Hinaus zum Ersten Mai!

Foto: Edgar Ketzer

Weltweit wird am 1. Mai der Tag der Arbeit gefeiert – weltweit? In einigen Ländern haben sich andere Traditionen etabliert. Die Ursprünge dieses Internationalen Tages der ArbeiterInnenbewegung liegen im Kampf um den Achtstundentag.

Am 1. Mai 1886 begann in Chicago (Illinois) ein von den Gewerkschaften organisierter Streik. Man kämpfte, und das schon seit Jahren, für eine Begrenzung der täglichen Arbeitszeit von zwölf auf acht Stunden. Die Ereignisse dieses und der folgenden Tage gingen als  ‚Haymarket Massacre‘ (auch: ‚Haymarket Riot‘) in die Geschichte der ArbeiterInnenbewegung ein. Sie begründeten die Tradition, den 1. Mai als Kampftag der ArbeiterInnen zu begehen.

Während des Streiks und der Proteste auf dem Haymarket kamen durch eine Bombe und darauf folgende Schüsse der Polizei zahlreiche Menschen ums Leben. Den Organisatoren des Streiks wurde der Prozess gemacht, etliche von ihnen wurden hingerichtet, obwohl es keine Beweise für ihre Schuld gab. Zum Gedenken an die Opfer des Haymarket Massacre wurde auf dem Gründungskongress der Zweiten Internationale 1889 der 1. Mai als ‚Kampftag der Arbeiterbewegung‘ ausgerufen. Am 1. Mai 1890 wurde zum ersten Mal dieser ‚Protest- und Gedenktag‘ weltweit mit Massenstreiks und Demonstrationen begangen.

Österreich

Seit 1890 fanden daher auch in Österreich Feiern zum Ersten Mai statt. Die Wiener ArbeiterInnenschaft veranstaltete am 1. Mai 1890 im Wiener Prater eine Kundgebung mit mehr als 100.000 TeilnehmerInnen – die größte Kundgebung, die man bis dahin jemals in der Stadt gesehen hatte! Bis 1918 fanden die sozialdemokratischen Maiaufmärsche nun jedes Jahr im Prater statt. In der Ersten Republik wurden sie auf die Wiener Ringstraße verlegt, zusammen mit dem Abschlusskundgebung vor dem Wiener Rathaus, im seit 1919 sozialdemokratisch regierten Wien. Der 1. Mai wurde zum Staatsfeiertag erklärt. 1926 gab es erstmals am Vorabend einen Fackelzug der ArbeiterInnenjugend.

Während der Anfänge verlief der Erste Mai nicht immer friedvoll, Unternehmen drohten mit Entlassungen und es gab Verhaftungen. Zur Zeit des Austrofaschismus wurden 1933 die Maifeiern der SozialdemokratInnen durch Bundeskanzler Dollfuß verboten. Erst nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs gab es Maiaufmarsch und Fackelzug wieder in ihrer ursprünglichen Form.

Europa

In ganz Europa ist der Erste Mai der Tag der Arbeit, in den meisten Ländern als gesetzlicher Feiertag.

In Frankreich heißt dieser Tag „Fête du Travail“ (Fest der Arbeit). Auf den Straßen stehen überall VerkäuferInnen, die Maiglöckchen anbieten, denn dort ist es Brauch, diese Blumen als Symbol des Frühlings und als Glücksbringer zu verschenken. Abhängig vom Jahr, den Forderungen und den laufenden sozialen Bewegungen, finden am Ersten Mai gewerkschaftliche und gewerkschaftsübergreifende Demonstrationen in den großen Städten Frankreichs statt, die wichtigsten von ihnen traditionell in Paris.

In Deutschland und Österreich gilt am Tag der Arbeit die rote Nelke als Symbol für den Protest und den proletarischen Zusammenhalt. Die rote Nelke wurde zu Ende des 19. Jhds. auch die Symbolblume für die Frauenbewegung, insbesondere für den Kampf um das Frauenwahlrecht. In Portugal gewann sie neue Symbolkraft beim Aufstand von 1974: die ‚Nelkenrevolution‘ (‚Revolução dos Cravos‘) stürzte damals erfolgreich die Diktatur!

Weltweit

In zahlreichen afrikanischen Ländern ist der Tag ein offizieller Feiertag. In der arabischen Welt heißt er „Tag der Arbeiter“. Auch in Lateinamerika ist der Día del Trabajo offizieller Feiertag.

