Mit Rückenwind für die Belegschaft

Thomas Schäffer am Vorfeld des Flughafens Wien. So leidenschaftlich er über das Fliegen spricht, so leidenschaftlich setzt er sich für seine Kolleg:innen ein.
Foto: Edgar Ketzer

Am Flughafen Wien arbeiten rund 1.500 Angestellte in unterschiedlichsten Bereichen – vom Vorfeld über Terminal und Parkhäuser bis zu den Büros. Betriebsratsvorsitzender Thomas Schäffer und sein Team sorgen dafür, dass sie auch in einem weitläufigen Betrieb mit Schichtdienst, Sicherheitskontrollen und hohem Tempo gut vertreten sind.

Bevor wir aus dem Auto steigen, hat Thomas Schäffer noch eine Warnung: „Westen anziehen, sonst bekomme ich einen Punkt in meinem Führerschein.“ Vor uns wird ein Flugzeug für den Abflug vorbereitet. Am Bauch der Maschine verladen Beschäftigte Gepäck, über die Fluggastbrücke gehen Passagier:innen an Bord und schauen zu uns herüber. Schäffer deutet auf die Warnweste: „Um hier fahren zu dürfen, braucht man einen eigenen Führerschein.“ Wir haben Glück: Vor dem Flugzeug ist noch ein Parkplatz frei – für Autos.

Neben uns rollt bereits der nächste Gepäckwagen heran. Wir steigen aus und stehen auf dem Vorfeld des Flughafens Wien, wenige Schritte von den Tragflächen einer Maschine entfernt. Direkt neben der Maschine wird deutlich, wie viele Hände an einem einzigen Abflug beteiligt sind.

Arbeit vor dem Abflug

Schäffer vertritt als Vorsitzender des Angestelltenbetriebsrats der Flughafen Wien AG gemeinsam mit seinem Team knapp 1.500 Beschäftigte – ungefähr so viele Menschen, wie acht voll besetzte Ferienflieger befördern. Sie arbeiten in der Verwaltung, im Terminal und in den Lounges, an der Information, in den Parkhäusern.

Oder, wie ein Kollege in einiger Entfernung, als Ramp Agent auf dem Vorfeld. Ramp Agents sind für die Abfertigung am Boden mitverantwortlich. Sie achten darauf, dass Gepäck und Fracht richtig verladen sind und das Flugzeug sicher starten kann. Sie sind die Letzten am Boden, die vor dem Abflug noch im Kontakt mit dem Cockpit stehen. Schäffer winkt hinüber. Viele im Betrieb kennt er persönlich. Das ist an einem Arbeitsplatz, der sich über Terminal, Büros, Werkstätten und Vorfeld erstreckt, keine Nebensache.

Im Schnitt starten und landen am Flughafen Wien täglich rund 660 Flugzeuge.
Foto: Edgar Ketzer

Check-in für das Vorfeld

Auf dem Weg zum Vorfeld müssen wir durch eine Sicherheitskontrolle. Wir steigen aus, legen unsere Taschen auf das Förderband und gehen durch die Schleuse. Nur das Reiseziel fehlt. Auch das Auto wird kontrolliert, Ausweise werden geprüft. Seit den Anschlägen vom 11. September 2001 prägen verschärfte Sicherheitsvorkehrungen den Flughafenalltag – auch für jene, die hier täglich zur Arbeit kommen.

Schäffer kennt auch die Kolleg:innen an der Kontrolle. Während wir warten, bleibt Zeit für einen kurzen Austausch. Viele Gespräche ergeben sich oft ungeplant, erklärt er, als wir wieder im Auto sitzen: „Ich kann nur selten Mittagessen gehen, ohne von Kolleg:innen angesprochen zu werden. Das ist auch gut so. Sonst erfährt man vieles nicht.“ Dann öffnet sich die Schranke.

Ab in den Urlaub

Für den Weg ins Betriebsratsbüro braucht es diese Kontrollen nicht. Wir treffen uns beim ältesten Gebäude des Flughafens. Hier sitzt Schäffer mit seinen Kolleg:innen direkt neben der hauseigenen Druckerei des Flughafens. Angesprochen auf die größte Errungenschaft des Betriebsrats, muss er keine Sekunde überlegen: „Definitiv die 6. Urlaubswoche.“

Denn was Beschäftigten gesetzlich erst nach 25 anrechenbaren Dienstjahren zusteht, gibt es bei der Flughafen Wien AG ab dem ersten Tag. 2018 wurde die Regelung im Kollektivvertrag durchgesetzt. Wer die gesetzliche Anwartschaft später ebenfalls erfüllt, kommt sogar auf sieben Wochen.

„Das steht in jeder Ausschreibung drin“, sagt Schäffer. Gerade für die fast zur Hälfte im Schichtdienst arbeitenden Angestellten sei diese zusätzliche Woche wichtig. Auch im Sommer, wenn der Flughafen Hochsaison hat, gebe es keine klassischen Urlaubssperren. Die meisten Beschäftigten könnten dann bis zu 16 Tage am Stück frei nehmen. Das alles trage dazu bei, dass Kolleg:innen lange im Betrieb bleiben, so Schäffer.

Viele Beschäftigte arbeiteten hier bis zur Pension, erklärt Schäffer. „Das hat auch mit den Arbeitsbedingungen zu tun“, sagt er. Dabei spiele auch die Größe des Betriebs eine Rolle: Sie ermögliche interne Wechsel und Weiterentwicklungen. Schäffer verweist auf Kolleg:innen, die in der Gepäckabfertigung beginnen und sich zu Ramp Agents weiterqualifizieren.

