Von der Krise in den neuen Job

Ilona Peterschofsky hat bei Kika/Leiner vor der Insolvenz Gartenmöbel und Lampen verkauft. In der Zukunft will sie in der mobilen Pflege arbeiten, die Ausbildung dafür hat sie dank der Arbeitsstiftung schon absolviert.
© DANIEL NOVOTNY

Nach der Insolvenz von Kika/Leiner wurde in Niederösterreich eine Arbeitsstiftung für die ehemaligen Beschäftigten ins Leben gerufen. Die KOMPETENZ hat mit Teilnehmer:innen gesprochen.

„Hast du noch deine alte Telefonnummer? Dann schreibe ich dir nachher!“ Bei einem von der Arbeitsstiftung AGAN („ArbeitGeber & ArbeitNehmer – Gesellschaft zur Förderung der NÖ Wirtschaft“) organisierten Online-Termin mit fünf ehemaligen Kika/Leiner-Beschäftigten wird schnell spürbar, was mit der Insolvenz des Unternehmens für viele Beschäftigte abhandengekommen ist. Es geht nicht nur um den Verlust des Arbeitsplatzes, sondern auch um die Kolleg:innen, von denen in Gesprächen immer wieder geschwärmt wird.

Vom Verkauf zur mobilen Pflege

Ilona Peterschofsky ist eine von ihnen. Sie war über Jahre mit Kika/Leiner verbunden, hat dort hauptsächlich Gartenmöbel und Lampen verkauft. In die Arbeit sei sie immer gerne gegangen, erzählt sie. Was sie aber auch immer schon gereizt habe, war die Arbeit in der mobilen Pflege. Durch das Angebot der Arbeitsstiftung, das sowohl individuelle Betreuung als auch finanzielle Unterstützung umfasst, könne sie diesen Wechsel nun vollziehen: „Mit der Stiftung habe ich die Möglichkeit gehabt, zu machen, was ich immer schon machen wollte – mich aber nicht getraut habe.“

„Ich weiß nicht, ob ich das ohne Arbeitsstiftung gemacht hätte.“

Ilona Peterschofsky,
ehemalige Kika/Leiner-Angestellte

Im Oktober hat sie eine entsprechende Ausbildung begonnen. Mit Erfolg. Ilona erzählt, dass sie am Tag nach dem Interview ihr erstes Vorstellungsgespräch haben wird.

Elementarpädagogik aus Leidenschaft

Ähnlich ist es auch Patricia Zöchling ergangen, deren Ausbildung zur Elementarpädagogin noch vor ihr liegt. Über die Stiftung kann die ehemalige Sachbearbeiterin im Einkauf bei Kika/Leiner nun die Matura nachholen, um dann ins Kolleg einzutreten. Auch für sie wird damit ein Berufswechsel möglich, den sie sich schon früher immer wieder vorgestellt hat: „Es wäre aber ohne Arbeitsstiftung nie so schnell und verhältnismäßig einfach gegangen.“ Ohne die Stiftung hätte sie neben der jetzigen Ausbildung arbeiten müssen. So hätte sie um ein ganzes Jahr länger gebraucht, um den neuen Beruf ausüben zu können.

Gegen die Angst arbeiten

Während für manche Teilnehmer:innen ganz klar war, in welche Richtung die Ausbildung gehen soll, hat sich die Situation für andere nicht ganz so klar dargestellt. Simone Schuster hat wenige Jahre vor ihrer Pension durch die Insolvenz von Kika/Leiner ihren Arbeitsplatz als Einkäuferin verloren. Sie spricht von einer Zukunftsangst, die in solchen Momenten groß wird. Der Angst, in ihrem Alter keinen Job mehr zu finden: „Das sind Momente, wo dich die Stiftung auffängt und dir für die nächsten anderthalb Jahre etwas Sicherheit bietet.“

Peter Zellermayer, der die Arbeitsstiftung leitet, kennt solche Situationen nur zu gut. Er hält ihnen aber das Stiftungsmotto entgegen: „Aufgegeben wird nur ein Brief.“ Jedes Erstgespräch, das er führt, beginnt mit der Frage, was auf der nächsten Visitenkarte stehen soll. Dann werde betrachtet, was die jeweilige Person mitbringt und was noch fehlt, um zu dem gewünschten Beruf zu gelangen.

