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Katrin Skala von den Psychosozialen Diensten in Wien erklärt, warum Mitsprache und gute Arbeitsbedingungen wichtig sind – und warum man sich früh Hilfe holen sollte.
KOMPETENZ: Wo sehen Sie die größten psychischen Belastungen?
Katrin Skala: Ein wichtiger Faktor ist, ob Arbeit als sinnstiftend erlebt wird. Das ist wesentlich für die Freude an der Arbeit und für die psychische Gesundheit. Gleichzeitig leben wir in einer Situation, in der es nicht mehr selbstverständlich ist, dass man sich mit einer Vollzeitstelle einen gewissen Lebensstandard leisten kann.
Wenn ich am Ende des Monats trotz Arbeit nicht genug Geld habe, ist das frustrierend – und natürlich auch eine psychische Belastung. Die Belastungen sind aber sehr unterschiedlich. Auch ständige Erreichbarkeit kann in manchen Berufen ein großer Druckfaktor sein, weil sie verhindert, dass man wirklich zur Ruhe kommt.
Welche neuen Belastungen entstehen durch Digitalisierung und KI?
Viele Tätigkeiten werden heute an elektronische Systeme ausgelagert. Einerseits nimmt uns das Arbeit ab. Andererseits kommt sehr viel neue Arbeit dazu, etwa durch Dokumentation oder zusätzliche Prozesse. Unterm Strich steigt die Arbeitslast häufig. Und auch das Narrativ, dass der eigene Arbeitsplatz durch Künstliche Intelligenz ersetzt werden könnte, macht natürlich Angst und Druck.
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Wie sehr wirken Krisen von außen in den Arbeitsalltag hinein?
Krieg, Umweltkatastrophen, Krisen – all das begleitet uns auch in der Arbeit. Ich nenne das das Hintergrundrauschen des Panik-Orchesters. Durch die Digitalisierung sind wir ständig der Gefahr ausgesetzt, in endloses Scrolling am Handy zu geraten und rund um die Uhr Katastrophen zu sehen.
Jüngere Menschen sind davon besonders betroffen, weil ihnen vermittelt wird, dass sie möglicherweise in einer deutlich schlechteren Welt aufwachsen werden als ihre Eltern.
Was macht dieser Druck mit der psychischen Gesundheit?
Wenn der Druck in der Arbeit dauerhaft wird, kann das krank machen. Beim Burnout sprechen wir von einer Erschöpfungsdepression, also einem depressiven Zustand, der entsteht, weil man sich zu sehr verausgabt hat. Man kann sehr viel leisten, wenn man ein Ziel hat, wenn man Freude an der Tätigkeit verspürt und persönlich daran anknüpfen kann. Wenn man aber nur noch abarbeitet und keinen Bezug mehr zur eigenen Arbeit hat, steigt die Gefahr, sich zu erschöpfen, massiv.
Woran merkt man, dass es zu viel wird?
Am Anfang merkt man es oft daran, dass man immer weniger gern aufsteht und mit immer mehr Anstrengung in die Arbeit geht. Auch wenn man am Abend nicht mehr abschalten kann, keinen Hobbys mehr nachgeht oder nichts mehr macht, das einem Freude bereitet, sind das Warnsignale. Man kommt nicht mehr zur Ruhe. Und irgendwann merkt man, dass man sich gar nicht mehr wirklich erholt.
Ist Multitasking ebenfalls ein Belastungsfaktor?
Ja. Gleichzeitig ist es auch eine Persönlichkeitsfrage. Manche Menschen neigen zu dieser Arbeitsweise und kommen gut damit zurecht. Für andere kann es deutlich belastender sein.
Sie haben die Sinnhaftigkeit der Arbeit angesprochen. Wie kann Arbeit sinnstiftender gestaltet werden?
Das ist keine einfache Frage. Aber Vorgesetzte sollten darauf achten, mit wem sie es zu tun haben und wer wofür gut einsetzbar ist. Mitsprache ist dabei sehr wichtig. Wenn ich mitentscheiden kann, was ich mache, entsteht ein Gefühl von Selbstwirksamkeit. Das führt automatisch dazu, dass man sich wohler fühlt. Oft ist das gar nicht so schwer umzusetzen. Es ist häufig eine Frage der Kommunikation.
Viele Menschen tun sich schwer, über psychische Belastungen zu sprechen. Warum ist das so?
Eine psychische Erkrankung macht einen sehr schwach und ausgeliefert. Das ist leider immer noch schambehaftet. Da gibt es historische Altlasten. Aber vor allem kann man psychische Erkrankungen schwer von sich selbst trennen. Wenn ich mir das Bein breche, sage ich: Mein Bein ist gebrochen. Aber „meine Seele tut weh“ würde man kaum sagen. Das betrifft den innersten Kern eines Menschen und verursacht Angst. Das ist ein Hauptgrund, warum es vielen schwerfällt, darüber zu sprechen.
Müsste psychische Gesundheit im Arbeitsleben und in der Gesellschaft allgemein trotzdem offener angesprochen werden?
Ja, unbedingt. Man muss darüber reden. So lässt sich auch viel ändern.Das kenne ich auch aus meiner Arbeit, etwa im Krankenhaus. Aus anfänglicher Ablehnung mit einer Psychiaterin zu sprechen, wurde oft die Frage, ob ich nicht bald wiederkommen könnte. Und plötzlich hat auch der Zimmernachbar nach mir gefragt.
