Kollektivvertrag bei DHL Air durchgesetzt

Bei DHL-Air (Austria) haben Betriebsratsvorsitzender Sven Scherb und Betriebsrätin Ines Stockinger viel vor – der Kollektivvertrag ist dabei ein wichtiger Schritt.
Foto: Nurith Wagner-Strauss

Erstmals sind die Arbeitsbedingungen der Beschäftigten von DHL-Air (Austria) kollektivvertraglich geregelt. Mit Oktober 2025 wurde der Abschluss finalisiert und bringt den Angestellten rückwirkend mit 1. April eine Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohn von 40 auf 38,5 Stunden. Zusätzlich wurde die bislang im Büro praktizierte freie Zeiteinteilung zwischen 6 und 20 Uhr jetzt auch im KV festgeschrieben.

Für Betriebsratsvorsitzenden und Pilot Sven Scherb bringt der Abschluss „mehr Sicherheit, Transparenz und Verlässlichkeit: Wir haben die Diensteinteilung der Pilot:innen über eine Betriebsvereinbarung verbessert, das ist wichtig um Müdigkeit als größten Risikofaktor zu minimieren. Die verkürzte Arbeitszeit schafft eine bessere Work-Life-Balance für die Angestellten im Büro.“

Auch Betriebsrätin Ines Stockinger freut sich über „das Ergebnis harter, konstruktiver Verhandlungen: Neben der Reduktion der wöchentlichen Normalarbeitszeit haben wir auch Verbesserungen bei den Mindestentgelten ausverhandelt.“ Die Position der Arbeitnehmer:innen sei durch „bessere Planbarkeit nachhaltig gestärkt: Freistellungen für private Ereignisse wurden im KV festgeschrieben.“

Perspektivisch will Stockinger „eine weitere Arbeitszeitreduktion erreichen, um gepaart mit Inflationsanpassungen mögliche Wohlstandsverluste, vor allem der unteren Einkommensklassen zu vermeiden.“ Dabei setzt sie auf die herrschende Unternehmenskultur, die „von Herz und Verständnis geprägt ist: In schwierigen privaten Situationen gibt es jede Menge Unterstützung. Wir sind es gewohnt, als Menschen behandelt zu werden, das tut gut.“

„Inflationsanpassungen sind ein Muss, um Wohlstandverluste, vor allem für die unteren Einkommensklassen, zu vermeiden.“

DHL-Air (Austria) Betriebsrätin Ines Stockinger

Große Flexibilität braucht es sowohl im Büro als auch beim fliegenden Personal, die zunächst groben Flugpläne müssen im Nachtdienst oft umgearbeitet werden. Mehr als 90 Flugzeuge werden jede Nacht in Leipzig entladen und neu beladen. Dann wird die Fracht innerhalb von Europa oder nach Übersee transportiert – häufig sind dies Medizinprodukte, Blutproben, Arzneimittel, Tiere oder wichtige Dokumente.

Fliegendes Personal braucht längere Pausen

Scherb, der im November zum neuen Betriebsratsvorsitzenden gewählt wurde, sieht trotz KV „noch Luft nach oben, vor allem für die rund 300 Pilot:innen und jenes Drittel der insgesamt 95 Büroangestellten, die in Schichtarbeit tätig sind: Das von der Schwestergewerkschaft Ver.Di tarifierte fliegende Personal in Deutschland braucht längere Pausen und Arbeitszeitmodelle, die Rücksicht auf die teils langen Anfahrtswege nehmen.“ Dabei stehe eine gute Work-Life-Balance „an oberster Stelle: Wer gut qualifiziertes und motiviertes Personal möchte, muss attraktive Arbeitsbedingungen bieten.“

Betriebsratsgründung

Du denkst auch darüber nach, in deinem Betrieb oder in deiner Filiale einen Betriebsrat zu gründen? Ab fünf dauernd beschäftigten Mitarbeiter:innen habt ihr das Recht, eine Belegschaftsvertretung zu wählen! Deine Gewerkschaft GPA unterstützt dich dabei! Alle Infos zur Wahl und Unterstützung (auch nach der Gründung) erhältst du in deiner Regionalgeschäftsstelle. Für Nicht-Mitglieder ist eine Erstberatung kostenlos!

Mehr zur Betriebsratswahl findest du hier.

Stockinger, die sich seit drei Jahren als Betriebsrätin engagiert, berichtet von Stolpersteinen und Emotionen in den Verhandlungen, die sie gemeinsam mit dem verstorbenen GPA-Bundesgeschäftsführer Charly Dürtscher geführt und mit Regionalsekretärin Angelika Woisetschläger abgeschlossen hat: „Es war nicht einfach Gehaltstabellen durchzusetzen, aber nun werden die Steigerungen für die Kolleg:innen nachvollziehbar und berechenbar.“ Stockinger sieht dies als „starke Basis, auf der wir in den nächsten Jahren aufbauend weiterverhandeln können.“

Internationales Team

Das siebenköpfige Betriebsratsteam ist ebenso international zusammengesetzt wie die gesamte Belegschaft und vertritt die Interessen der Büroangestellten sowie des fliegenden Personals „mit Herz und Emotion: Ungerechtigkeiten kann bei uns keiner ausstehen, wir verstehen uns selbst als Macher:innen.“ Bei Fehlern oder Missgeschicken wird gemeinsam mit der Geschäftsführung überlegt, wie es in Zukunft besser laufen könnte: „Wir analysieren auf Augenhöhe, ob die Arbeitsbelastung zu hoch war oder konkretes Schulungspotential abgeleitet werden kann.“

Eine wichtige Rolle nimmt dabei der erfahrene Belegschaftsvertreter Vincent Schmöckel als stellvertretender Vorsitzender ein. Er leitet häufig heikle Verhandlungen, wo es um Kennzahlen und dienstrechtliche Aushandlungsprozesse geht.

„Ungerechtigkeiten können wir nicht ausstehen. Betriebsrät:innen sind Macher, alle Probleme besprechen wir im Team und suchen eine rasche Lösung.“

DHL-Air (Austria) Betriebsratsvorsitzender Sven Scherb

Sitzungen finden im Wiener Büro, gleich neben dem Tower am Flughafen statt. Stockinger ist laufend im Gespräch mit den Personalverantwortlichen vor Ort, für arbeitsrechtliche Vereinbarungen braucht es dann die Zustimmung der deutschen Konzernleitung: „Gespräche und Verhandlungen laufen sehr fair ab, wir wollen uns ja auch danach noch in die Augen sehen können.“

Freigestellt ist niemand, alle Belegschaftsvertreter:innen wollen im Alltagsjob bleiben und teilen sich die betriebsrätliche Arbeit auf. Scherb, der in der Lufthansa Gruppe bereits zwei Sozialpläne mitverhandelt hat, erfährt von Problemen meist während langer Flüge oder durch Gespräche bei Schulungen und Zwischenaufenthalten: „Diese Anliegen nehme ich mit in die nächste Betriebsratssitzung.“

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