Kindergärten trotz Lockdown voll

Ein vierjähriger Junge sitzt gelangweilt in seinem Zimmer am 18.03.2020.

Kindergartenpädagoginnen gehen an ihre Grenzen! Eine Kindergartenpädagogin aus Wien gibt Einblick in Ihren Corona-Alltag. Wir publizieren ihren verzweifelten Appell an die Politik. Sie möchte anonym bleiben.

Ich möchte Ihnen einen Einblick in den Beruf einer Kindergartenpädagogin geben… oder Elementarpädagogin wie es jetzt so toll heißt.

In unserer Berufsbezeichnung sind wir von der „Tante“ zur Elementarpädagogin aufgestiegen – aber die Wertschätzung für unseren Beruf ist leider mit den Jahren gesunken. Doch wie sieht ein Tag im Kindergarten während des Lockdowns aus? 

Nicht anders als die Tage zu vor. Da den Eltern überlassen wird, ob sie ihr Kind in den Kindergarten bringen oder nicht, entscheidet sich die Mehrheit dafür, ihr Kind zu bringen – selbst dann wenn die Kinder gar keine Betreuung benötigen würden, beispielsweise weil die Eltern sich in Karenz befinden oder arbeitslos sind. Das ist für mich absolut nicht nachvollziehbar. Mittlerweile ist bewiesen, dass sich auch Kinder im Alter von 0-6 Jahren mit dem Coronavirus infizieren können und auch Überträger sind. Darum kann ich es noch weniger verstehen, warum Kindergärten bumm voll mit Kindern sind.

Ich arbeite in einem Haus mit rund 120 Kindern

Mein Tag im Kindergarten: Ich beginne meinen Arbeitstag um 7 Uhr 45 und setze meine Maske im Personalraum, und dann im Stiegenhaus auf und betrete den Gruppenraum der Sammelgruppe. Hier werden jene Kinder zusammen betreut, welche vor 8 Uhr einen Betreuungsplatz benötigen. Ich nehme meine 5 bis 7 Kinder, die sich schon in der Sammelgruppe mit ca. anderen 8 bis 12 Kindern aus anderen Gruppen befunden haben, mit in meinen Gruppenraum. 

Diese Kinder haben eine noch höhere Wahrscheinlichkeit sich bei anderen Kindern angesteckt zu haben, da diese kunterbunt mit Kindern aus dem ganzen Haus betreut werden.

Angekommen in meinem Gruppenraum nehme ich meine Maske ab. Im Kindergarten wird nämlich empfohlen ohne Maske zu arbeiten, weil die Kinder unsere Mimik und Gestik für die Sprachentwicklung brauchen. 

Mein Schutz vor dem Virus ist somit dahin

Ich mache alle Fenster auf, denn lüften ist laut Bildungsminister die Lösung. Also lüften wir auch wenn es draußen ein Paar grad über 0 hat.

Nach und nach kommen meine Kinder. Diese werden von mir oder meiner Assistentin bei der Garderobentür in Empfang genommen und es wird Ihnen geholfen ihre Herbst- bzw. Winterkleidung und Schuhe auszuziehen! Anschließend müssen die Kinder mit Seife Hände waschen gehen. Die Eltern brauchen außer „Auf Wiedersehen“ sagen -nichts mehr tun.

„Wenn mein Dienst zu Ende ist kann ich jeden Tag beten und hoffen, dass mich keines der Kinder mit dem Virus angesteckt hat und ich dieses Virus nicht mit nach Hause zu meinem Mann und Kind nehme.“

Eine Elementarpädagogin in Wien

Um ca. 9 Uhr sind alle Kinder meiner Gruppe anwesend. 25 Kinder – in Wien eine ganz normale Kinderanzahl für 1 Pädagogin und 1 Assistentin.

Laut Regierung sollen Kontakte vermieden werden und wenn überhaupt soll man nur Kontakt mit einem weiteren Haushalt haben. Ich brauche kein Rechengenie zu sein, um zu erkennen, dass dies in Kindergärten nicht der Fall ist. Hier treffen 25 Kinderhaushalte plus zwei Erwachsenenhaushalte täglich zusammen. Ohne jeglichen Schutz. Keine Maske beim Personal und keine Maske bei den Kindern.

Selbst wenn ich als Pädagogin eine Maske tragen würde, würde diese mich nicht schützen da 25 Kinder im Alter von 3 bis 6 Jahren keine Maske im Gruppenraum tragen. 

Zu Kindern kann man keinen Abstand

Ich nehme die Kinder auf den Schoß, wenn sie Trost brauchen, gebe ich ihnen die Hand, wenn sie Hilfe beim Stiegen steigen benötigen, helfe ihnen beim An-Ausziehen von Kleidungstücken, helfe ihnen bei der Sauberkeitsentwicklung, muss teilweise noch Kinder wickeln und putze ihnen ständig die Nase.

Trotzdem sind Beschäftigte im Kindergarten ab sofort „nur“ K2-Kontaktpersonen, wenn ein Kind erkrankt. Das heißt, sie müssen weiterhin ihren Dienst verrichten, ohne getestet zu werden. Diese Logik kann ich absolut nicht nachvollziehen und zeigt mir wieder einmal mehr, wie mit der Gesundheit der Pädagoginnen und Assistentinnen umgegangen wird. 

