Die Verhandlerin

Elisabeth Kubicek ist Betriebsratsvorsitzende der Nokia Solutions and Networks Österreich GmbH und vertritt ca. 260 MitarbeiterInnen.
Foto: Nurith Wagner-Strauss

Ende März 2019 starten die Kollektivertragsverhandlungen der Elektro- und Elektronikindustrie. Elisabeth Kubicek sitzt im Verhandlungsteam und kämpft in einer Männerdomäne um mehr Gerechtigkeit.

„Du kommst immer mit Leuten zu mir, die etwas brauchen. Willst du nicht selber für die Betriebsratswahlen kandidieren?“, erkundete der damalige Betriebsrat. Ein halbes Jahr später gehörte Elisabeth Kubicek zum Siemens Nixdorf Betriebsrats-Team – das war 1995, inzwischen wurde die entsprechende Abteilung ausgegliedert und mit Nokia vereinigt. Seit November 2007 ist Kubicek freigestellte Betriebsratsvorsitzende der Nokia Solutions and Networks Österreich GmbH im 22. Bezirk und vertritt rund 260 MitarbeiterInnen. Die Firma kümmert sich „um die Technik hinter den Handys“, die Netzwerktechnik-Sparte.

In ihrer Position ist Kubicek auch seit Jahren im KV-Verhandlungsteam der Elektro- und Elektronikindustrie tätig, hat das Team zwischen 2012 und 2015 sogar geleitet. Dabei ist die Branche männlich dominiert – Frauen sind immer noch in der Minderheit. Neben Kubicek sitzen noch Sandra Steiner vom IT-Unternehmen Atos Austria und Kolleginnen der PRO-GE im Verhandlungsteam. „Eine Frau setzt sich nur durch, wenn sie nicht wehleidig ist. Man muss aber schon einiges aushalten“, weiß die Betriebsrats-Vorsitzende. Sie rät, Ruhe zu bewahren und zu versuchen, die Dinge auf eine Sachebene zu bringen.

Schwierige Suche nach dem Gleichgewicht

Die diesjährigen Kollektivvertragsverhandlungen der Elektro- und Elektronikindustrie starten am 20. März mit der Übergabe der Forderungen und finden im Fachverband FEEI statt. Zu den wichtigsten Punkten gehört die sogenannte Work-Life-Balance. „Die Work-Life-Balance unserer KollegInnen stimmt nicht, sie wird leider ausgereizt“, bestätigt Kubicek. „Sehr viele Menschen in der Branche müssen lernen, was ist Arbeit und was ist Freizeit. Durch den großen Druck geraten sie in einen Konflikt“, erklärt die Gewerkschafterin. Auch wird es immer schwieriger, Fachkräfte einzustellen, der prognostizierte Fachkräftemangel erhöht den Druck weiter. Zwar ist die Trennung der Lebensbereiche essenziell, doch gelingt sie oftmals nicht: „Viele rutschen dann in ein Burn out.“

So sind etwa die MitarbeiterInnen bei Nokia weltweit vernetzt, sie stehen in regelmäßigem Kontakt mit ihren KollegInnen im Ausland. Das bedeutet im Normalfall Videokonferenzen und Telefonate zu ungewöhnlichen Zeiten – etwa mit Asien der Zeitverschiebung halber sehr zeitig, spätabends hingegen mit den USA. Viele ArbeitnehmerInnen arbeiten auch im Homeoffice. Was für viele anfangs sehr verlockend wirkt, ist mit einem hohen Risiko verbunden. Arbeits- und Freizeit verschwimmen, eine Entgrenzung vom Job ist kaum möglich.

