
Betriebliche Gesundheitsförderung verbessert den Arbeitsalltag der Beschäftigten. Zwei Betriebe zeigen, wie das in der Praxis gelingen kann.
Am Standort der österreichischen Bosch-Gruppe im 3. Wiener Gemeindebezirk hat Gesundheitsförderung einen hohen Stellenwert. Dazu trägt auch der Betriebsrat maßgeblich bei. Christoph Seidl gehört seit vielen Jahren dem Betriebsratsteam an und ist heute erster Stellvertreter des Betriebsratsvorsitzenden.
Die vergangenen beiden Jahre waren eine große Herausforderung, berichtet Seidl, denn rund 200 Arbeitsplätze wurden abgebaut. Für die verbliebenen 1.550 Beschäftigten bedeutet das mehr Arbeitsdruck. „Die Arbeit wurde nicht weniger, viele zeigen Stresssymptome durch Überlastung“, sagt Seidl. Deshalb steht derzeit die psychische Gesundheit ganz oben auf der Agenda.
Einmal pro Woche steht eine Psychologin im arbeitsmedizinischen Zentrum für die Beschäftigten zur Verfügung. Zusätzlich gibt es eine externe Burnout-Beratung, Kurse für Autogenes Training und demnächst auch die Möglichkeit, einen Mental Coach in Anspruch zu nehmen. „Für dieses umfassende Angebot haben wir uns als Betriebsrat stark gemacht“, betont Seidl.
Große Nachfrage
Auch körperliche Beschwerden werden gezielt angegangen. Da die meisten Beschäftigten im Büro arbeiten, stehen Rückenprobleme durch langes Sitzen im Mittelpunkt. Physiotherapie sowie klassische und Ayurveda-Massagen werden vom Betriebsrat finanziell unterstützt, sodass die Mitarbeiter:innen pro Behandlung nur 14 Euro selbst bezahlen. Das Angebot ist stark nachgefragt: „Der Massageraum ist den ganzen Tag ausgebucht“, erzählt Seidl.
Ergänzt wird das Gesundheitsprogramm durch Bewegungskurse. Dafür wurde ein Turnsaal in der Nähe angemietet. Angeboten werden Rumpfgymnastik, Yoga und Lauftraining, ebenfalls mit finanzieller Unterstützung und regelmäßig ausgebucht. Um die sommerliche Hitze müssen sich die Beschäftigten keine Sorgen machen: „Alle unsere Büros sind perfekt klimatisiert.“
Arbeitsmedizin
Der arbeitsmedizinische Bereich wird derzeit ausgebaut. Künftig wird ein Betriebsarzt an drei Tagen pro Woche vor Ort sein. Blutabnahmen und kostenlose Impfungen gehören bereits jetzt zum Angebot.
Für Seidl ist das ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung, der Betriebsrat fordert aber mehr Kompetenzen für Arbeitsmediziner:innen: „Sie sollten Rezepte und Überweisungen ausstellen können. Auch Krankschreibungen sollten möglich sein.“ Das könnte angesichts des Hausärztemangels sowohl den Beschäftigten als auch dem Gesundheitssystem Zeit und Kosten ersparen.
Zur Gesundheitsförderung gehört für den Betriebsrat aber noch mehr. Eine professionelle Ernährungsberatung unterstützt sowohl Kolleg:innen, die abnehmen möchten, als auch aktive Sportler:innen. Führungskräfte werden für das Thema Alkoholprävention sensibilisiert; im Betrieb gilt grundsätzlich Alkoholverbot.
Ganz wichtig ist für Seidl auch das Miteinander: Der Betriebsrat unterstützt betriebliche Sportgruppen für Radfahren, Fußball oder Beachvolleyball und organisiert viermal im Jahr gemeinsame Aktivitäten. „Unsere Sportteams sind sehr aktiv. Aber der soziale Aspekt ist mindestens genauso wichtig: Gemeinsam etwas zu unternehmen baut Stress ab und stärkt den Zusammenhalt“, ist Seidl überzeugt.
