Qualifikation bringt 500 Millionen Euro

Julia Bock-Schappelwein ist Ökonomin beim WIFO.
© Tizian Rupp

Wie Qualifizierungsmaßnahmen unsere Wirtschaft stärken und die Gesellschaft absichern könnten

KOMPETENZ: Man hört oft vom Fachkräftemangel. Wie ist da die Situation?

Julia Bock-Schappelwein: Im Jahr 2025 waren in Österreich 710.034 unselbständig Beschäftigte 55 Jahre oder älter. All diese Personen werden voraussichtlich in den nächsten zehn Jahren den Arbeitsmarkt verlassen. Das ist rund ein Fünftel aller unselbstständig Beschäftigten. In früheren Jahrzehnten lag dieser Anteil bei etwa 4 Prozent. Gleichzeitig wird die Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter in den nächsten 15 Jahren deutlich zurückgehen. So eine Phase hatten wir in der Zweiten Republik noch nie. Das heißt, wir können es uns nicht leisten, das Potenzial von Menschen am Arbeitsmarkt ungenutzt zu lassen.

KOMPETENZ: Was bedeutet das für die wirtschaftliche Entwicklung?

Bock-Schappelwein: Prognosen zeigen, dass Personen mit Lehrabschluss oder einem Abschluss einer berufsbildenden mittleren Schule zurückgehen werden. Wir haben in unserer Studie berechnet, was passieren würde, wenn es bis 2029 eine Lücke von 51.000 Fachkräften geben würde. In diesem Szenario bedeutet das bis 2029 einen kumulierten BIP-Verlust von 0,5 Prozent – umgerechnet rund 2,5 Milliarden Euro.

KOMPETENZ: Was passiert, wenn Beschäftigte mit geringer Qualifikation höher qualifiziert werden?

Bock-Schappelwein: Wir haben eine Gruppe von 40.000 Beschäftigten mit geringer Qualifikation identifiziert, die für eine Aufqualifizierung in eine mittlere Qualifikation infrage kommen würden. In diesem Szenario würde das BIP 2029 um 0,1 Prozent höher liegen. Das entspricht rund einer halben Milliarde Euro. Dabei sind weitere positive Faktoren noch nicht berücksichtigt. Mit einer mittleren Ausbildung habe ich ein geringeres Arbeitslosigkeitsrisiko, höhere Einkommenschancen. Damit einher geht auch eine bessere soziale Absicherung in der Pension.

KOMPETENZ: Wie ließe sich das umsetzen?

Bock-Schappelwein: Wichtig ist, dass die Qualifizierung arbeitsplatznah ist und im besten Fall während der Beschäftigung erfolgt. Sonst wird es gerade für diese Gruppe schwierig, sich das leisten zu können. Aber man muss noch weiter davor ansetzen und niederschwellig vermitteln, dass es solche Qualifizierungsmöglichkeiten gibt. Was wir durch Workshops mit Expert:innen außerdem gelernt haben, ist, wie wichtig es ist, Leute nach der Qualifizierung zu betreuen. Es geht darum, mit der Ausbildung Fuß zu fassen und keine Nachteile durch fehlende Informationen zu haben.

KOMPETENZ: Wie können auf der anderen Seite ältere Beschäftigte möglichst lang arbeitsfähig bleiben?

Bock-Schappelwein: Diese Frage ist besonders in systemrelevanten Bereichen von zentraler Bedeutung. Im Pflegebereich wird allein aufgrund der Altersstruktur in naher Zukunft rund ein Fünftel der Beschäftigten in Pension gehen. Gleichzeitig braucht es durch die alternde Gesellschaft mehr Beschäftigte in dem Bereich, die Nachfrage steigt. Hier braucht man oft eine mittlere Qualifikation, da müsste man mit entsprechenden Initiativen ansetzen. Denn dieser Bereich ist zentral für unser Gemeinwohl – und das Potenzial für Qualifizierung und Beschäftigung ist vorhanden.

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