Leidenschaft wurde nicht belohnt

v. l. n. r.: Oliver Hingsamer, Gerald Forcher, Manuel Schmid
Foto: Jutta Moser-Daringer

Schlechte Personalführung und bedenkliche Arbeitsbedingungen. Wie der Österreichische
Tierschutzverein (ÖTV) selbstlose MitarbeiterInnen frustriert.

Oliver Hingsamer liebt Tiere, ihnen zu einem artgerechten und schönen Leben zu verhelfen, macht den gelernten Kfz-Lackierer froh. Als Hundefreund und -besitzer wollte Hingsamer, mit seinem Vierbeiner auch im therapeutischen Bereich arbeiten über eine Hundetrainerin kam er mit dem Österreichischen Tierschutzverein (ÖTV) in Kontakt. „So hat es sich ergeben, dass ich einfach mitgeholfen habe“, sagt Hingsamer. Damals arbeitete er hauptberuflich im Schichtdienst bei der ÖBB. Immer mehr Zeit verbrachte er auf dem Assisi-Hof des ÖTV im oberösterreichischen Frankenburg. Die Zusammenarbeit wurde intensiver. „Ich habe bei der Eisenbahn Urlaub genommen, um im Gnadenhof arbeiten zu können.“ 2014 kündigte er bei der ÖBB und kam hauptberuflich zum Österreichischen Tierschutzverein.

Hingsamer übernahm die Leitung des Assisi-Hofes in Frankenburg. Arbeit, die er gerne machte und für die er mit vollem Einsatz tätig war. Einen eigens zum Hochzeitstag gebuchten Urlaub nahm Hingsamer deshalb nicht in Anspruch. „Mein Kollege brachte mit der Tierrettung einen verletzten Sperber zu uns“, erinnert sich Hingsamer. „Auf Greifvögel bin ich spezialisiert. Ich habe auf die Reise verzichtet und meinen Urlaub mit der Betreuung des Sperbers verbracht, und es auch nie bereut.“ An seiner statt ging die beste Freundin seiner Frau mit auf die Reise.

Euphorie wird gedämpft

Auf dem Gnadenhof betreute der Hofleiter bis zu 100 Tiere und gleichzeitig hat er auch noch für die Tierrettung, Bezirk Vöcklabruck und Gmunden, gearbeitet. „Bis 2018 war ich stolz, Mitarbeiter beim Österreichischen Tierschutzverein zu sein“, erklärt Hingsamer. Und glücklich: „Die Arbeit mit Tieren war eine extreme Bereicherung für mich.“

Als es jedoch zu Hausdurchsuchungen der ÖTV-Büros in Salzburg und Wien kam, erschütterte das auch die Identifikation mit dem Arbeitgeber. Hingsamer: „Diese Entwicklung hat uns zu denken gegeben, wir fragten uns, ob der ÖTV wirklich seriös ist.“ Grund für die Hausdurchsuchungen: Eine Anzeige schürte den Verdacht auf Veruntreuung von Spendengeldern, ein Ermittlungsverfahren bei der Staatsanwaltschaft Salzburg ist anhängig.

Mehr Zeit für die Familie gebraucht

Mit der Schwangerschaft seiner Frau sah sich der Assisi-Gnadenhofleiter nicht länger in der Lage, rund um die Uhr für den ÖTV erreichbar zu sein. Der werdende Vater wünschte sich zukünftig freie Wochenenden und fünf Wochen Urlaub pro Jahr – ganz so wie es das Gesetz auch vorsieht. „Meine Prioritäten haben sich verschoben, ich wollte keine 7-Tage-Wochen mehr und bestenfalls zwei Wochen Urlaub“, erklärt Hingsamer.

Die ÖTV-Geschäftsleitung reagierte nicht, die Überstunden häuften sich gewaltig. Das Arbeitsinspektorat kontrollierte und beanstandete die Arbeitszeitgestaltung. Da keine zusätzliche Kraft eingestellt wurde, gab es auch keine 36 Stunden Ruhezeit. Bis heute sind die vielen Überstunden weder in Geld noch in Zeitausgleich abgegolten.