Die Kinder halten keinen 1,5 m Abstand und niesen und husten nicht in die Armbeuge, nur um das gleich mal klarzustellen. Wird ein Spielzeug angehustet oder angeniest, wird es umgehend von uns gewaschen und desinfiziert, denn so steht es im Hygienehandbuch der Corona-Maßnahmen für Kindergärten. Sie können sich also vorstellen wie oft dies gemacht werden muss, obwohl es eigentlich nicht zu meinem Arbeitsaufgaben als Pädagogin zählt, die Bindungsarbeit bleibt somit auf der Strecke.

Absurde Vorschriften

Bei den Mahlzeiten wird nicht mehr auf Selbständigkeit geachtet. Was jahrelang verpönt war – den Kindern essen auszuteilen – ist jetzt wieder ganz normal und wird sogar vorgeschrieben, damit sich bloß keine Viren in das Essen „verirren“ können.

Wir reden aber von denselben Kindern die zuvor alle eng zusammen in den jeweiligen Bereichen gespielt, und sich gegenseitig angehustet und angeniest haben.

Dieselben Kinder dürfen ebenfalls nicht zusammen mit mir einen Morgenkreis mit Liedern, Fingerspielen, Bewegungseinheiten oder Sachgesprächen abhalten. Warum? Na weil sie dann den Mindestabstand von 1,5m im Morgenkreis nicht einhalten können. 

Wir reden aber noch immer von den selben Kindern die zuvor eng zusammen in den unterschiedlichen Bereichen zusammen gespielt, sich angeniest und angehustet haben! Verständlich oder?

Ab 14 Uhr werden die ersten Kinder abgeholt! Natürlich auch hier von mir oder meiner Assistentin schon fix und fertig angezogen den Eltern übergeben.  Ab 16 Uhr gibt es wieder eine Sammelgruppe. 

Hier befinden sich auch wieder alle Kinder vom ganzen Haus, welche noch eine Betreuung nach 16 Uhr benötigen. Auch hier sind Kinder in Betreuung, deren Eltern arbeitslos sind oder sich in Karenz befinden. Logisch? Für mich nicht. Schon gar nicht während eines zweiten Lockdowns.

Keiner weiß, ob von den 120 Kindern in unserem Haus, die wir tagtäglich betreuen, sich jemand mit dem Virus angesteckt hat und/oder Überträger ist.

Wenn mein Dienst zu Ende ist kann ich jeden Tag beten und hoffen, dass mich keines der Kinder mit dem Virus angesteckt hat und ich dieses Virus nicht mit nach Hause zu meinem Mann und meinem Kind nehme.

Personalmangel schon vor Corona

Zusätzlich kommt noch hinzu, dass es seit Jahren bei den Pädagoginnen Personalmangel gibt. Es fehlt an zusätzlichem Personal. Gerade wegen Corona fehlen aufgrund von Verdachtsfällen, positiven COVID-19-Fällen und Quarantäneeinhaltungen noch mehr Pädagoginnen und Assistentinnen im Kindergarten. Wenn KollegInnen ausfallen, ist der Tagesablauf derselbe, nur das ich alles alleine zu erledigen habe. Denn es gibt kein zusätzliches Personal.

Wir Pädagoginnen und Assistentinnen im Kindergarten bemühen uns – trotz allem – den Kindern einen sicheren und geregelten Tagesablauf zu geben. Die Anerkennung und Wertschätzung der Politik dafür ist gleich Null! Im Gegenteil – sie erlauben allen Eltern ihre Kinder in den Kindergarten zu bringen obgleich berufstätig oder nicht.

Die Politik stellt uns auch keine FFP2 Masken wie den Lehrern zur Verfügung und es gibt auch keine Testungen im Kindergarten. Denn im Kindergarten gibt es ja kein Corona! Ich kann nur so viel sagen: „Wir Pädagoginnen sind am Limit und haben bald einen Nervenzusammenbruch. So kann es nicht weitergehen!“

Wenn sich nicht bald etwas ändert, wird kein Schüler oder Absolvent der BAfEP (Bildungsanstalt für Elementarpädagogik) in diesen Beruf einsteigen wollen. Und wir – die diesen Beruf schon jahrelang ausüben – werden uns anderweitig umschulen lassen. Denn unter diesen Rahmenbedingungen will keiner mehr diesen Beruf ausüben und täglich seinen Dienst antreten. 

Bald stehen wir vor leeren Gruppenzimmern, aber nur weil es kein Kindergartenpersonal mehr gibt!

Wir Kämpfen für bessere Arbeitsbedingungen in den Kindergärten und Kindergruppen.
Kinder brauchen qualitativ hochwertige Betreuung, deshalb fordern wir:
– Einheitliche Regelungen für ganz Österreich
– Eine bessere finanzielle Ausstattung für die Kinderbetreuung
– Ausreichende Vor- und Nachbereitung
– Einen besseren Erwachsenen-Kind-Schlüssel in den Gruppen
Wenn du unseren Kampf um bessere Arbeitsbedingungen und mehr Ressourcen im Kindergarten unterstützen möchtest, dann kannst du unsere Petition unterzeichnen.

Die GPA hilft

GPA-Mitgliedern steht ein vielfältiges Beratungsangebot zu arbeitsrechtlichen Fragen zur Verfügung. Nicht-Mitglieder können unter 050301-301 eine kostenlose Erstberatung in Anspruch nehmen.

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