„Kollektivvertragsverhandlungen sind nie ein Spaziergang.“

Mario Ferrari trägt Verantwortung für über 170 Kollektivverträge. Die Verhandlungen seien in letzter Zeit deutlich konfliktreicher geworden.
Foto: Edgar Ketzer

GPA-Bundesgeschäftsführer Mario Ferrari über zähe Verhandlungen, die Grenzen der Kompromissbereitschaft und darüber, warum Betriebsrät:innen in einer Arbeitswelt im Wandel wichtiger werden.

KOMPETENZ: Als oberster KV-Verhandler der Gewerkschaft GPA trägst du Verantwortung für über 170 Kollektivverträge. Wenn du auf die jüngsten Verhandlungen zurückblickst: Was hat sich geändert?

Ferrari: Sie waren deutlich schwieriger und konfliktreicher. Wir nehmen in vielen Branchen eine Blockadehaltung der Arbeitgeberseite wahr.

Es wurde auf Zeit gespielt, es gab Verzögerungen und teils sogar Forderungen nach Nulllohnrunden. Das ist in einer Situation, in der das Leben immer teurer wird und viele Beschäftigte genau rechnen müssen, ob sich Miete, Lebensmittel und Energie noch ausgehen, besonders befremdlich. Natürlich sind Kollektivvertragsverhandlungen nie ein Spaziergang. Es geht um Interessen, und es ist normal, dass unterschiedliche Positionen aufeinanderprallen. Aber Sozialpartnerschaft bedeutet ja mehr als möglichst lange zu verhandeln. Sie lebt davon, dass beide Seiten ernsthaft nach einer Lösung suchen. Wenn eine Seite nur blockiert, dann führt das Verhandlungen ad absurdum.

KOMPETENZ: Was hat letztendlich wieder Bewegung in die Verhandlungen gebracht?

Ferrari: Der Einsatz der Betriebsrät:innen und Beschäftigten. Ohne die Bereitschaft der Kolleginnen und Kollegen, bei Aktionen und Streiks sichtbar zu werden, wäre in manchen Fällen wohl sehr wenig weitergegangen. Das hat man etwa im Sozialbereich oder in der chemischen Industrie gesehen.

Das ist auch ein wichtiger Punkt: Ein Kollektivvertrag fällt nicht vom Himmel. Hinter jeder Verbesserung stehen Menschen, die sich organisieren, die ihre Anliegen artikulieren und nötigenfalls gemeinsam Druck machen. Streiks und Aktionen sind nicht das Gegenteil von Sozialpartnerschaft. Sie werden dann notwendig, wenn der Interessenausgleich am Verhandlungstisch nicht mehr funktioniert.

KOMPETENZ: Ist das also ein Zeichen dafür, dass die Sozialpartnerschaft schwächelt?

Ferrari: Sie erlebt jedenfalls einen Dämpfer. Österreich hat lange davon profitiert, dass Beschäftigte und Arbeitgeber bei allen Gegensätzen zu tragfähigen Vereinbarungen gekommen sind. Das hat Stabilität geschaffen und Konflikte begrenzt. Wenn das nicht mehr gelingt, steigen die Konfliktkosten für alle Beteiligten.

Was wir nicht am grünen Tisch ausmachen können, müssen wir auf der Straße und im Betrieb mit Aktionen und Streiks erkämpfen. Das kostet Kraft, Zeit und Energie. Niemand sollte ein Interesse daran haben, dass sich Konflikte unnötig verschärfen. Aber man darf auch nicht so tun, als wären Konflikte vermeidbar, wenn eine Seite auf berechtigte Forderungen gar nicht eingehen will.

KOMPETENZ: Woran zeigt sich diese Entwicklung abseits der Kollektivvertragsverhandlungen?

Ferrari: Ein Beispiel ist die Lohntransparenz. Auch dort wurde ewig blockiert. Das ist besonders bedauerlich, weil mehr Transparenz zu mehr Fairness führt – gerade bei den weiterhin ungleichen Einkommen von Frauen und Männern.
Ich freue mich, dass Ministerin Korinna Schumann hier jetzt Druck macht und selbst einen Entwurf eingebracht hat. Dass die Arbeitgeberseite nicht bereit war, gemeinsam mit uns etwas Handfestes vorzulegen, ist aber alles andere als ein Ruhmesblatt für die Sozialpartnerschaft.

„Man darf nicht so tun, als wären Konflikte vermeidbar, wenn eine Seite auf berechtigte Forderungen gar nicht eingehen will.“

Mario Ferrari, Bundesgeschäftsführer der Gewerkschaft GPA

Gerade bei einem Thema, bei dem es um Gleichstellung und gerechte Bezahlung geht, wäre eine gemeinsame Lösung ein starkes Signal gewesen.

KOMPETENZ: Ist das ein allgemeines Phänomen oder gibt es bei den Arbeitgebern auch solche und solche?

Ferrari: Es gibt überall immer solche und solche. Während sich unser Gegenüber in manchen Kollektivvertragsverhandlungen als Betonierer gibt, verstehen viele Geschäftsführungen sehr gut, wie wertvoll ein funktionierender Interessenausgleich für das eigene Unternehmen ist.

Denn Probleme verschwinden nicht, wenn man sie ignoriert. Sie werden größer – und dann treffen sie Beschäftigte ebenso wie den Betrieb.

KOMPETENZ: Damit steigt die Bedeutung der Betriebsrät:innen?

Ferrari: Ganz eindeutig. Betriebsrät:innen wissen, was im Unternehmen tatsächlich los ist. Sie wissen, wo der Schuh drückt, sie kennen die Belastungen im Arbeitsalltag und sie bringen die Anliegen der Kolleginnen und Kollegen zur Geschäftsführung.

Sie sind damit eine zentrale Stimme der Beschäftigten. Gleichzeitig bekommen wir als Gewerkschaft durch Betriebsrät:innen ein Bild von der Arbeitsrealität in den Betrieben.

Gerade wenn es um Arbeitszeit, Personalstand, Umstrukturierungen oder neue Formen der Arbeit geht, braucht es Kolleginnen und Kollegen, die genau hinschauen und die Interessen der Belegschaft vertreten. Betriebsrät:innen sorgen dafür, dass Entscheidungen nicht einfach über die Köpfe der Beschäftigten hinweg getroffen werden.

KOMPETENZ: Oft werden Betriebsrät:innen vor allem dann wahrgenommen, wenn es Konflikte gibt. Ihre Rolle ist aber breiter, oder?

Ferrari: Absolut. Sie sind nicht nur dann da, wenn es kracht. Gute Betriebsratsarbeit bedeutet auch, Probleme frühzeitig zu erkennen und Lösungen zu finden, bevor sie eskalieren. Sie schafft einen verlässlichen Kommunikationskanal zwischen Belegschaft und Geschäftsführung.

Betriebsrät:innen tragen damit wesentlich zu einem guten Betriebsklima bei. Sie setzen sich dafür ein, dass Kolleginnen und Kollegen anständig behandelt werden, dass Beschwerden ernst genommen werden und dass Veränderungen im Betrieb fair gestaltet werden.

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