Und auch in Asien wird der Erste Mai natürlich gefeiert. In China haben die Schulkinder sogar drei Tage schulfrei! In Japan, wo der Tag „May Day“ heißt, ist der 1. Mai kein gesetzlicher Feiertag, stattdessen gibt es den Arbeitsdanktag am 23. November. Dieser soll in der Bevölkerung ein Gefühl der Dankbarkeit für die geleistete Arbeit sowie für die erreichten Produktionsleistungen wecken.

Labor Day

In den englischsprachen Ländern wird der Gedenktag der Arbeiterbewegung als „Labor Day“ (bzw. Labour Day)  gefeiert – allerdings nicht überall am Ersten Mai.

In den USA und in Kanada feiert man seit 1894 am 1. Montag im September. Der Tag ist ein gesetzlicher Feiertag. Der Labor Day hat dort seinen Ursprung in der Achtstundentag-Bewegung: 1882 organisierte die Central Labor Union ein ‚Monster Labor Festival‘, und am 5. September dieses Jahres nahmen in New York – je nach Schätzungen – bis zu 50.000 ArbeiterInnen an Demonstrationen und einem anschließenden Picknick teil. So wurde der Tag zu einer machtvollen Demonstration, im Laufe der folgenden Jahre schlossen sich immer mehr Städte an.

Obwohl der Erste Mai seine Ursprünge in Chicago hatte, wird der Labor Day nun in den USA am 1. Montag im September zelebriert. Um diesen Feiertag der Arbeit durchsetzen zu können, brauchte es das Engagement und die Kampfkraft zahlreicher ArbeiterInnen, PolitikerInnen und GewerkschafterInnen. Vor allem der Kampf um den Achtstundentag spielt hier eine wesentliche Rolle.

Achtstundentag-Bewegung

Dieser Kampf der amerikanischen ArbeiterInnenbewegung dauerte mehrere Jahrzehnte. Um 1860 war der Zehnstundentag noch Standard, doch einige Bundesstaaten führten bereits den Achtstundentag im Staatsdienst ein. In den 1880er Jahren übernahmen die Gewerkschaften die Kampagne, die im oben beschriebenen Haymarket Massacre gipfelte. Das Bombenattentat schadete zwar der Bewegung, letztlich setzte sich die Einführung aber durch. Henry Ford z.B. verkündete 1914 die Reduzierung von neun auf acht Stunden täglich in seinem Unternehmen. Gesetz für das gesamte Bundesgebiet wurde der Achtstundentag allerdings erst spät, nämlich 1938.

In Großbritannien wurde der Achtstundentag erstmals 1847 festgeschrieben – allerdings als maximale Arbeitszeit für Kinder (!) zwischen 9 und 13 Jahren. Alle anderen mussten nach wie vor 12 Stunden arbeiten. Erst die ArbeiterInnen des Londoner Gaswerks konnten 1889 ihre Forderung nach der Begrenzung auf acht Stunden durchsetzen. Bis heute ist der Achtstundentag in GB allerdings nicht gesetzlich festgeschrieben! Der Labour Day findet in GB und Irland am 1. Mai statt.

Auch in Australien und Neuseeland fand die Idee des Achtstundentags rasch Verbreitung. Durch den australischen Goldrausch und den Reichtum an Bodenschätzen, in Verbindung mit einer hohen Nachfrage nach Arbeitskräften, waren die Forderungen der ArbeiterInnenschaft leichter durchzusetzen. Der Achtstundentag bei vollem Lohnausgleich wurde erstmals 1856 von Bauarbeitern und Steinmetzen in Melbourne erkämpft.  

Auf diesen Erfolg werden in Australien auch die Ursprünge des Labour Day zurückgeführt. Die erste Labour Day-Demonstration fand im März 1861 in Brisbane statt, mit Bauarbeitern, die ebenfalls zuvor den Achtstundentag durchgesetzt hatten. Daraus entstand die Tradition, den Labour Day im März zu feiern.

Obwohl die Sozialistische Internationale 1889 in Paris beschlossen hatte, dass der ArbeiterInnentag auf der gesamten Welt am 1. Mai stattfinden sollte, konnten sich die AustralierInnen nicht auf diesen oder einen anderen gemeinsam Tag einigen. Der Labour Day wird daher an unterschiedlichen Tagen gefeiert, im März, im Oktober, oder im Mai – je nach Bundesstaat anders. Ursprünglich wurde der Feiertag in Australien auch ‚Eight Hour Day‘ genannt, in Tasmanien heißt er bis heute so.

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