Gesundheit in der Arbeit und bis zur Pension
Nicht nur große Unternehmen können viel für die Gesundheit ihrer Beschäftigten tun. Das zeigt das Spezialzellstoffunternehmen AustroCel in Hallein. Rund 340 Mitarbeiter:innen arbeiten hier. Gesundheitsförderung ist ein Gemeinschaftsprojekt, Der Betriebsrat für Angestellte und für Arbeiter:innen, das Personalbüro und die Geschäftsführung ziehen an einem Strang.
Betriebsratsvorsitzender Walter Kogler engagiert sich seit bald zwei Jahrzehnten dafür, dass Gesundheit im Arbeitsalltag einen zentralen Stellenwert hat. Sein Ziel: „Die Mitarbeiter:innen sollen gesünder nach Hause gehen, als sie in die Arbeit gekommen sind. Und sie sollen vor allem gesund in die Pension gehen!“
Je nach Arbeitsplatz sind die Belastungen für die Belegschaft ganz unterschiedlich. Kogler vertritt die rund 140 Angestellten des Unternehmens, kennt aber die Herausforderungen im gesamten Betrieb: „Wer im Freien arbeitet, braucht hochwertige Arbeitskleidung. Andere müssen vor Lärm, Gerüchen oder Hitze bzw. Kälte geschützt werden.“ Währenddessen kämpfen viele Beschäftigte in den – noch nicht vollständig klimatisierten – Büros eher mit den typischen Rückenbeschwerden durch langes Sitzen.
Fokus auf verschiedene Bereiche
Unterschiedlich fallen daher auch die Maßnahmen aus. Für die Büroarbeitsplätze wurden kürzlich höhenverstellbare Schreibtische angeschafft. „Das war uns als Betriebsrat ein wichtiges Anliegen, für das wir uns entsprechend eingesetzt haben“, berichtet Kogler. Für den Schichtbetrieb wird eigens ein Essensangebot für den Nachmittag und für die Nacht bereitgestellt, damit auch zu später Stunde regelmäßig und ausgewogen gegessen werden kann.
Ein weiterer Schwerpunkt ist die Förderung von Bewegung und gesunder Ernährung. Gemeinsam mit der Geschäftsführung wird die Betriebskantine unterstützt, die eine gesunde Auswahl anbietet. Beschäftigte können den EGYM Wellpass für Fitnesscenter zu vergünstigten Konditionen nutzen, außerdem werden Rückenfit- und Yogakurse angeboten.
Auch Kogler findet den Betriebssport sehr wichtig: Tischtennis, Darts, Kegeln oder Saunabesuche werden vom Betriebssport finanziell unterstützt, denn: „Gemeinsame Bewegung hält nicht nur fit, sondern stärkt auch den Zusammenhalt.“
Kommunikation und neue Ideen
Das Gesundheitswesen informiert regelmäßig über Impfaktionen und weitere Gesundheitsangebote, die gemeinsam mit der Betriebsärztin umgesetzt werden. Zusätzlich können Beschäftigte während der Arbeitszeit die Angebote in der ‚Toolbox‘ der Österreichischen Gesundheitskasse nutzen, von Gymnastik über Mental- und Verhaltenstraining bis hin zu Trainings für Führungskräfte. Wer Unterstützung bei Überlastung oder Mobbing braucht, kann sich anonym an eine Arbeitspsychologin wenden.
Die nächsten Projekte stehen bereits fest. Im Hauptgebäude sind eine neue Küche und ein moderner Pausenraum geplant. Außerdem möchte Kogler die Lehrlinge stärker für Sport und Bewegung begeistern. Und weil die Berge in Salzburg praktisch vor der Haustür liegen, soll im kommenden Winter eine eigene Skitourengruppe gegründet werden.
Das gesamte Betriebsratsteam steht hinter den Gesundheitsaktivitäten, denn: „Wichtig ist, dass die Kolleg:innen gesund bleiben, von der Ausbildung bis zur Pension.“
