
Foto: privat
Mit 18 kam Lejla Mulahmetovic als Kriegsflüchtling nach Österreich. Heute ist sie stellvertretende Betriebsratsvorsitzende bei TGW Logistics eines Technik-Unternehmens und hat sich in einer männlichen Domäne erfolgreich durchgesetzt.
In ihrer Erinnerung war das Leben damals „so schön wie es nur sein kann“. Lejla Mulahmetovic ist in Sarajevo geboren und aufgewachsen. „Ich habe Mathe geliebt und habe die HTL für Elektrotechnik absolviert, danach habe ich angefangen, Wirtschaftsinformatik zu studieren“, erzählt die heute 52-jährige.
Mit ihrem Vater, einem Politiker, konnte die Jugendliche „wunderbar diskutieren“, war in der sozialistischen Jugend und als Nachwuchsjournalistin aktiv. Eine spannende Zeit, die mit dem Zerfall und Krieg im ehemaligen Jugoslawien schlagartig endete. Als 18-jähriger Kriegsflüchtling kam Lejla Mulahmetovic 1992 nach Niederösterreich gemeinsam mit ihrem Bruder der damals13 Jahre alt war. „Ich konnte zwar Englisch, aber in Deutsch nur die Wörter Ja und Nein sagen“, weiß Mulahmetovic über den schwierigen Beginn in der neuen Heimat zu berichten.
Nach einem halben Jahr im niederösterreichischen Exil, übersiedelte die Bosnierin 1993 mit ihrem Bruder ins oberösterreichische Wels, wo sie auch heute noch zuhause ist. Lejla Mulahmetovic: „Ich bin eine Autodidaktin, habe mir die deutsche Sprache selbst beigebracht“.
Chancen genutzt
Gleich nach ihrer Ankunft in Wels, erhielt die Neo-Oberösterreicherin eine Arbeitserlaubnis, sie kellnerte, half in einem Kindergarten und arbeitete im Verkauf einer Bäckerei. Eine Chance, die den Asylsuchenden im 21. Jahrhundert nur allzu oft verwehrt bleibt.
Mulahmetovic wusste ihre Möglichkeiten aktiv zu nutzen – das vieldiskutierte Thema Integration, lebt sie. „Durch meine Jobs hatte ich viel Kontakt zu Deutsch sprechenden Menschen“, erinnert sich Mulahmetovic. „Du kannst dich mit der Zeit integrieren, wenn Du unter Menschen bist und sie reden hörst – dann kannst du diese Sprache auch erlernen.“
Sie wurde Filialleiterin eines Bio-Supermarkts und beschäftigte sich deshalb mit dem Wareneinkauf, nebenbei konnte Mulahmetovic ihre Ausbildung in Österreich nostrifizieren lassen – schließlich wurde sie Einkäuferin in einem Großhandelsbetrieb. Als dieser Pleite ging wechselte sie zur oberösterreichischen TGW, ein Unternehmen für Intralogistik. Heißt: logistische Abläufe für Wareneingang, Lagerung und Warenausgang werden geplant, hergestellt und ausgeführt. Bei TGW, das zur Metallbranche gehört, ist Lejla Mulahmetovic heute stellvertretende Betriebsratsvorsitzende. Rund 1.400 Angestellte werden aktuell von ihr vertreten. Die Firma hat sich auf hochautomatisierte Lagerlösungen spezialisiert, entwickelt und produziert u.a. Software, Robotik oder mechatronische Module selbst.
Lejla Mulahmetovic wurde die erste Frau im Unternehmen, die den Einkauf im Bereich Elektrotechnik verantwortete – etwas, das die Welserin zu Recht stolz macht.
Aktiv im Betriebsrat
Bei TGW Logistics wurden Betriebsratskolleg:innen auf die engagierte Einkäuferin aufmerksam und erkundeten, ob sie auch Interesse an einer Betriebsrats-Mitarbeit hätte. Lejla Mulahmetovic muss schmunzeln: „Ich habe vor 11 Jahren sofort zugesagt, ohne zu wissen, worauf ich mich da einlasse – dass ich fundiertes Wissen über Betriebsratsarbeit brauche, war mir aber schon bewusst.“ Sie absolvierte bald die Zukunftsakademie der AK Oberösterreich, machte die Ausbildung zur Laienrichterin und besuchte zusätzlich weitere Kurse.
„Ich kann sagen, ich habe jetzt zu meiner Berufung gefunden“
Lejla Mulahmetovic, stellvertretende Betriebsratsvorsitzende bei TGW Logistik
Die Inhalte haben sie sehr interessiert. „Ich kann sagen, ich habe jetzt zu meiner Berufung gefunden“, erklärt die Betriebsrätin. 2020 wurde sie für die Tätigkeit freigestellt. Und bald wartet noch mehr Arbeit auf sie. „Im Sommer werden wir fusionieren und damit doppelt so viele Mitarbeiter:innen sein“, erzählt die stellvertretende Betriebsratsvorsitzende. Sorgen macht sie sich deshalb nicht und betont: „Wir sind ein großes und gut funktionierendes Unternehmen“.
