Als Salzburg auf die Brücke ging

Am 25. November 2025 protestierten über 10.000 Menschen in Salzburg für den Erhalt des Pflege- und Betreuungszuschusses.
© AK Salzburg (Rieger)

Bei Salzburg wird oft an die schöne Altstadt gedacht, gerahmt von Brücken, an denen verliebte Paare Schlösser anbringen. Im vergangenen November wurde auf einer dieser Brücken Demokratie gelebt – und Sparmaßnahmen verhindert.

Es ist ein Tag, der in Salzburg nicht so schnell vergessen werden wird. Über 10.000 Menschen kommen am 25. November 2025 auf die Staatsbrücke und machen ihrem Ärger Luft. Mit Erfolg.

Ein Schritt zurück. Rund sechs Wochen zuvor verkündet die ÖVP-FPÖ-Landesregierung, dass der Pflege- und Betreuungszuschuss ersatzlos gestrichen werden soll. Für die Beschäftigten hatte dieser Zuschuss bis zu 5 Prozent zusätzliches Bruttogehalt bedeutet. „Die erste Reaktion war Wut, Zorn, Verstörung, Irritation und Verständnislosigkeit“, blickt Klaus Brandhuber, Betriebsratsvorsitzender des Diakoniewerks in Salzburg, auf diesen Tag zurück. Er spricht für seine Kolleg:innen, die unter anderem in der Senior:innen- und Behindertenarbeit sowie bei mobilen Diensten tätig sind.

Das Geld war da

„Zu dem Zeitpunkt war uns sofort bewusst, dass wir handeln müssen. Uns war klar, dass es eine Bewegung braucht“, schildert Michael Huber, Geschäftsführer der Gewerkschaft GPA Salzburg. Das Geld war weiterhin vorhanden. Der Bund hatte es weiter an das Land Salzburg ausbezahlt, aber ohne verpflichtende Zweckbindung.

„Uns war klar, dass es eine Bewegung braucht.“

Michael Huber,
Geschäftsführer GPA Salzburg

Eine Situation, die Huber so zusammenfasst: „Sie haben das Geld kassiert und zu den Menschen gesagt: Wir müssen sparen.“ Gemeinsam mit ÖGB, Arbeiterkammer und den anderen Gewerkschaften wird eine Petition ins Leben gerufen. „Ich weiß nicht mehr, wie viele Zettel ich am Ende abgegeben habe, weil ich aufgrund der Menge mit dem Zählen aufhören musste. Die Leute haben wirklich gespürt, dass wir sie – und sie uns – brauchen“, erinnert sich Sieglinde Tazol, Betriebsratsvorsitzende vom Caritasverband Salzburg. Sie steht beim Gespräch im Dorf St. Anton, der ältesten Einrichtung der Caritas in Salzburg. In der Behinderteneinrichtung arbeiten rund 120 Kolleg:innen, viele von ihnen wären von der Streichung des Zuschusses betroffen gewesen.

Die Erwartungen verzehnfacht

Während die Petition immer größere Unterstützung erhält, findet eine erste Demonstration statt. Am 5. November soll direkt nach einer Konferenz von Betriebsrät:innen aus dem Pflege-, Gesundheits- und Sozialbereich ein Menschenzug durch die Stadt ziehen. Zu dem Zeitpunkt ist noch nicht klar, ob der Kampf um den Pflege- und Betreuungszuschuss ausreichend Leute mobilisieren kann, erzählt Orhan Dönmez, Regionalsekretär der GPA Salzburg. „Angemeldet haben wir 300 Leute. Gekommen sind dann schlussendlich 3.000.“

„Angemeldet haben wir 300 Leute. Gekommen sind dann schlussendlich 3.000.“

Orhan Dönmez,
Regionalsekretär GPA Salzburg

Christoph Eschbacher, Betriebsratsvorsitzender der Lebenshilfe Salzburg, steht in einer inklusiven Bibliothek der Lebenshilfe, als er von diesem Tag erzählt: „Mir haben sich die letzten Minuten vor Beginn der Demonstration eingebrannt, als immer mehr Kolleg:innen mit Schildern gekommen sind – oft sogar noch in Berufskleidung.“ An über 40 Standorten betreut die Lebenshilfe Salzburg Menschen mit Behinderung. Seine Kollegin Katharina Premm, ebenfalls Betriebsrätin und in der Werkstatt als Unterstützerin tätig, ergänzt: „Der Rückhalt in der Gesellschaft war groß, denn die Leute wissen, wie wichtig unsere Berufe sind.“

