
Hans-Peter Hutter leitet die Abteilung Umwelthygiene und Umweltmedizin der MedUni Wien. Er erklärt, auf welche Belastungen am Arbeitsplatz geachtet werden sollte und wie gegengesteuert werden kann.
KOMPETENZ: Aktuell schreiben wir Temperatur-Rekordwerte. Wie wirkt sich das auf den Körper aus?
Hans-Peter Hutter: Das ist eine sehr starke Belastung des Herz-Kreislauf-Systems. Das Herz muss viel mehr arbeiten, um den Körper abzukühlen, wenn die Körperkerntemperatur angestiegen ist. Man wird nicht nur müder, sondern ist auch mental teils deutlich weniger leistungsfähig. Diese Herausforderung wird oft nicht ernst genug genommen.
Welche Belastungen am Arbeitsplatz werden oft unterschätzt?
Es wird häufig unterschätzt, wie wirksam schon kleine Veränderungen sein können: ergonomische Arbeitsgeräte, eine gute Sitzposition oder ein besser eingerichteter Arbeitsplatz. Ein weiterer Faktor ist der zunehmende Druck in der Arbeitswelt. Das hinterlässt vor allem auf der psychischen Ebene Spuren. Gleichzeitig muss man hervorheben: Heutzutage gibt es viele Möglichkeiten, Problemen vorzubeugen oder Abhilfe zu schaffen. Das sind wichtige Errungenschaften.
Welche dieser Errungenschaften ist am bedeutsamsten?
Die arbeitsmedizinische Betreuung. Von Mutterschutz bis zur Bekämpfung von Berufskrankheiten. Und natürlich das Arbeitsinspektorat, das überprüft, ob Vorschriften eingehalten werden. Es gibt auch Unternehmen, die zeigen, dass sie die Gesundheit der Beschäftigten ernst nehmen. Manche stellen Tischtennistische im Pausenraum auf, andere schaffen Grün-Oasen im Gebäude zur Entspannung. Auch Mobilitätsangebote, Fahrgemeinschaften oder gefördertes Radfahren spielen immer mehr eine Rolle. Davon war vor 20 Jahren kaum die Rede.
Wie geht es Kolleg:innen in Großraumbüros?
Man ist zahlreichen Lärmquellen ausgesetzt, die noch dazu sehr unterschiedlich sind: Zwei Kolleg:innen besprechen etwas, jemand telefoniert, dazu kommen Tastaturgeräusche, Klicken und andere Hintergrundgeräusche. Das lenkt ab. Offene Räume können für manche Branchen Vorteile haben. Aber diese ständige Unruhe kann sich auch nicht unerheblich auf die Konzentration und die Leistungsfähigkeit auswirken.
Wie sollte vorgegangen werden, wenn eine Belastung festgestellt wird?
Ich werde oft bei Verdachtsmomenten hinzugezogen, etwa wenn vermutet wird, dass die Raumluft schadstoffbelastet ist. Da heißt es anfangs gegenüber Beschäftigten manchmal: „Da kann nichts sein.“ Wenn dann später doch gehandelt wird, weil sich gesundheitliche Beschwerden häufen, ist der Konflikt oft schon auf einer ganz anderen Ebene und es wird komplizierter. Es ist wie beim Zahnweh: Je früher man sich darum kümmert, desto besser. Das gilt auch für das Verhältnis zwischen Beschäftigten und Arbeitgebern.
Warum ist es wichtig, auf ausreichend Pausen in der Arbeit zu achten?
Pausen dienen der Erholung, Punkt. Danach geht wieder alles viel besser. Pausen sind wichtig, weil sie unserem Körper und Gehirn helfen, leistungsfähig und gesund zu bleiben. Vor allem Bewegungspausen bringen es. Selbst kurze Pausen helfen, sich wieder besser zu fokussieren.
Was sollte bei schwerer körperlicher Arbeit beachtet werden?
Richtiges Heben und Tragen. Die Vorgabe, aus den Knien zu heben, ist nicht so einfach umzusetzen, weil viele aus Gewohnheit sozusagen ‚aus dem Kreuz heben‘. Das aktiv umzulernen, zahlt sich aber definitiv aus. Auch ungünstige Körperhaltungen begünstigen Muskel-Skelett-Erkrankungen, die zu den häufigsten beruflichen Beeinträchtigungen gehören.
Was wäre aus Ihrer Sicht der wichtigste Hebel, um Arbeiten gesünder zu machen?
Ich würde mir wünschen, dass das, was aus der Forschung bekannt und erprobt ist, auch angenommen und umgesetzt wird. Es gibt wirklich viele Möglichkeiten, mit denen man Verbesserungen bewirken kann.
