Verschlusssache Outing

Quelle: pololia, fotolia

Zum 50-Jahr-Jubiläum der Gleichstellungsbewegung ist in westlichen Demokratien wie auch Österreich noch viel zu tun. Die Arbeitswelt lässt Offenheit gegenüber Diversität vermissen, homosexuelle ArbeitnehmerInnen scheuen deshalb oft das Coming Out im Job.

Die Unruhen im Szenelokal „Stonewall Inn“ in der Christopher Street von New York City jähren sich 2019 zum 50. Mal. Damit begann der Kampf um die Gleichstellung auf der ganzen Welt. Die „EuroPride“, die europaweit zum zweiten Mal stattfindet, wird dieses Jahr in Wien über die Bühne gehen. Die Bundeshauptstadt ist damit im Juni zwei Wochen lang Zentrum der internationalen Lesben-, Schwulen- und Queer(LGBT-)Community. Erwartet werden rund eine Million BesucherInnen zu 30 Veranstaltungen. Ein Publicity-Event, der auch die Wirtschaft belebt – und den Arbeitsmarkt.

Diskriminierung immer noch an der Tagesordnung

ArbeitnehmerInnen, die sich zur LGBT-Community bekennen, finden jedoch nicht immer ein tolerantes Arbeitsklima vor. Das bestätigen Umfragen. Zuletzt von der Unternehmensberatung Boston Consulting Group. Sie befragte mehr als 4.000 junge Berufstätige und Studierende (unter 35) in 19 Ländern, darunter Deutschland, Italien, Spanien, Frankreich und Großbritannien. In Deutschland stehen nur 37 Prozent zu ihrer sexuellen Orientierung gegenüber ArbeitskollegInnen. Sei es, dass Familienfotos den Arbeitsplatz zieren oder dass über Unternehmungen am Wochenende oder im Urlaub geplaudert wird.

ÖsterreicherInnen wurden in dieser Studie nicht befragt, das Resultat lässt sich tendenziell aber auf unser Land umlegen. Homo-, Bi- oder Transsexualität sind in vielen Firmen ein Tabu. „Damit schaden sich die Unternehmen vor allem selbst: Denn häufig ist ein offener Umgang im Job mit einer höheren Arbeitszufriedenheit verbunden“, so Annika Zawadzki von Boston Consulting. In vielen Unternehmen sei „Diversity“ bereits ein Thema. „Sie müssen aber noch besser darin werden, ein sicheres und unterstützendes Umfeld für LGBT-MitarbeiterInnen zu schaffen, wenn sie diese Talente künftig gewinnen und halten wollen.“

86 Prozent wären in Deutschland theoretisch bereit, sich im Job zu outen; das würde ihr Leben einfacher machen. Vorbehalte gibt es aber aus Angst um die Karriere. Frauen outen sich im Job seltener als Männer (43 versus 57 Prozent) und Transgender-Menschen seltener als andere Gruppen (44 versus 52 Prozent). Beliebte Arbeitgeber sind der öffentliche Sektor und Non-Profit-Organisationen.

Etwa die Hälfte outet sich am Arbeitsplatz

Die Ergebnisse widerspiegeln das Resultat, das für Österreich die Arbeiterkammer (AK) bereits vor zwei Jahren erhoben hat. Hierzulande arbeiten schätzungsweise 300.000 Beschäftigte, die sich als lesbisch, schwul, bi-, trans- oder intersexuell bekennen – und Heterosexualität als soziale Norm in Frage stellen. In der AK-Studie wurden 1.268 Personen online befragt.

Demnach outet sich mehr als die Hälfte gegenüber direkten KollegInnen. Etwa ein Drittel ist bei den Vorgesetzten nicht geoutet, gegenüber KundInnen und anderen externen Personen trifft dies auf die Hälfte der Befragten zu. Manche schwindeln und lassen ihr Gegenüber am Arbeitsplatz in falschem Glauben. Als häufigste Gründe für ein Nicht-Outing werden die Privatsphäre und Angst vor Verschlechterung der Arbeitsbeziehungen (jeweils 44 bis 45 Prozent) angeführt, etwa Tratsch und Beleidigungen.