Psychische Erkrankungen betreffen sehr viele Menschen – zumindest als Angehörige oder im persönlichen Umfeld. Rein statistisch hat jede und jeder zumindest eine Person in der Umgebung, die psychisch erkrankt ist.
Welche Rolle spielt Erholung für die psychische Gesundheit am Arbeitsplatz?
Wenn Entspannung und Anspannung sich über einen längeren Zeitraum nicht mehr abwechseln, verlernt der Körper zu entspannen. Das kann schwere Folgen haben. Der Schlafrhythmus wird gestört, und am Ende erschöpft man sich, oft ohne es sofort zu merken. Vorgesetzte sollten darauf achten, nicht zusätzlichen Druck auszuüben, sondern klare Abgrenzung zu ermöglichen. Das ist ein wichtiger Beitrag zur Psychohygiene der Beschäftigten.
Der PSD-Wien arbeitet sozialpsychiatrisch. Was bedeutet das mit Blick auf die Arbeit?
Sozialpsychiatrie hat mehrere Säulen. Für uns ist klar: Psychische Erkrankungen spielen sich nicht nur auf der Ebene von Hirntransmittern ab. Genauso wichtig sind das Privatleben, das Arbeitsleben, die Wohnsituation, Freundschaften und die Freizeitgestaltung.
Gerade Arbeit ist dabei ein wichtiger Bereich. Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen fallen oft aus dem Arbeitsleben heraus. Wir unterstützen sie dabei, einen guten Einstieg oder Wiedereinstieg in die Arbeitswelt zu finden. Es geht darum, Arbeitsfähigkeit wiederzuerlangen – aber auch darum, wieder Struktur in den Tag zu bekommen, aufzustehen, irgendwohin zu gehen und sich zu konzentrieren.
Wie sieht diese Unterstützung konkret aus?
Bei schweren psychischen Erkrankungen geht es oft darum, sich wieder an einen geregelten Alltag heranzuarbeiten. Konzentrationsfähigkeit ist dabei ein großes Thema. Man muss sich oft Schritt für Schritt wieder auf ein gutes Level hinarbeiten. Wir geben Struktur, machen Konzentrationsübungen und bieten Arbeitstrainings. Denn sehr oft kann man nicht sofort wieder in die volle Leistungsfähigkeit gehen. Unsere Sozialarbeiter:innen unterstützen auch ganz praktisch, etwa beim Erstellen von Bewerbungsunterlagen.
Was braucht es aus Ihrer Sicht, damit ein Wiedereinstieg in die Arbeit gelingt?
Wichtig ist, dass man nicht erwartet, dass jemand sofort wieder hundert Prozent leisten kann. Nach einer schweren psychischen Erkrankung braucht es Zeit, Struktur und Unterstützung. Arbeit kann stabilisierend sein, wenn sie gut begleitet ist. Sie kann aber auch überfordern, wenn zu schnell zu viel verlangt wird.
Was würden Sie Beschäftigten raten, die merken: So geht es nicht weiter?
Hilfe suchen. Und zwar früh. Es geht nicht nur um Arbeitsfähigkeit, sondern darum, dass es einem gut geht.
Wichtig ist: Bitte nicht warten, bis der Punkt erreicht ist, an dem nichts mehr geht. Je früher man sich Unterstützung holt, desto besser.
Im Handel oder in der Pflege stehen zum Teil andere Themen im Vordergrund, etwa der Umgang mit Kund:innen, Patient:innen oder Klient:innen. Hier hilft es sehr, wenn Beschäftigte wissen, wo sie klare Grenzen setzen können. Besonders wichtig ist dabei der Rückhalt des Arbeitgebers.
Warum sind psychische Erkrankungen keine Berufskrankenheiten?
Weil hier die Kausalität im klassischen Sinn oft schwer nachzuweisen ist. Zu hohe Belastung kann sich ganz unterschiedlich auswirken: von Burnout und Panikattacken bis hin zu Magenschmerzen.
Wie gelingt gesundes Arbeiten bis zur Pension?
Wenn einerseits gefordert wird, dass wir immer länger arbeiten sollen, andererseits aber rund ein Drittel der Beschäftigten laut IFES-Befragung angibt, sich unter diesem Druck nicht vorstellen zu können, bis zur Pension zu arbeiten, gibt es klaren Handlungsbedarf. Es muss über den gesamten Verlauf eines Erwerbslebens sichergestellt sein, dass Arbeit die Gesundheit unterstützt und auf unterschiedliche Lebensumstände Rücksicht nimmt.
Wie gelingt der Wiedereinstieg?
Wichtig ist, dass die Gesundheit gerade nach einer schweren Erkrankung langfristig gefestigt wird. Die Gewerkschaft GPA fordert daher, dass Wiedereingliederungsteilzeit ein Rechtsanspruch sein sollte. Das wäre wichtig, um nach einem längeren Krankenstand in einem geeigneten Rahmen wieder in die Arbeit zurückzukehren.
Was machen, wenn sich die Arbeitsbelastungen nichts ändern?
Beschäftigte sollten sich an den Betriebsrat wenden. Oft haben direkte Führungskräfte nicht den erforderlichen Handlungsspielraum oder die Ursache für Belastungen liegt an anderer Stelle im Unternehmen. Betriebsrät:innen haben die Aufgabe, den Arbeitgeber auf Missstände hinzuweisen und Verbesserungen vorzuschlagen. Auch das Arbeitsinspektorat kann kontaktiert werden, etwa wenn Arbeitszeiten dauerhaft überschritten werden oder Schutzbestimmungen nicht eingehalten werden.