Verhandlungssache Väter

Ebenso soll ihrer Meinung nach der vielfach diskutierte Rechtsanspruch auf den „Papa-Monat“ mit ins Verhandlungspotpourri. In einem riesigen und internationalen Konzern wie Nokia gehört die Väter-Zeit mit dem Neugeborenen längst dazu. Das ist allerdings nicht in jeder Firma ein Selbstverständnis, der Arbeitgeber muss einverstanden sein. In kleineren Betrieben erwägen Männer den Papa-Monat erst gar nicht, weil sie daraus resultierende Nachteile im Job fürchten. Ein Rechtsanspruch wäre deshalb mehr als wünschenswert.

„Doch auch die jüngeren Menschen wollen nicht nur arbeiten bis zum Umfallen, sie wollen sich auch für andere Dinge Zeit nehmen, etwa für die Familie, Sport oder ehrenamtliche Arbeiten.“


Elisabeth Kubicek, Betriebsratsvorsitzende der Nokia Solutions and Networks Österreich GmbH

Auch sollte die Altersteilzeit im Kollektivvertrag verankert werden. „Ziel ist, dass die Menschen ab einem gewissen Alter von sich aus sagen können, ich möchte in Altersteilzeit gehen“, erklärt Kubicek. Die ArbeitnehmerInnen sollten das Recht haben mit ihrer Firma eine Vereinbarung abzuschließen, dass sie weniger arbeiten und so langsam in die Pension gleiten können, ähnlich wie im Handelskollektiv-
vertrag, wo es nun ein Recht auf Altersteilzeit gibt. In ihrer Zeit als KV-Verhandlungsführerin wurde auch die Möglichkeit der Freizeitoption abgeschlossen. Die jährliche Gehaltsanpassung – also die beschlossene prozentuelle Erhöhung – kann auch in Freizeit umgewandelt und angespart werden.Darauf ist sie auch ein wenig stolz: „Denn im Laufe der Jahre wurde sie wichtiger, interessanterweise gerade für die jungen MitarbeiterInnen“, weiß Kubicek. Denn ursprünglich dachte man, dass eher ältere MitarbeiterInnen die Freizeitoption nehmen würden. „Doch auch die jüngeren Menschen wollen nicht nur arbeiten bis zum Umfallen, sie wollen sich auch für andere Dinge Zeit nehmen, etwa für die Familie, Sport oder ehrenamtliche Arbeiten.“

In guten wie schlechten Zeiten für alle da sein

Die weltweite Krise bei Nokia ist auch am Standort Wien nicht spurlos vorübergezogen. Viele MitarbeiterInnen wurden gekündigt. Wenn Arbeitsplätze abgebaut werden, können Betriebsräte nur bedingt etwas beeinflussen. „Meistens kann nur ein guter Sozialplan verhandelt werden.“ Dabei sind nicht nur adäquate Kündigungsentschädigungen, damit die betroffenen MitarbeiterInnen die nächsten Monate halbwegs gut überleben können, enorm wichtig. Die Weiter- oder Ausbildung durch eine Arbeitsstiftung – etwa gemeinsam mit dem Wiener ArbeinehmerInnenförderungsfond (waff) – sollte auf jeden Fall Teil des Sozialplans sein. Genau wie die Unterstützung durch Profis, wenn sich die Menschen für eine neue Position bewerben.

Leicht ist es trotzdem nicht. „An dem Tag, wo KollegInnen von ihrer Kündigung informiert werden, erfährst du sehr vieles über sie, bist Psychologe, Bankberater und noch einiges mehr“, beschreibt es Kubicek.
Daneben ist Elisabeth Kubicek auch in der Lokalpolitik tätig: Sie ist Bezirksrätin in Wien Landstraße. „Es ist immer wichtig, den Menschen genau zuzuhören. Ich rede zwar auch selbst gerne, höre aber auch genau hin und versuche herauszufinden, worum es wirklich geht“, sagt Kubicek. Neben ihrer Gewerkschaftsarbeit und der Lokalpolitik ist Lesen eine Leidenschaft – derzeit „Die Hauptstadt“ von Robert Menasse. Viel Zeit bleibt ihr allerdings nicht für die Ausflüge in andere Welten.

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