Solidarität auf der Staatsbrücke

Innerhalb eines Monats sind mehr als 80.000 Unterschriften gesammelt worden. Sie sollen bei einer weiteren Demonstration an die Landesregierung übergeben werden. Betriebsratsvorsitzender Harald Brengel steht im Eingang einer Pflegeeinrichtung der ÖJAB, der Österreichischen Jungarbeiterbewegung, und erzählt begeistert von diesem Tag: „Ich sah noch nie so viele Kollegi:nnen aus unserem Betrieb auf der Straße. Und man muss immer bedenken, wie viele Menschen ja auch noch im Dienst sind!“ Als der Zug am Krankenhaus der Barmherzigen Brüder vorbeikommt, rufen Bewohner:innen und Mitarbeiter:innen, die gerade arbeiten, aus den Fenstern.

„Alle Bekannten, alle Freund:innen, das ganze soziale Netzwerk, was wir im Pinzgau haben, sind mitgegangen auf die Demonstration.“

Ramona Salicevic,
Lebenshilfe Salzburg

Auch Ramona Salicevic von der Lebenshilfe Salzburg ist unter den Demonstrierenden. Sie ist extra angereist – aber nicht alleine: „Alle Bekannten, alle Freund:innen, das ganze soziale Netzwerk, was wir im Pinzgau haben, sind mitgegangen auf die Demonstration. Das war gespürte Solidarität.“ Die Demonstration startet in zwei Zügen. Über die Salzach hinweg können die Demonstrierenden einander sehen. Sie tragen Warnwesten, halten Lichter in die Höhe und rufen, was auch auf ihren Transparenten steht: „Stoppt den Pflegeraub!“

Auf der Staatsbrücke, mitten in der Salzburger Altstadt, kommen über 10.000 Menschen zusammen. Die Solidarität geht weit über die Beschäftigten hinaus, Dönmez erinnert sich an eine 80-jährige Frau: „Sie hat mir erzählt, dass sie noch nie in ihrem Leben auf einer Demonstration war.“ Was viele der Protestierenden noch gar nicht ahnen: Eine der größten Demonstrationen, die Salzburg je erlebt hat, ereignet sich hier gerade.

Die Regierung rudert zurück

Der Druck wirkt. Wenige Tage später verkündet die Salzburger Landesregierung, dass der Pflege- und Betreuungszuschuss bis Juni 2026 verlängert wird. „Am Ende des Tages hat die schwarz-blaue Landesregierung dem Druck der Straße weichen müssen. Da sieht man als Gewerkschaft, dass sich Aufstehen lohnt“, erzählt Michael Huber. Um eine langfristige Lösung zu erreichen, wurde ein Volksbegehren gestartet. Es soll den Zuschuss absichern, die Zweckwidmung sicherstellen und weitere Berufsgruppen einbeziehen. „Das betrifft zum Beispiel Hebammen oder nicht diplomierte Beschäftigte in der Behindertenbetreuung. Diese Änderung ist längst überfällig“, so Huber.

Weitere Monate vergehen. Dann rudert die Landesregierung weiter zurück. Nach einigen Verhandlungsrunden sei festgestellt worden, dass die Streichung des Zuschusses mit Juni 2026 zu rechtlichen Schwierigkeiten führen würde – so die offizielle Erklärung der Landesregierung. Unabhängig von der Begründung ist für Huber klar, dass das Volksbegehren dennoch dringend notwendig ist. Neben einer langfristigen Sicherung in ganz Österreich geht es auch um die Kolleg:innen in anderen Bundesländern: „Wer sagt uns, dass nicht eine andere Landesregierung auch auf die Idee kommt, den Pflege- und Betreuungszuschuss plötzlich einzustellen?“

Heute steht Orhan Dönmez wieder auf der Staatsbrücke. Er erzählt, dass die Liebesschlösser, die Paare auf dem Steg daneben anbringen, immer wieder abmontiert werden. Die Stadt bewahrt sie ein Jahr lang auf. Beim Zuschuss muss es anders sein: „Im Bundesland Salzburg muss der Zuschuss für die Zukunft gesichert werden. Dafür sind wir aufgestanden und würden es auch jederzeit wieder tun.“

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