Gefragte Ersthelfer:innen
Das ist nicht selbstverständlich. Gerade in letzter Zeit war die Metallindustrie in Oberösterreich von mehreren Insolvenzen und Betriebsschließungen betroffen,
Ein Thema, dass auch die TGW-Mitarbeiter:innen belastet. Und sie nehmen diese Sorgen auch an ihren Arbeitsplatz mit. Zudem zählen arbeitsrechtliche Angelegenheiten zur typischen Betriebsratsarbeit: „Wir fungieren aber auch als psychologische Ersthelfer und versuchen selbstverständlich, auch ganz Konkretes zu erreichen.“ Das wirkt sich auch auf die regionale Ebene aus: Mitglieder der freiwilligen Feuerwehr und seit kurzem auch Freiwillige bei den Rettungsdiensten erhalten von der Firma Sonderurlaub für Schulungen, und ihre Einsätze werden als Arbeitszeit anerkannt. Gerade in ländlichen Regionen ist dieses Ehrenamt ein zentraler Bestandteil des gemeinschaftlichen Lebens.
„Wir fungieren aber auch als psychologische Ersthelfer und versuchen selbstverständlich, auch ganz Konkretes zu erreichen.“
Lejla Mulahmetovic, stellvertretende Betriebsratsvorsitzende bei TGW Logistik
Der direkte Kontakt zu Belegschaft ist ihr sehr wichtig. „Ich will wissen, wie es meinen Kolleg:innen geht“, sagt sie. Das persönliche und organisatorische Engagement nimmt viel Zeit in Anspruch. „Es gibt schon oft 12 Stunden Arbeitstage.“ Deshalb versucht sie an einem normalen Wochenende abzuschalten. „Das funktioniert freilich nicht immer. Wenn es Nachrichten von Menschen gibt, die eigentlich nicht am Wochenende schreiben, dann sehe ich mir diese natürlich an“, erzählt die Betriebsratsvorsitzende-Stellvertreterin.
Vorurteile gegen Frauen
Die gut beschäftigte Welserin ist aber auch als ÖGB-Frauenvorsitzende für Wels und Wels Land tätig. Frauenrelevante Themen will Lejla Mulahmetovic besser sichtbar machen. „Wir sind eine feine Truppe von engagierten Frauen“, berichtet die Gewerkschafterin und freut sich, dass das gemeinsame Engagement „wirklich gut funktioniert“. „Schön wäre wirklich gelebte Gleichbehandlung, aber leider braucht es dazu noch diese Gremien“, sagt Mulahmetovic. „Besonders bei den höheren Gehältern ist der Gender Pay Gap groß“, stellt Mulahmetovic fest. „In der Gastronomie werden Kellnerinnen und Kellner eher gleich entlohnt – sie bekommen beide ein niedriges Gehalt.“ Doch dort, wo es um weitaus höhere Bezüge geht, etwa bei Jurist:innen, Ärzt:innen, Techniker:innen, weitet sich der Graben. Es sind auch dort allerlei Vorurteile und Klischees in den Köpfen verankert, Frauen müssen sich offensichtlich doppelt beweisen – insbesondere in den besser bezahlten Branchen und Berufen. „Und sobald ein Kind zum Leben gehört, wird ihr berufliches Engagement verzögert oder total abgedreht.“
Sie setzt sich dafür ein, dass sich dieser Missstand früher oder später ändert. „Am Ende des Tages lohnt es sich“, schiebt Lejla Mulahmetovic etwaige Zweifel beiseite. „Wenn ich nichts tue, darf ich nicht erwarten, dass irgendein anderer Mensch etwas für mich richtet“, sagt sie bestimmt.
Dank von der Belegschaft
Wer empathisch und kommunikativ ist mit der Belegschaft und der Geschäftsführung reden kann und dabei die richtige Balance findet, dazu Teamfähigkeit und diplomatisches Geschick beweist, ist in der Arbeitnehmer:innen-Vertretung gut aufgehoben. Verbesserungen werden oft in kleinen Schritten erreicht. Das kommt auch bei den Mitarbeiter:innen an. Immer wieder einmal bedanken sich Menschen für ihr Engagement. „Manchmals zu Weihnachten für Dinge, die im März geschehen sind und an die ich mich kaum noch erinnere“.
Vorbild für ihre Kinder
Wenn sie einmal nicht unter Strom steht, geht sie gerne in die Natur.„Bei meinen Wanderungen kann ich wirklich gut abschalten.“ Abseits davon verbringt Lejla Mulahmetovic ihre Freizeit am liebsten mit ihren Töchtern und Freundinnen, geht ins Kino und Theater. Auf ihre Töchter 23 und 27 Jahre ist sie sehr stolz. „Ich bin anscheinend ihr Vorbild“, sagt sie. Die Ältere ist als Juristin in der Arbeiterkammer tätig. „Da habe ich doch gute Arbeit geleistet“, wirft Mulahmetovic lachend ein. Die Jüngere studiert Finanzwesen und ist Gewerkschaftsmitglied. Und was der leidenschaftlichen Kämpferin für Gerechtigkeit noch Kraft gibt, das ist die Liebe. Nach 30 Jahren hat sie ihre Schul- und Jugendliebe aus Sarajevo wieder gefunden. Beide genießen nun ihr Glück in Wels.
