Den Problemen vorgreifen

In der Präventionsarbeit ist Sandra Brandstetter Spezialistin. Erst hat sie sich 16 Jahre lang Süchten, deren Ursachen und Vermeidung gewidmet, jetzt leistet sie bei pro mente Oberösterreich Vorbeugungsarbeit im Betriebsrat.

Sucht ist mannigfaltig, betrifft u.a. Alkohol, Nikotin und illegalisierte Substanzen, Konsum, Glücksspiel und seit der Jahrtausendwende zunehmend das Internet. Von problematischem Medienkonsum und anderen Gefahren weiß Soziologin Sandra Brandstetter viel zu berichten, hat etliche Vorträge und Schulungen abgehalten.

Die gebürtige Steyrerin studierte in Linz Soziologie, wurde in dieser Zeit Mutter zweier Söhne und arbeitete noch nebenbei. „In dieser manchmal überfordernden Lebensphase habe ich gelernt, mich zu organisieren“, erinnert sich die heute 53-Jährige. „Prioritäten zu setzen, war dabei sehr wichtig und das hat damals auch nur mit Unterstützung meines Partners funktioniert.“  Während des Studiums besuchte sie eine Fortbildung am Institut Suchtprävention von pro mente Oberösterreich. Dass sie genau in diesem Bereich und am liebsten auch gleich bei dieser Organisation arbeiten wollte, wusste Brandstetter sehr bald.

Nach ihrem Studienabschlussbewarb sie sich für eine ausgeschriebene Institutsstelle – mit Erfolg. Beschäftigt hat sich die Soziologin vorrangig mit den Themen Suchtprävention in der Familie und  Kinder aus suchtbelasteten Familien, schulte unter anderem Lehrkräfte und Sozialarbeiter:innen, die mit Kindern und deren Familien arbeiten. „Prävention soll grundsätzlich stärken und eine problematische Entwicklung verhindern“, definiert Brandstetter ihre Arbeit.

Angewandte Gerechtigkeit

Als ehemalige Internatsschülerin, die sich einem „strengen Regiment“ beugen sollte, lernte sie, vehement gegen Ungerechtigkeiten vorzugehen. „Ich habe schon immer einen sehr ausgeprägten Gerechtigkeitssinn gehabt“, erklärt Sandra Brandstetter, die bald zur Schulsprecherin avancierte. „Wenn ich mit etwas nicht einverstanden war, musste ich verhandeln.“ Es folgte die Wahl in den Bundesschülerbeirat – dass sie sich nach wenigen Monaten im Institut Suchtprävention auch im Betriebsrat zu engagieren begann, erscheint nur logisch.

„Obwohl ich 16 Jahre in der Suchtprävention mit großer Begeisterung gearbeitet habe, ist mir die Entscheidung für den Betriebsrat nicht schwergefallen. Ich habe sie seither nie bereut“

Sandra Brandstetter
stellvertretende Betriebsratsvorsitzende bei bei pro mente OÖ

Als 2023 die Betriebsratsgremien bei pro mente OÖ zusammengeführt wurden, wurde Brandstetter als stellvertretende Angestelltenbetriebsratsvorsitzende gewählt und freigestellt. „Obwohl ich 16 Jahre in der Suchtprävention mit großer Begeisterung gearbeitet habe, ist mir die Entscheidung für den Betriebsrat nicht schwergefallen. Ich habe sie seither nie bereut“, erklärt die Wahl-Linzerin, die schon 31 Jahre in der oberösterreichischen Hauptstadt lebt.

Um die Situation der Arbeitnehmer:innen nachhaltig zu verbessern, engagiert sich Brandstetter zusätzlich im Landes-und Bundesausschuss der GPA, ist Teil des großen Kollektivvertrags-Verhandlungsteams. Die KV-Verhandlungen für die rund 130.000 Beschäftigten im privaten Gesundheits-, Sozial- und Pflegebereich (Sozialwirtschaft Österreich, SWÖ) starteten im Herbst 2025 und wurden – nach einem letzten 17-stündigen-Verhandlungsmarathon – Ende Jänner beendet. Ganze fünf  Runden – begleitet von Betriebsversammlungen und Warnstreiks –  dauerte es, bis es zu einem zähen Kompromiss mit den Arbeitgeber:innen kam.

Die stellvertretende Angestelltenbetriebsratsvorsitzende: „Es war ein sehr intensiver, langer und schwieriger Weg zum KV-Abschluss“. Grundsätzlich ist Betriebsratsarbeit ohne Gewerkschaft für sie nicht vorstellbar, allein der Vernetzung von Betriebsrät:innen und dem fachlichen Rat wegen.

