Magenta: Ein Betriebsrat ringt mit Big Tech

Johannes „Jonny“ Hofmeister (59) und Michael Wobornik (56) arbeiten beide seit 1996 bei Magenta Telekom (damals max.mobil.). Hofmeister ist seit 1997 Betriebsrat, Wobornik seit 2011.
© Edgar Ketzer

KI-Anwendungen werden zunehmend komplexer, zahlreicher – und undurchsichtiger. Der rechtliche Schutz der Mitarbeiter:innen ist gegeben, in der Praxis aber kaum durchsetzbar, beklagen die Magenta-Betriebsräte Johannes „Jonny“ Hofmeister und Michael Wobornik.

Neues Jahr, neue KI. Allein in der ersten Jännerwoche warteten fünf neue Anwendungen auf die Mitarbeiter:innen von Magenta. Die Betriebsräte „Jonny“ Hofmeister und Michael Wobornik versuchen Schritt zu halten, indem sie Betriebsvereinbarungen abschließen. Denn was eine neue KI-Anwendung mit den Daten der Nutzer:innen macht, wird immer schwerer nachzuvollziehen. Der Großteil ihrer Arbeit bestehe mittlerweile darin, die Rechte der Beschäftigten gegen die Anwendungen und Updates großer Techkonzerne zu verteidigen.

Im Jahr 1996 war die Welt noch eine andere. Im Jänner wird mit max.mobil. der Vorläufer der heutigen Magenta Telekom gegründet, am 1. Juni nehmen Hofmeister und Wobornik erstmals in ihren Bürosesseln Platz. Durch die Gänge wehen Start-up-Vibes, das Unternehmen zählt damals nicht mehr als 80 Mitarbeiter:innen. Bei der Betriebsratswahl im Herbst 1997, also nur gut ein Jahr später, waren es um die 600.

Wilder Start-up Westen

Warum Hofmeister damals einen Betriebsrat gründen wollte? Beide lachen laut. „Das war wilder Westen“. Die Arbeitsbedingungen: abenteuerlich. Betriebsvereinbarungen: nicht vorhanden. Kollektivvertrag: mangels Alternativen wurden die Beschäftigten in den Kollektivvertrag für Hotelangestellte gepackt.

„Anfangs ging das mit sehr vielen Friktionen einher, das waren viele Kämpfe und es war sicherlich nicht einfach. Aber ich denke, es ist uns im Laufe der Zeit nicht nur gelungen, die Arbeitsbedingungen deutlich zu verbessern, sondern auch, dass die Stellung des Betriebsrates im Unternehmen durchaus anerkannt und auch von der Geschäftsführung respektiert wird“, so Hofmeister.

Doch auch wenn Künstliche Intelligenz in den 1990ern den allermeisten noch ein Fremdwort ist, bekommen die Telekom-Beschäftigen spätestens Anfang der 2000er die Folgen der Automatisierung zu spüren. Die Erfassung der Neukund:innen wurde automatisiert, rund 100 Beschäftigte müssen gehen.

„Die fahren da einfach drüber“

Seither hat sich diese Dynamik enorm beschleunigt, Hofmeister vergleicht die Etablierung von KI-Systemen mit der Einführung des Internets – die Umbrüche sind gravierend. „Früher hat eine Betriebsvereinbarung für ein Tool vielleicht fünf oder sechs Jahre gehalten“, erklärt Wobornik. Seit Einführung der Künstlichen Intelligenz kommt der Betriebsrat mit dem Verhandeln kaum mehr hinterher.

Einerseits sind die Anwendungen enorm komplex und zahlreich. Konzernweit verwendet die Deutsche Telekom rund 1.000 KI-Anwendungen – allein die Betriebsvereinbarung für Microsoft Office 365 verhandeln sie mittlerweile seit fast drei Jahren. Bis die eine Vereinbarung fertig verhandelt ist, steht meist schon das nächste Update ins Haus oder neue Features werden eingeführt.