Jubiläum mit Rückenwind

Jedes Jahr gibt es bei der Flughafen Wien AG zwischen 80 und 100 Dienstjubiläen. Diese Momente des Feierns wurden aber vor einigen Jahren zum Ausgangspunkt eines Konflikts. Schäffer und sein Team stellten fest, dass Jubiläumsgelder über Jahrzehnte zu niedrig berechnet worden waren. Der Betriebsrat klagte und bekam Recht.

Insgesamt erhielten die betroffenen Beschäftigten knapp 350.000 Euro nachbezahlt: „Für manche waren das Nachzahlungen von 4.000 bis 8.000 Euro. Das war richtig viel Geld.“ Bei den älteren Kolleg:innen, sagt er rückblickend, habe er mit diesem Erfolg als junger Betriebsrat viel Anerkennung gewonnen.

Als Kind schon am Flughafen

Schäffer begann im Jahr 2001 seine Ausbildung mit einer Lehre als Bürokaufmann am Flughafen. Das Gelände war ihm da längst vertraut: „Ich bin schon mit sechs Jahren am Flughafen gewesen und habe mit meiner Mutter meinen Vater abgeholt.“ Als wir mit dem Auto an einer Werkstatt vorbeikommen, zeigt er hinüber: Hier arbeitete sein Vater zuerst als Kfz-Mechaniker, später leitete er die Kfz-Werkstatt.

Kennt den Flughafen seit Kindestagen: In dieser Werkstatt am Flughafengelände hat der Vater von Thomas Schäffer gearbeitet.
Foto: Edgar Ketzer

Zwischen der Werkstatt, dem Office Park, dem Terminal und dem Vorfeld liegen lange Wege – und unterschiedliche Arbeitswelten. Wer in der IT arbeitet, begegnet einem Ramp Agent auf dem Vorfeld im Alltag kaum. Wer an der Information im Terminal arbeitet, hat mit der Verwaltung im Office Park wenig zu tun. Gerade deshalb, sagt Schäffer, sei es wichtig, dass der Betriebsrat im ganzen Unternehmen präsent ist.

Das Team ist entsprechend aufgestellt: 15 Betriebsratsmitglieder kommen aus unterschiedlichen Bereichen – aus dem Terminal, der IT, der Werbung oder der Feuerwehr des Flughafens. „Du musst schauen, dass du in jedem großen Bereich jemanden hast“, sagt Schäffer. So wissen die Beschäftigten, an wen sie sich schnell mit Fragen oder Problemen wenden können.

Zwei Wochen unterwegs

Zu Weihnachten, Ostern oder rund um den Valentinstag zieht das Betriebsratsteam durch die Abteilungen, verteilt Gutscheine, Krapfen oder kleine Aufmerksamkeiten. Zwei Betriebsratsmitglieder brauchen laut Schäffer rund zwei Wochen, um bei einer Aktion tatsächlich alle Bereiche in den vielen Gebäuden zu erreichen.

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Kinoabende für Familien, Sportangebote, Ausflüge oder ein Baby-Brunch für Kolleginnen in Karenz sollen ebenfalls dazu beitragen, dass der Kontakt nicht abreißt. Schäffer formuliert es so: „Wir sind die, die die Leute zusammenbringen.“

Wenn Turbulenzen auftreten

Gutscheine und Familienkino sind die eine Seite der Betriebsratsarbeit. Wenn Sparpläne im Raum stehen, geht es darum, die Beschäftigten rasch zu informieren und ihre Interessen bei der Geschäftsleitung einzubringen.

Als im vergangenen Jahr Kündigungslisten und die Schließung einzelner Bereiche im Raum standen, beriefen Schäffer und sein Team zwei Betriebsversammlungen ein. Mit einer Kompromisslösung, über die die Beschäftigten mitentschieden, sei es gelungen, viele Kündigungen und Schließungen von Bereichen zu verhindern.

Auch das nächste große Thema zeichnet sich ab: Mit der Umsetzung der EU-Entgelttransparenz-Richtlinie will der Betriebsrat genauer auf Gehälter und mögliche Ungleichheiten im Unternehmen schauen. „Da muss man in jeden Betrieb hineinschauen“, sagt Schäffer.

„Wir können lustig sein, Veranstaltungen machen, Gutscheine verkaufen, aber gleichzeitig haben wir schon Krisen gehabt.“

Thomas Schäffer, Betriebsratsvorsitzender, Flughafen Wien AG

Bereit für den Winter

Bevor wir zurückfahren, hält Schäffer am Schneeabladeplatz, einem Ort, den er unbedingt noch zeigen möchte. Im Winter landet hier, was von Start- und Landebahnen geräumt wird. Jetzt ist die großflächig asphaltierte Fläche leer, die Räumschilde der Schneepflüge liegen verstreut und warten auf ihren Einsatz.

Direkt vor uns beschleunigt ein Flugzeug auf der Startbahn, hebt ab und verschwindet in der Nebeldecke. Schäffer erklärt jedes Detail, verfolgt den Flug auf einer App. Seine Faszination für das Fliegen ist unübersehbar.

Warum er dann Betriebsrat geworden ist? Neben dem Triebwerk eines Flugzeugs fällt seine Antwort knapp aus: „Man kann für Kolleg:innen einfach was weiterbringen. Das ist der Sinn des Betriebsrats.“

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