Ohne Arbeit keine Demokratie

Klaus Dörre bei einer Betriebsrät:innen-Konferenz der GPA. Er ist Professor für Arbeits-, Industrie-und Wirtschaftssoziologie an der Friedrich-Schiller Universität Jena.
© Markus Zahradnik

Warum Mitbestimmung im Betrieb entscheidend für unsere Gesellschaft ist – und warum Zukunftsängste rechten Kräften nützen. Der Soziologe Klaus Dörre im Interview.

KOMPETENZ: Welche Bedeutung hat der Arbeitsplatz für unsere Demokratie?
Klaus Dörre
: Demokratietheorien zeichnen sich oft dadurch aus, dass sie die Arbeitswelt ausblenden. Das ist aber völlig falsch. Denn dadurch wird übersehen, dass die Qualität von Arbeitsverhältnissen mitentscheidend dafür ist, ob und wie Demokratie gelebt werden kann.

In öffentlichen Debatten heißt es oft, junge Menschen wollten nicht mehr arbeiten. Sehen Sie im Verhalten dieser Generation aber auch ein Streben nach mehr Mitbestimmung?
Oft wird der Generation Z zugeschrieben, nicht arbeitswillig oder inkompetent zu sein. Wenn man aber genauer hinschaut, stecken dahinter qualitative Ansprüche an Arbeit und Leben, die aus meiner Sicht für Gewerkschaften, gewerkschaftliche Politik, Solidarität und Mitbestimmung ungeheuer wichtig sind.

Etwa der Anspruch, nicht das ganze Leben der Erwerbsarbeit unterzuordnen. Dahinter steht die Erkenntnis, dass es eben außerhalb der Erwerbsarbeit noch andere Tätigkeiten gibt. Zum Beispiel die Arbeit an der Demokratie oder Care-Arbeit. Das halte ich für einen wichtigen Ansatzpunkt für gewerkschaftliche Solidarität. Deshalb sollte man, bevor man vorschnell Urteile über diese Generation fällt, genauer hinschauen.

„Die Qualität von Arbeitsverhältnissen ist mitentscheidend, ob und wie Demokratie gelebt werden kann.“

Klaus Dörre,
Soziologe, Friedrich-Schiller Universität Jena

Was passiert mit Demokratie am Arbeitsplatz, wenn Arbeit prekärer wird?
Prekäre Arbeit bedeutet in der Konsequenz, dass es für diejenigen, die in solchen Verhältnissen arbeiten, Demokratie faktisch nicht gibt. Gerade in der als besonders modern geltenden IT-Wirtschaft lässt sich das gut beobachten.Hinter der künstlichen Intelligenz stecken, wenn man so will, digitale Tagelöhner, die unter prekären Bedingungen und für sehr wenig Geld die Algorithmen trainieren. Das ist eigentlich ein Rückfall in die Zeit des Frühkapitalismus – hier entstehen komplett unregulierte Arbeitsverhältnisse.

Reichen informelle Beteiligungsformen in modernen Unternehmen aus?
Oft verbirgt sich dahinter eine Scheindemokratie. Seitens der Unternehmensleitung wird dann behauptet, man brauche gar keinen Betriebsrat. Man könne in solchen „agilen“ Unternehmen ja das Intranet benutzen, um Abstimmungen direktdemokratisch durchzuführen.

Wenn die Belegschaft altert oder Beschäftigte ihre Arbeitszeit begrenzen wollen – etwa um für ihre Kinder zu sorgen –, zeigen sich aber schnell die Grenzen solcher Modelle. Ebenso bei der Forderung nach mehr Transparenz bei der Entlohnung, die in solchen Unternehmen auch oft nicht da ist. Dann merkt man, dass hochmoderne Techworker:innen zu den Basics gewerkschaftlicher Interessenvertretung zurückkehren und Demokratie überhaupt erst erkämpfen müssen.