Harte Bandagen

Die Kombination aus bedenklichen Arbeitsbedingungen und einer immer schlechter werdenden Mitarbeiterführung ließ bei einigen MitarbeiterInnen des ÖTVs die Idee entstehen, einen Betriebsrat zu gründen. Sie nahmen Kontakt zur GPA-djp auf: Mit im Boot war auch der dienstälteste Mitarbeiter – er wurde kurz danach aus „betriebswirtschaftlichen“ Gründen gekündigt, obwohl gleichzeitig neue Mitarbeiter eingestellt wurden. „Für mich war bald klar, dass ich keine weitere Zukunft habe“, so Hingsamer. Er kündigte im vorigen April. Den Lohn für 270 Überstunden will er nachfordern, der Fall wird wohl vor dem Arbeitsgericht verhandelt.

Tiere nicht allein lassen

Nicht viel anders ist es Manuel Schmid ergangen. Er leitete den Assisi-Hof im niederösterreichischen St. Georgen an der Leys, arbeitete wie Kollege Hingsamer in der Regel sieben Tage die Woche. „In meinem alten Job habe ich 1.000 Euro netto mehr verdient“, erinnert sich Schmid. Einen mehrtägigen Urlaub konnte der Tierfreund schon seit Mai 2017 nicht mehr antreten, weil sich der ÖTV nicht um eine Vertretung kümmerte. Die Tiere wollte Schmid nicht einfach im Stich lassen. „Mein Wunsch ist, dass es den Tieren gut geht. In der Betreuung steckt so viel Herzblut, weil sich meine ganze Familie engagiert.“ Musste der Niederösterreicher etwa zum Arzt, übernahm seine Frau die Fürsorge. „Wir haben auch einige Pferde zu versorgen und das ist ein Haufen Arbeit“, erklärt Schmid.

Auch gab es immer wieder Probleme mit der zeitgerechten und auch ausreichenden Futterlieferung. Dass der Assisi-Hof dennoch weiter betrieben werden konnte, gelang einzig durch die finanziellen, physischen und psychischen Ressourcen der gesamten Familie. „Das war für mich auf Dauer nicht mehr tragbar“, ist Schmid verärgert und traurig – auch er hat seinen Dienstvertrag beendet.

Ansprüche durchsetzen

„Was wir von den Beschäftigen bzw. ehemals Beschäftigten des ÖTV zu hören bekommen, macht uns fassungslos“, sagt Barbara Teiber, die Vorsitzende der GPA-djp. Die MitarbeiterInnen des ÖTV haben über Jahre hinweg mit großem Engagement und trotz widriger Rahmenbedingungen Verantwortung für die ihnen anvertrauten Tiere übernommen. „Ein glaubwürdiger und erfolgreicher Tierschutz ist aber nicht möglich, wenn er dauerhaft auf Kosten der Beschäftigten geht“, führt Teiber weiter aus. Deswegen stellt die GPA-djp auch Forderungen an den ÖTV (siehe Kasten). Sie berät auch die ÖTV-Ex-Mitarbeiter und hilft ihnen bei der Durchsetzung ihrer Ansprüche. Oliver Hingsamer kämpft weiterhin um die Abgeltung seiner Überstunden. Er ist handwerklich sehr geschickt und hat inzwischen neue Arbeit gefunden. Er muss dort nicht regelmäßig Überstunden leisten, nun hat er mehr Zeit für seine Tochter Isabella. Die ist im Mai ein Jahr alt geworden.

Die GPA-djp hilft

GPA-djp-Mitgliedern steht ein vielfältiges Beratungsangebot zu arbeitsrechtlichen Fragen zur Verfügung. Nicht-Mitglieder können unter 050301-301 eine kostenlose Erstberatung in Anspruch nehmen.

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