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Flexible Kinderbetreuung ermöglicht neue Chancen. Sie hilft Frauen beim Wiedereinstieg, gibt Alleinerziehenden bessere Karrierechancen und ermöglicht es auch Frauen durchgehend im gewerblichen Bereich zu arbeiten.
Lage und Öffnungszeiten sind essentiell – ein attraktiver Arbeitgeber muss auf die Vereinbarkeit von Beruf und Familie achten, will er engagierte Mitarbeiter:innen ansprechen und halten. Zum Regelbetrieb von 6.30h bis 17h hat die voestalpine auch die vivo Kinderwelt plus mit Nacht-, Wochenend- und Feiertagsbetrieb geschaffen. Hier sind auch Kids bis 12 Jahre gut aufgehoben – die 24-Stunden-Kinderbetreuung eines österreichischen Industriebetriebs ist allerdings einzigartig.
Gelungene Vereinbarkeit
Von diesem Konzept profitieren vorallem Alleinerziehende, Eltern- die beide im Schichtbetrieb arbeiten- und auch Frauen, die nach ihrer Karenz wieder in den Beruf einsteigen. „Wir wollen besonders Frauen in technischen Berufen fördern und dafür ist eine flexible und an die speziellen Bedürfnisse angepasste Kinderbetreuung unverzichtbar“, erklärt Marcus Schneeberger stellvertretender Betriebsratsvorsitzender der Angestellten in der voestalpine Stahl GmbH und Beiratsvorsitzender der vivo Kinderwelt. Gerade am Land ist es in Oberösterreich nicht so leicht eine passende Kinderbetreuung zu finden. Die Daten des aktuellen Kinderbetreuungsatlas der AK Oberösterreich zeigen: Es fehlen rund 3.600 Betreuungsplätze für Unter-Drei-Jährige und etwa 680 Plätze für Drei- bis Sechsjährige: Viele Familien kämpfen mit Wartelisten, fehlenden Plätzen, kurzen Öffnungszeiten und hohen Betreuungskosten. So ist es auch zu erklären, warum viele voestalpine-Beschäftigte ihre Kinder trotz weiter Anfahrt lieber im Betriebskindergarten unterbringen als in einer Betreuungseinrichtung in ihrer Heimatgemeinde. „Ich kenne einige Frauen, die am Land leben, die sonst nur halbtags arbeiten könnten“, sagt Sandra Saminger, sie ist Angestellten-Betriebsrätin in der voestalpine Stahl GmbH und Frauenvorsitzende der GPA Oberösterreich.
„Wir wollen besonders Frauen in technischen Berufen fördern und dafür ist eine flexible und an die speziellen Bedürfnisse angepasste Kinderbetreuung unverzichtbar“
Marcus Schneeberger, stellvertretender Betriebsratsvorsitzender der Angestellten in der voestalpine Stahl GmbH und Beiratsvorsitzender der vivo Kinderwelt.
Aber nicht nur für die Eltern ist die vivo Kinderwelt praktisch, auch die Kinder haben Spaß und entdecken auf neuen Pfaden die Welt. Dieser pädagogische Zugang wurde mit dem MINT-Gütesiegel ausgezeichnet – ein Qualitätszertifikat für innovatives Lernen in Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik für Mädchen und Burschen.
„Das beginnt schon bei den Kleinsten“, erzählt Birgit Schödinger, pädagogische Leiterin der vivo Kinderwelt. Ein Beispiel: „Wir legen farbige Folien übereinander und gestalten damit ein Schattenspiel oder bestrahlen den Plafond mit Licht in unterschiedlichen Farben – so lernen schon die Kleinsten spielerisch, wie neue Farben entstehen können.“ Die 24-köpfige Belegschaft der vivo Kinderwelt setzt sich aus Pädagoginnen, pädagogischen Assistent:innen (darunter zwei Männer) zusammen. Unterstützt werden sie noch von zwei Zivildienern. Helle Räumlichkeiten und breite Gänge bieten viel Platz für Bewegung, Spiel und Pausen. Die ins Gebäude integrierten blauen und gelben Boxen dienen als Rückzugsorte für die Kinder – durch die niedrig konzipierten Decken können dort nur Kinder aufrecht stehen.
