ethnien und Lebenseinstellungen sind hier versammelt.“ Pawelka ist in ihrer Doppelfunktion als Betriebsrätin und Marktmanagerin auf zwei Seiten unterwegs, was mehr Arbeit bedeutet, aber auch mehr Einblick. „Oft geht es darum, eine ausgewogene Lösung zu finden, die für alle Beteiligten tragbar ist – die Dinge müssen ausgehandelt werden, Kompromisse sind notwendig und so stellt sich meist die Frage, wo wir uns in der Mitte treffen können.“

Angekommen

Zuhause ist die Arbeit möglichst kein Thema, besonders, weil Pawelkas Frau ebenfalls nach wie vor in der Firma arbeitet und eine andere Filiale leitet. Die Kinder des Ehepaars sind 21 und 23 Jahre alt, sie sind nicht im Handel tätig, sie sind vorallem technisch begabt. Wenn die Betriebsrätin und Marktmanagerin ausspannt führt, sieht sie sich gerne Filme an, verbringt Zeit mit Freund:innen und der Familie. Oder, da schaltet sie das Handy dann doch mal aus, verreist nach Griechenland. Ob sie irgendwann einmal für immer dort bleibt, wie STS sind ist noch nicht entschieden.

*LGBTIQ: L wie lesbisch (Frauen fühlen sich zu Frauen hingezogen), G wie gay (Männer fühlen sich zu Männern hingezogen), B wie bisexuell (Menschen, die sich von Frauen und Männern angezogen fühlen), T wie trans (Menschen fühlen sich dem biologisch anderen Geschlecht zugehörig), I wie inter/divers (Menschen, die Merkmals beider Geschlechter aufweisen), Q für queer (Begriff für alle, die nicht den klassischen Zuordnungen Mann/Frau oder hetero entsprechen).

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