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Ein Betriebsrat stärkt Beschäftigte – und kann auch für Unternehmen ein entscheidender Erfolgsfaktor sein. Soziologin Bettina Stadler von der Universität Graz über bessere Kommunikation, langfristige Bindung und warum Mitbestimmung zu professionellem Management gehört.
KOMPETENZ: Frau Stadler, immer wieder begegnet man der Annahme, dass das Verhältnis zwischen Management und Betriebsrat von Konflikten geprägt ist. Spiegelt sich das in Ihren Forschungsergebnissen wider?
Bettina Stadler: Dieses Bild eines permanenten Kampfes in den Betrieben stimmt mit der Realität meistens nicht überein. Wenn man Führungskräfte direkt befragt, zeigt sich vielmehr, dass eine breite Mehrheit die Zusammenarbeit mit dem Betriebsrat schätzt. In Befragungen von Eurofound geben 47 Prozent der Führungskräfte an, dem Betriebsrat sehr stark zu vertrauen, weitere 43 Prozent vertrauen ihm eher. Das widerspricht dem verbreiteten Bild, Betriebsräte und Management stünden einander grundsätzlich negativ gegenüber.
KOMPETENZ: Kann man mit Blick auf andere Länder sagen, dass Österreich hier eine Sonderrolle einnimmt?
Bettina Stadler: Österreich hat schon eine besondere Tradition. Betriebsräte sind hier gesetzlich zur Mitwirkung verpflichtet, viele Themen werden innerhalb des Unternehmens geregelt. Das trägt zu einer vergleichsweise konfliktarmen und streikarmen Arbeitsbeziehung bei. Für Unternehmen ist das ein Vorteil: Fragen können frühzeitig aufgegriffen und bearbeitet werden.
„Wo der Betriebsrat gut eingebunden ist, wird auch direkt mit den Beschäftigten gut kommuniziert.“
Bettina Stadler, Soziologin, Universität Graz
Natürlich gibt es auch Betriebe, in denen die Zusammenarbeit nicht gut funktioniert. Die Befragungen zeichnen aber nicht das Bild eines permanenten Konflikts. Im Gegenteil: Mitbestimmung kann eine professionelle Grundlage schaffen, um tragfähige Lösungen zu finden.
KOMPETENZ: Wie wirkt sich ein Betriebsrat auf die Unternehmenskultur aus?
Bettina Stadler: Es lässt sich beobachten, dass eine gute Einbindung des Betriebsrats die direkte Kommunikation mit den Beschäftigten keineswegs ersetzt, sondern sogar verstärkt. Manchmal gibt es die Vorstellung: Entweder kommuniziert ein Unternehmen direkt mit seinen Mitarbeiter:innen oder über den Betriebsrat. In der Praxis zeigt sich aber häufig eine Kombination aus beidem.
In Unternehmen mit funktionierender Mitbestimmung berichten Beschäftigte häufiger von direktem Kontakt zu Vorgesetzten, regelmäßigen Informationen, Newslettern und mehr Austausch.
Der Betriebsrat kann dabei helfen, Themen aus der Belegschaft strukturiert einzubringen. Statt dass viele Beschäftigte einzeln mit Problemen oder Fragen an das Management herantreten, gibt es eine professionelle Anlaufstelle, die Anliegen sammelt, einordnet und zur gemeinsamen Bearbeitung weitergibt.
KOMPETENZ: Wie können Unternehmen von dieser Kommunikation profitieren?
Bettina Stadler: Führungskräfte erhalten Rückmeldungen aus dem Arbeitsalltag, Beschäftigte wissen, an wen sie sich wenden können. Unsere Analysen zeigen außerdem: Je stärker das Management den Betriebsrat gestaltend einbindet, desto besser wird die Zusammenarbeit bewertet.
KOMPETENZ: In Zeiten von Umstrukturierungen, Digitalisierung und KI stehen Betriebe vor großen Veränderungen. Wie kann der Betriebsrat diese Prozesse positiv unterstützen?
Bettina Stadler: Untersuchungen deuten darauf hin, dass eine frühzeitige Einbindung des Betriebsrats bei Veränderungsprozessen Vorteile bringt. Das betrifft sowohl die konkrete Ausgestaltung von Maßnahmen als auch deren Kommunikation an die Belegschaft.