Austoben können sich die Kleinen auch im großen Garten, dort gibt es neben Spiel-und Turngeräten auch Hochbeete, die oft eine gute Ernte bringen. „In unserer pädagogischen Küche bereiten wir dann gemeinsam mit den Kindern das Gemüse zu“, erklärt Schödinger. Vor kurzem wurde eine Gemüsesuppe gekocht und sie wurde mit großem Appetit verspeist. Frisch gekocht werden auch alle Mahlzeiten, der kindergerechte Speiseplan wird von einer Ernährungsberaterin zusammengestellt. Aufgetaute Tiefkühlkost kommt hier nicht auf den Tisch.
Doch auch die Jungen werden auf den Ernst des Lebens vorbereitet. Für alle Kids, die bald in die Schule kommen, steht ein Klassenraum zur Verfügung – viermal pro Woche finden hier kleine Unterrichtseinheiten statt. „Wenn sie dann in die erste Klasse kommen, haben sie schon einiges vorab gelernt“, erklärt Sandra Saminger.

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„Uns ist es wichtig, dass Frauen nach der Karenz über die Teilzeit hinaus tätig sein können“
Angestellten-Betriebsrätin in der voestalpine Stahl GmbH und Frauenvorsitzende der GPA Oberösterreich
Derzeit sind es drei Kinder, die regelmäßig in der vivo Kinderwelt plus übernachten, es gibt welche, die ab und zu im hier schlafen und im Herbst kommen noch weitere dazu. Der Betreuungsbedarf wird regelmäßig erhoben, zwar ist das vivo eine Woche über Weihnachten und zwei im Sommer geschlossen, „Doch wenn es notwendig wäre, dann wäre zumindest die Übernachtungsmöglichkeit gegeben“, versichert Marcus Schneeberger. Um auch gleich klarzustellen: „Die Mitarbeiter:innen geben ihr Kind ja nicht ab, um in einem Club zu tanzen, sie arbeiten in der Nachtschicht. Der Aufenthalt des Kindes muss auch in direktem Zusammenhang mit der beruflichen Tätigkeit der Eltern stehen.“
Unter den voestalpine-Beschäftigten finden sich alleinerziehende Frauen wie Männer: „Einer unserer Mitarbeiter ist sehr erleichtert, dass er weiterhin in der Nachtschicht arbeiten kann – im Tagdienst hätte er um einiges weniger verdient“ berichtet Birgit Schödinger aus ihrem Arbeitsalltag. Großen familiären Nutzen bringt die 24-Stunden-Betreuung aber auch Paaren, die beide „schichtln“. Nun brauchen sie nicht mehr wegen der Kinder in unterschiedlichen Schichten arbeiten, sie können nun zur gleichen Tages- oder Nachtzeit arbeiten. Das ergibt viel mehr Freizeit, die gemeinsam genutzt wird. Auch Frauen, die nach der Karenz in die Arbeit zurückkehren, profitieren. „Uns ist es wichtig, dass Frauen nach der Karenz über die Teilzeit hinaus tätig sein können“, erklärt Sandra Saminger. Wenn sie zuvor in der Produktion beschäftigt waren, wird darauf geachtet, dass sie wieder in die gleiche Schicht einsteigen können. „Dafür ist eine flexible und an die speziellen Bedürfnisse angepasste Kinderbetreuung unverzichtbar“ergänzt die Betriebsrätin.
Weibliche Ressource als hohes Gut
Rund 12.000 Menschen arbeiten bei der voestalpine in Linz, gut die Hälfte sind Schichtarbeiter:innen. Früher waren die Frauen vorallem in den Büros beschäftigt, doch kaum eine arbeitete in der Produktion. „Genau dort bräuchten wir mehr Frauen“, erklärt Marcus Schneeberger. Verbunden mit der Chance, zu einer Führungskraft wie Vorarbeiterin oder Meisterin aufzusteigen. Nun sind von den Lehrlingen im gewerblichen Bereich – etwa in den Metallbearbeitungsberufe, Schlosser- und Elektriker:innen – etwa 25 Prozent weiblich. Auch arbeiten viele Frauen in der Nachtschicht, am Wochenende und an Feiertagen. „In den letzten Jahren ist ein Kulturwandel erfolgt, der die Förderung von jungen Frauen in der Technik mit sich gebracht hat“, stellt Sandra Saminger fest. „Der Arbeitsmarkt ist hart umkämpft und wir als Unternehmen haben begriffen: wenn wir uns nicht um die Frauen und Mädchen bemühen, lassen wir wahnsinnig viel Ressourcen einfach ungenutzt.“