„Früher hat eine Betriebsvereinbarung für ein Tool vielleicht fünf oder sechs Jahre gehalten. Seit Einführung der Künstlichen Intelligenz kommt der Betriebsrat mit dem Verhandeln kaum mehr hinterher. “

Johannes Hofmeister, Betriebsratsvorsitzender, Magenta

Nicht immer informieren die Softwarebetreiber ihre Kund:innen darüber – „die fahren da einfach drüber“, kritisiert Hofmeister.

Anderseits lassen sich die Entwickler:innen nur ungern in die Karten schauen. „Die Algorithmen sind nicht transparent, wir wissen meist nicht, wie ein KI-Tool programmiert wurde“, kritisiert Wobornik. Er nennt als Beispiel ein Recruiting-Tool. „Welche Wertvorstellungen stecken da drin? Was fließt da ein?“ Wobornik und Hofmeister sorgen sich um algorithmische Diskriminierung: Was, wenn ein Tool beispielsweise Abschlüsse von Oxford oder Harvard höher bewertet? Da die Studiengebühren an derlei Elite-
Unis horrend sind, würden Reiche automatisch bevorzugt.

Aus- und Weiterbildungen als Perspektive

Früher wurden die meisten IT-Anwendungen der Telekom In-house administriert. Das hatte den Vorteil, dass es einen Ansprechpartner im Haus gab. Heute sitzen die Zuständigen in Irland, in den USA oder in Indien – weit weg von den Einflussmöglichkeiten eines Betriebsrates in Österreich.

Gerade internationale Großkonzerne wie die Deutsche Telekom sind stetig auf der Suche nach Optimierungspotential, sprich nach Einsparungspotential.

Dass das in der Natur der Sache liegt und potentiell Arbeitsplätze bedroht, wissen auch Hofmeister und Wobornik. „Als Betriebsrat musst du schauen, wie du diese Herausforderung nicht nur begleiten, sondern sogar positiv beeinflussen kannst“, erklärt Hofmeister. Ein zentrales Mittel: Aus- und Weiterbildungen.

Laut dem Kollektivvertrag für Arbeitnehmer:innen in Telekom-Unternehmen muss jeder Arbeitgeber seinen Mitarbeiter:innen fünf Tage pro Jahr für Weiterbildungen zur Verfügung stellen. Dass sie das bereits vor 25 Jahren in den Kollektivvertrag hinein verhandelt haben, darauf sei er durchaus „stolz“, sagt Hofmeister. Im Unternehmen mangelt es nicht an entsprechenden Lernangeboten.

Das Problem sei die Ressource Zeit. Um diesen Umstand zu verbessern haben manche Unternehmensbereiche den „Learning for Friday“ etabliert und veranstalten pro Quartal einen gemeinsamen „Lernfreitag“.

Rechte versus Realität

Für die eigene Betriebsratsarbeit wünschen sich Hofmeister und Wobornik aber vor allem externe Unterstützung im Umgang mit KI und Datenschutz. Anders als beispielsweise in Ungarn muss der Betriebsrat in Österreich eingebunden werden, wenn ein Unternehmen eine neue Anwendung einführt. Das garantiert das Arbeitsverfassungsgesetz. „Wir haben sehr viele Rechte – aber es ist unmöglich, das alles umzusetzen – schon allein wegen fehlender Zeitressourcen“, gibt Hofmeister zu bedenken.

Beide Betriebsräte regen einen Art Sachbearbeiter an, der die nötige juristische und technische Expertise mitbringt, ausschließlich für den Betriebsrat tätig ist und die Verhandlungen solcher Betriebsvereinbarungen unterstützt. Ein ähnliches Modell existiert beispielsweise in Deutschland.

„Dann hätten wir als Betriebsräte auch wieder mehr Zeit und Ressourcen, um uns um andere Fragen zu kümmern“, so Hofmeister. Denn für die eigentliche Betriebsratsarbeit bleibe mittlerweile viel zu wenig Zeit.

Zum Unternehmen:

„Magenta Telekom (T-Mobile Austria GmbH)“ ist Teil der Deutschen Telekom Gruppe und beschäftigt in Österreich rund 2.200 Mitarbeiter:innen, die meisten davon in Wien und Graz. Der Umsatz in Österreich betrug 2024 1,49 Milliarden Euro, der Konzernumsatz 115,8 Milliarden Euro.

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