Bei Digitalisierung, neuen Technologien oder Umstrukturierungen ist es hilfreich, wenn die Erfahrungen der Beschäftigten von Beginn an einfließen. Werden Beschäftigte und Betriebsrat frühzeitig einbezogen, können Maßnahmen besser an die Situation im Betrieb angepasst werden.
Der Betriebsrat kann zudem eine wichtige Brücke zwischen Management und Belegschaft bilden. Unternehmen sind schließlich darauf angewiesen, dass Mitarbeiter:innen neue Abläufe und Technologien mittragen. Gute Beteiligung braucht Zeit. Sie kann aber dazu beitragen, dass Veränderungen besser akzeptiert und mitgetragen werden.
KOMPETENZ: Wie wirkt sich ein Betriebsrat auf Qualifizierung, Arbeitsbedingungen und die Bindung von Fachkräften aus?
Bettina Stadler: In Betrieben mit Betriebsrat lässt sich eine längere durchschnittliche Beschäftigungsdauer beobachten. Diese höhere Verbleibedauer zeigt sich auch dann, wenn man nach Unternehmensgrößen differenziert. Für Unternehmen ist das ein bedeutender Vorteil.
Daten zeigen außerdem, dass es in Unternehmen mit Betriebsrat im Schnitt bessere Weiterbildungsangebote gibt. Gerade in einer Arbeitswelt, die sich rasch verändert, sind gute Weiterbildungsmöglichkeiten für Beschäftigte und Unternehmen besonders wichtig.
„Mitbestimmung ist eine erlernte Kultur, die zum wirtschaftlichen Erfolg beiträgt.“
Bettina Stadler, Soziologin, Universität Graz
Auch bei Arbeitszeiten und der korrekten Abgeltung von Überstunden achten Betriebsrät:innen genau auf die Einhaltung von Regelungen. Betriebsvereinbarungen schaffen in diesen Bereichen Transparenz und Verlässlichkeit. Beschäftigte wissen, welche Regeln gelten, und haben eine Ansprechperson, wenn Fragen auftauchen.
KOMPETENZ: Inwiefern kann betriebliche Mitbestimmung zum Wettbewerbsvorteil werden?
Bettina Stadler: In Befragungen unter Managementkräften sieht deutlich mehr als die Hälfte die Einbindung der Beschäftigten als Wettbewerbsvorteil. 27 Prozent der Befragten sagen, dass dies sehr stark zutrifft, weitere 42 Prozent sehen darin eher einen Vorteil.
Der direkte Zusammenhang zwischen Betriebsrat und wirtschaftlichem Erfolg lässt sich in der Forschung nicht immer eindeutig isolieren. Unternehmen unterscheiden sich stark nach Branche, Größe und Entwicklung. Gerade größere, etablierte Unternehmen haben häufiger einen Betriebsrat als junge Betriebe in einer frühen Wachstumsphase. Deshalb wäre es zu einfach, wirtschaftlichen Erfolg allein auf Mitbestimmung zurückzuführen.
Vieles spricht aber dafür, dass eine Kultur der Mitbestimmung langfristig zum Erfolg eines Unternehmens beitragen kann. Ein gutes Verhältnis zum Betriebsrat und dessen aktive Einbindung gehören für mich zu einer professionellen und modernen Unternehmensführung.
KOMPETENZ: Was würden Sie Unternehmen sagen, die einer Betriebsratsgründung skeptisch gegenüberstehen?
Bettina Stadler: Dazu habe ich nicht direkt geforscht. Häufig ist es aber zunächst ein Gewöhnungsprozess. Gerade in gewachsenen Unternehmen gibt es manchmal die Sorge, dass plötzlich jemand „reinredet“. In der Praxis kann sich daraus eine professionelle Zusammenarbeit entwickeln: Der Betriebsrat bringt die Sicht der Beschäftigten ein und kann dazu beitragen, dass Entscheidungen besser kommuniziert und im Betrieb mitgetragen werden.
Bettina Stadler ist Soziologin an der Universität Graz. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Arbeitssoziologie, Genderdifferenzen, Mitbestimmung und quantitative Methoden der empirischen Sozialforschung.