„Das Schönste ist, mitzubekommen, wie die Teilnehmer:innen positiv an ihrer Zukunft arbeiten.“

Peter Zellermayer,
Leiter der Arbeitsstiftung

Peter Zellermayer macht die Stiftungsarbeit schon seit 1997, er hat mit seinem Team von AGAN wohl über 4.000 Teilnehmer:innen betreut, schätzt er. Ihm ist es wichtig zu betonen, wie viel Kraft von den Menschen ausgeht: „Die Leute, die zu uns kommen, wollen wirklich etwas aus sich machen und an ihrer Zukunft arbeiten.“ Oft geschieht das durch eine Höherqualifizierung, so wie zuletzt ein Buchhalter, der sich zum Bilanzbuchhalter weitergebildet hat – und entsprechend schnell einen neuen Arbeitsplatz gefunden hat.

Petition für Stiftung erfolgreich

Dabei war im Fall von Kika/Leiner die Existenz einer Arbeitsstiftung noch nicht von vornherein gesichert. Die Gewerkschaft GPA startete daher eine Petition, die von fast 3.000 Unterstützer:innen unterschrieben wurde und ist damit beim Land Niederösterreich und beim AMS auf offene Ohren gestoßen.

Die Stiftung wurde mit drei Millionen Euro ausgestattet, wodurch den Teilnehmer:innen durch Weiterbildungsbudgets Ausbildungen offenstehen, die sonst nicht möglich wären. Für die Kika/Leiner-Arbeitsstiftung sei bei der ersten Veranstaltung in der Arbeiterkammer St. Pölten mit rund 50 Interessierten gerechnet worden, erzählt Peter Zellermayer. Gekommen sind schließlich 150.

„Da mussten in Windeseile die Tische hinaus- und die Sessel hineingetragen werden“, erinnert er sich. Über 130 Gespräche habe er dann geführt, viele Personen konnten auch ohne Teilnahme an der Arbeitsstiftung eine Anstellung finden. Insgesamt werden es wohl rund 60 Personen sein, die von der Arbeitsstiftung engmaschig begleitet werden.

Das Autofahren bleibt

Manche Personen kommen erst jetzt in die Arbeitsstiftung, Mario Frech ist einer von ihnen. Er war unter anderem in die Umbauten sämtlicher Filialen involviert, ein Beruf, den er nach einer langen Karriere im Unternehmen sehr gerne gemacht hat. Und eine Tätigkeit, die ihn regelmäßig durch das ganze Land gebracht hat.

Dieser Aspekt war auch für seine Neuorientierung entscheidend: Mario würde am liebsten Busfahrer werden, die Arbeitsstiftung unterstützt ihn dabei. Für ihn und viele Kolleg:innen sei die Insolvenz eine große psychische Herausforderung gewesen, erzählt er. Gerade da sei die Arbeitsstiftung ein stabilisierender Faktor: „Hier wird mir die Möglichkeit gegeben, meiner Ausbildung in Ruhe nachzugehen.“

Auch Martin Floßmann ist erst seit kurzem bei der Arbeitsstiftung. Bei Kika/Leiner war er fast 30 Jahre lang in der IT-Abteilung tätig, jetzt macht er einen Kurs zum Systemadministrator. Parallel dazu ist ein Praktikum geplant. Martin blickt optimistisch in die Zukunft: „Es ist leichter, über die Stiftung eine Arbeit zu finden.“

Diesem Optimismus schließt sich auch Peter Zellermayer an und fügt hinzu: „Die Gesellschaft profitiert von der Arbeitsstiftung. Neben den Höherqualifizierungen, kürzerer Arbeitslosigkeit und psychischen Aspekten geht es auch um das gesellschaftliche Miteinander. Die Arbeitsstiftung bedeutet mehr Teilhabe!“

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