Auffallend ist, dass 60 Prozent angeben, von Gerüchten, obszönen Witzen oder Ausgrenzung betroffen zu sein. Die erlebten Diskriminierungen reichen zudem in die konkrete Arbeitstätigkeit hinein, Betroffene werden ausgegrenzt, ihre Arbeit wird unsachgemäß kritisiert. 30 Prozent haben berufliche Benachteiligungen erfahren, etwa durch fehlende Wertschätzung, Schlechterstellung bei Beförderungen, Diensteinteilungen etc. Am häufigsten hat sich die Lage für jene verbessert, die das direkte Gespräch mit KollegInnen oder Vorgesetzten gesucht haben.

„Die Situation hat sich in den vergangenen Jahren in der Gesellschaft ein bisschen gebessert. Man kann besser darüber reden. Wir dürfen zwar heiraten, aber ansonsten sind wir nicht viel weitergekommen.“

Manfred Wolf, Betriebsratsvorsitzender der GPA-djp

„Die Situation hat sich in den vergangenen Jahren in der Gesellschaft ein bisschen gebessert“, bestätigt Manfred Wolf, Betriebsratsvorsitzender in der GPA-djp, empirisch und persönlich die Umfragetrends im Gespräch mit der KOMPETENZ. „Man kann besser darüber reden. Wir dürfen zwar heiraten, aber ansonsten sind wir nicht viel weitergekommen“, so sein Eindruck. Er verweist auf „Hardcore-Branchen“ wie Handel und Bau, wo es besonders schwierig sei, sich frei zur LGBT-Community zu bekennen.

Interessant ist, dass in dieser Frage nicht unbedingt Gewerkschaften und Arbeiterkammer als PartnerInnen wahrgenommen werden. Zwar wird teilweise sehr wohl über die BetriebsrätInnen Rat gesucht, berichtet Wolf. Betroffene ArbeitnehmerInnen wenden sich aber am ehesten an Organisationen wie der „Homosexuellen Initiative“ (HOSI) Wien. Sie ist Österreichs erster Lesben- und Schwulenverband und feiert 2019 das 40-Jahr-Jubiläum.

Im Arbeitsalltag permanent abwägen zu müssen, was preisgegeben wird, bedeutet „ständigen Stress“, unterstreicht Astrid Weinwurm-Wilhelm von „Queer Business Women“. Das ist die Vernetzung der lesbischen Wirtschaftstreibenden. Das Pendant schwuler Unternehmer, Fach- und Führungskräfte nennt sich „agpro – austrian gay professionals“. Die beiden Organisationen vergeben alle zwei Jahre die Auszeichnung „Meritus“ an Unternehmen, die sich um ein Betriebsklima im Sinne der Diversität und die Gleichbehandlung von LGBT-MitarbeiterInnen bemühen. Die nächste Ausschreibung beginnt im Mai 2019.

Was sich die Beschäftigte von den Arbeitgebern wünschen, sind laut Umfragen denn auch: Eine klare Positionierung gegen Diskriminierungen und eine dementsprechend LGBT-freundliche Unternehmenskultur, themenspezifische Weiterbildungen oder Diversity-Trainings. Vielen geht es dabei letztlich darum, dass diese Themen sichtbar gemacht werden sowohl auf betrieblicher als auch auf gesamtgesellschaftlicher Ebene. Für betroffene Menschen gibt es dazwischen nämlich keine Grenze.

LGBT ist die Abkürzung für Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender, also Lesben, Schwule, Bi- und Transsexuelle. Oft wird der Begriff ergänzt, zum Beispiel zu LGBTQIA: Lesbian, Gay, Bisexual, Transsexual, Queer, Intersex, Asexual.

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