
Isabel Koberwein von der Gewerkschaft GPA erklärt, welche Pflichten Arbeitgeber haben und welche Rolle Betriebsrät:innen spielen.
Wie hoch ist die Belastung der Beschäftigten?
Isabel Koberwein: Wir beobachten über alle Berufsgruppen hinweg, dass die Belastungen zunehmen. Es gibt viele Aufgaben, die gleichzeitig zu erledigen sind. Das wirkt sich auf die psychische und körperliche Gesundheit aus. Fast die Hälfte der Angestellten gibt in einer aktuellen IFES-Befragung der Gewerkschaft GPA an, dass ihre Arbeitsbelastung in den vergangenen zwei Jahren gestiegen ist.
Wie ist Gesundheit am Arbeitsplatz geregelt?
Jede Arbeit ist anders und bringt ganz verschiedene Belastungen mit sich. Das Arbeitnehmer:innenschutzgesetz bietet einen klaren, aber auch flexiblen Rahmen: Es schreibt keine starren Regeln für alle vor. Stattdessen ist jeder Betrieb gesetzlich verpflichtet, die spezifischen Belastungen zu evaluieren. Werden dabei Probleme entdeckt, müssen wirksame Verbesserungen umgesetzt werden. Es gibt also keine Lösungen von der Stange. Genau deshalb sind die richtigen Maßnahmen oft sehr naheliegend und einfach einzuführen.
Arbeitsinspektorat
Für Beschwerden über Arbeitsbedingungen kannst du dich an dein zuständiges Arbeitsinspektorat wenden. Du findest es hier.
Wie sehen Lösungen aus?
Oft geht es um ganz grundsätzliche Fragen: Wer im Betrieb ist eigentlich hauptzuständig für ein bestimmtes Thema? An wen kann man Aufgaben delegieren, wenn man für eine gewisse Zeit konzentriert arbeiten muss? Wie werden Zuständigkeiten so geregelt, dass Beschäftigte nicht dauerhaft überlastet werden?
Im Handel oder in der Pflege stehen zum Teil andere Themen im Vordergrund, etwa der Umgang mit Kund:innen, Patient:innen oder Klient:innen. Hier hilft es sehr, wenn Beschäftigte wissen, wo sie klare Grenzen setzen können. Besonders wichtig ist dabei der Rückhalt des Arbeitgebers.
Warum sind psychische Erkrankungen keine Berufskrankenheiten?
Weil hier die Kausalität im klassischen Sinn oft schwer nachzuweisen ist. Zu hohe Belastung kann sich ganz unterschiedlich auswirken: von Burnout und Panikattacken bis hin zu Magenschmerzen.
Wie gelingt gesundes Arbeiten bis zur Pension?
Wenn einerseits gefordert wird, dass wir immer länger arbeiten sollen, andererseits aber rund ein Drittel der Beschäftigten laut IFES-Befragung angibt, sich unter diesem Druck nicht vorstellen zu können, bis zur Pension zu arbeiten, gibt es klaren Handlungsbedarf. Es muss über den gesamten Verlauf eines Erwerbslebens sichergestellt sein, dass Arbeit die Gesundheit unterstützt und auf unterschiedliche Lebensumstände Rücksicht nimmt.
Wie gelingt der Wiedereinstieg?
Wichtig ist, dass die Gesundheit gerade nach einer schweren Erkrankung langfristig gefestigt wird. Die Gewerkschaft GPA fordert daher, dass Wiedereingliederungsteilzeit ein Rechtsanspruch sein sollte. Das wäre wichtig, um nach einem längeren Krankenstand in einem geeigneten Rahmen wieder in die Arbeit zurückzukehren.
Was machen, wenn sich die Arbeitsbelastungen nichts ändern?
Beschäftigte sollten sich an den Betriebsrat wenden. Oft haben direkte Führungskräfte nicht den erforderlichen Handlungsspielraum oder die Ursache für Belastungen liegt an anderer Stelle im Unternehmen. Betriebsrät:innen haben die Aufgabe, den Arbeitgeber auf Missstände hinzuweisen und Verbesserungen vorzuschlagen. Auch das Arbeitsinspektorat kann kontaktiert werden, etwa wenn Arbeitszeiten dauerhaft überschritten werden oder Schutzbestimmungen nicht eingehalten werden.
Isabel Koberwein beschäftigt sich mit Arbeitnehmer:innenschutz, Gesundheit und Sicherheit bei der Arbeit sowie Sozialpolitik.