„Hinter der künstlichen Intelligenz stecken, wenn man so will, digitale Tagelöhner, die unter prekären Bedingungen und für sehr wenig Geld die Algorithmen trainieren. “

Klaus Dörre,
Soziologe, Friedrich-Schiller Universität Jena

Wir haben das in einem Unternehmen beobachtet: Da funktionierte dieses Modell der informellen Beteiligung so lange, bis die Geschäftsführung Vorschläge gemacht hat, die von der Belegschaft allesamt abgelehnt wurden. Daraufhin hat der Geschäftsführer gesagt, dass er künftig alles selbst entscheiden werde. Das führte unmittelbar zu einer Betriebsratsinitiative.

Welche Rolle spielen Zukunftsängste und Transformation, wenn es um Demokratie geht?
Eine Angst, die sich sehr stark beobachten lässt, ist jene vor dem Statusverlust. Dabei geht es zunächst gar nicht um die Angst vor Arbeitslosigkeit, sondern um die Sorge: „Ich kann beruflich nicht mehr über das hinauskommen, was ich bisher erreicht habe. Und jetzt gefährdet die Transformation meinen Arbeitsplatz und damit vieles, was ich bisher erreicht habe.“ Das ist ein Antreiber eines rechten Autoritarismus.

Wie kann man diesem Gefühl von Kontrollverlust begegnen?
Was wir feststellen ist, dass diejenigen, die sich skeptisch zur Transformation unserer Wirtschaft verhalten, vor allem beklagen, dass ihr Fachwissen überhaupt nicht gefragt wird. Sie erleben Klimapolitik als etwas, das von oben administriert wird. Sie selbst werden nicht gefragt. Hier gibt es mehrere Anknüpfungspunkte. Der erste ist, dass man dieses Fachwissen ernstnehmen muss. Man muss Vorschläge, die bottom-up aus der Belegschaft kommen, nicht nur aufgreifen, sondern sie regelrecht stimulieren.

Was bedeutet das für Betriebsräte und Gewerkschaften?
Gewerkschaften und Betriebsrät:innen müssen gegenüber ihren eigenen Belegschaften kommunikationsfähig bleiben. Dazu ist eine direkte Kommunikation auf Augenhöhe wichtig, bei der man dem Gegenüber nicht gleich ein fertiges Weltbild überstülpt. Man muss Gespräche so führen, dass die andere Person sich als gleichberechtigt erlebt – das bedeutet auch, sich Dinge anzuhören, die einem nicht unbedingt gefallen.

Kann Demokratie im Betrieb auch politisch etwas verändern?
Eine queere Betriebsrätin in Deutschland hat tatsächlich andere Kolleg:innen, die zur AfD tendierten, überzeugt, nicht die AfD zu wählen. Wie ihr das gelingt? Sie beginnt das Gespräch mit der Frage: „Magst du mich?“ Und ja, sie wird von allen im Betrieb gemocht. Dann erklärt sie im nächsten Schritt, was die AfD mit queeren Menschen – wie ihr – machen würde.

Danach stellt sie wieder die Frage: Magst du mich wirklich? Dann kannst du die AfD nicht wählen – damit ist sie erfolgreich. Das ist kein Einzelfall. Wir beobachten solche Phänomene immer wieder, etwa bei Betriebsrät:innen in Südwestsachsen.

Was braucht es, damit Gewerkschaften stärker als demokratische Kraft erlebt werden?
Was wir brauchen ist eine Auseinandersetzung entlang der Sachthemen, von Migration bis E-Mobilität. Und da brauchen wir Information, Information, Information. Bildungsarbeit ist dabei ganz essenziell.

Denn es geht nicht nur um materielle Erfolge, sondern es geht um Haltung, Anerkennung und Stolz. Viele haben einen Hunger nach Sinn. Sie wollen sich für etwas einsetzen. Denn auch, wenn man nicht erfolgreich ist, kann man sich dann sicher sein: „Wir haben es versucht“. Und das stiftet Sinn.

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