Nicht unbedingt übertrieben harmoniebedürftig sollte sein, wer in der Arbeitnehmer:innen-Vertretung tätig sein will, das kann Sandra Brandstetter zukünftigen Betriebsrät:innen mit auf den Weg geben. „Geduld und ein gewisser Pragmatismus sind wahrscheinlich auch von Vorteil, weil Dinge meistens länger dauern als gedacht.“ Ihr Tipp: möglichst viel Kontakt mit den Kolleg:innen pflegen, ein Netzwerk aufbauen und auch nutzen. 

Für die Seele

Rund 1.500 Mitarbeiter:innen arbeiten verteilt auf fast 200 Standorte bei pro mente Oberösterreich. Jeder Standort ist von Angebot bis Zielgruppe und Finanzierung unterschiedlich. „Fast überall gibt es unterschiedliche Arbeitsrealitäten“, resümiert es Sandra Brandstetter. Für Menschen mit psychischen Erkrankungen werden u.a. mobile Betreuung, teil- und vollbetreutes Wohnen, Beratung, Psychotherapie und Arbeitstraining angeboten. Mit ihrem Arbeitgeber ist die stellvertretende Angestelltenbetriebsratsvorsitzende auch nach 19 Jahren  durchaus zufrieden: „Ich halte die pro mente Oberösterreich grundsätzlich für einen guten und verlässlichen Arbeitgeber in der Branche, aber auch sie ist natürlich von den Rahmenbedingungen der Fördergeber abhängig“.  

„Der Arbeitsdruck ist extrem gestiegen, die Taktung wird immer dichter und die Leistungsvorgaben immer herausfordernder“

Sandra Brandstetter
stellvertretende Betriebsratsvorsitzende bei bei pro mente OÖ

In den letzten Jahren wurde das Angebot laufend ausgebaut. Der Bedarf ist groß aber die Einsparungen im Sozialbereich wirken sich aus. Brandstetter: „Der Arbeitsdruck ist extrem gestiegen, die Taktung wird immer dichter und die Leistungsvorgaben immer herausfordernder“. Zudem fehlt häufig Zeit für den wichtigen Austausch im Team – das wirkt sich nicht zuletzt auf das Arbeitsklima aus und begünstigt Konflikte. „Viele Kolleg:innen arbeiten am Limit“, weiß die stellvertretende Angestelltenbetriebsratsvorsitzende. Langzeitkrankenstände häufen sich, Arbeitnehmer:innen – oft länger als 10 Jahre beschäftigt – verlassen die Branche, weil sie den Druck nicht mehr aushalten.

Generell fordert Brandstetter stabile Dienstpläne, planbare Freizeit und vor allem eine bessere Bezahlung für die Branche, um die Attraktivität der Arbeitsplätze zu erhöhen Der Personalbedarf wird in den nächsten Jahren weiter steigen und man muss es sich leisten können, in diesem gesellschaftlich wichtigen Bereich zu arbeiten. „In der Regel werden keine Vollzeitjobs angeboten“, verdeutlicht die Gewerkschafterin. Ganze 70 Prozent beträgt die Teilzeitquote in der Sozialwirtschaft. „Unsere Mitarbeiter:innen machen sicher keine Lifestyle-Teilzeit!“

Für Brandstetters Vollzeitjob im Betriebsrat und das Engagement in der GPA ist das perfekte Zeitmanagement, das sie als studierende working Mum vervollkommnen musste, unerlässlich. Ebenso wichtig ist die Unterstützung ihrer zwei Kolleg:innen im Betriebsratsbüro und die gute Zusammenarbeit mit dem Betriebsratsvorsitzenden Eugen Ertl. „Wir ergänzen uns was die Kompetenzen betrifft und verlieren beide nie den Humor“, lobt Brandstetter.

Vergangenen Herbst wurde ein neues Betriebsratsgremium gewählt, die Hälfte der 14 aktiven Betriebsrät:innen ist neu im Team. „Mitten im KV-Prozess war das ein herausfordernder Start, aber alle waren motiviert und es hat sich gezeigt, dass wir super zusammen arbeiten“, erinnert sich die stellvertretende Angestelltenbetriebsratsvorsitzende. „Und Betriebsratsarbeit funktioniert nur im Team.“

Ihre eigene Seele streichelt Sandra Brandstetter u.a. mit Theaterbesuchen – „ich habe seit vielen Jahren ein ÖGB-Theater-Abo für das Landestheater Linz, das ich nur empfehlen kann “ – und jeder Menge Wasser. Sie radelt gerne entlang des Donauradwegs und taucht sportlich unter – allerdings lieber im roten Meer als in der blauen Donau.

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