„Die systemrelevante Arbeit wird zu 65 Prozent von Frauen erledigt“

Foto: Nurith Wagner-Strauss

Die Autorin Luna Al-Mousli zeigt in ihrem neuen Buch die Lebensrealitäten und Schwierigkeiten systemrelevanter Arbeitskräfte in Österreich auf. Sie alle eint die fehlende gesellschaftliche Anerkennung für ihre Leistung.

KOMPETENZ: Luna, wie bist dazu gekommen als Schriftstellerin zu arbeiten und was hast das mit deiner Biographie zu tun?

Luna Al-Mousli: Ich bin in Syrien aufgewachsen und mit 14 mit meinen Eltern nach Österreich gekommen. Ich hab es gehasst hier zu sein. Ich glaube es ist normal, wenn Jugendliche aus ihrem Umfeld herausgerissen und anderswo „eingepflanzt“ werden. Das ist nie cool. Man tut sich ja schon schwer die Wohnung zu wechseln. Ein Land zu wechseln, ist nochmal ganz was anderes. Im Zuge meines Studiums hab ich begonnen zu schreiben um meine Kindheitserinnerungen festzuhalten. Mein erstes Buch heißt „Eine Träne. Ein Lächeln. Meine Kindheit in Damaskus“. So bin ich zur Autorin geworden.

KOMPETENZ: In eurem neuen Buch „Klatschen reicht nicht!“ porträtierst zusammen mit Clara Berlinski sogenannte „SystemheldInnen“, Menschen die zu Beginn der Covid-Krise als systemrelevant gefeiert wurden. Wie ist die Idee zu diesem Buch entstanden?

„Ich bin in einer Familie aufgewachsen, wo alle systemrelevant sind, abgesehen von mir selber.'“

Luna Al-Mousli

Luna Al-Mousli: Das Thema lag auf der Hand. Ich bin in einer Familie aufgewachsen, wo alle systemrelevant sind, abgesehen von mir selber. Ich konnte im Homeoffice arbeiten, während meine Schwester, meine Tante und meine Mutter jeden Tag zur Arbeit fahren mussten.

Schon vor der Covid-Krise ist mir aufgefallen wie anstrengend und belastend der Job meiner Schwester ist. Sie arbeitet als Kindergärtnerin. Die Bedingungen rundherum passen nicht, obwohl sie die Arbeit mit Kindern liebt. Da habe ich mich gefragt: Wieso lässt du das nicht sein? Wieso machst du nichts anderes? Da hatte ich die Idee mit den Porträts.

Im Buch geht es um ganz unterschiedliche Leute: Ein Postbediensteter, eine Pflegeassistentin, ein Fahrradbote oder eine Sozialarbeiterin. Manche sind noch jung im Beruf, andere kurz vor der Pension, manche sind alleinerziehend, andere haben ältere Kinder, sie wohnen allein oder in einer WG.

Fotos: Nurith Wagner-Strauss

Im Schreibprozess ist die Idee entstanden, nicht nur Lebensrealitäten zu erzählen, sondern ihnen Illustrationen von Clara Berlinski beizustellen. Dann gibt es noch verschiedene Statistiken, um zu belegen, dass es vielen Leuten so geht wie meinen ProtagonistInnen. Die 20 Porträts sind sozusagen repräsentativ. Im Buch sind mehrheitlich Frauen und MigrantInnen – auch weil die systemrelevante Arbeit zu 65 Prozent von Frauen erledigt wird.

KOMPETENZ: Was verbindet eure ProtagonistInnen?

Luna Al-Mousli: Sie haben Vieles gemeinsam. Ich würde sagen, sie alle haben Berufe, die schon vor Corona unter extremer Belastung standen. Durch die Coronakrise wurde man auf sie aufmerksam. Doch eigentlich brennt schon seit 15 Jahren der Hut! Trotzdem haben sie fast alle eine Liebe zu ihrem Beruf und machen ihn, weil sie sehen wie wichtig er ist. Sie alle wohnen in Österreich und nehmen ihre Verantwortung hier wahr. Egal, wie lange sie schon hier leben.

KOMPETENZ: Gibt es Gemeinsamkeiten was die Herausforderungen für Menschen in systemrelevanten Berufen angeht?

„Würden wir MigrantInnen alle aufhören zu arbeiten, dann würde das Gesundheitssystem zusammenbrechen. Vielleicht müssen wir das mal machen, dass alle einsehen wie wichtig wir sind.“

Luna Al-Mousli

Luna Al-Mousli: Die fehlende Anerkennung ihrer Leistung ist eine Gemeinsamkeit: Der Supermarktverkäufer und die Krankenschwester sollen jederzeit springen und nett sein. Ihre Berufe sind schwierig, dabei tragen diese Leute ja auch ein eigenes „Packerl“ mit sich herum, weil sie zum Beispiel ihre Kinder alleine erziehen müssen.

Alle wünschen sich gesellschaftliche Anerkennung für ihre Leistung und fühlen sich von der Politik im Stich gelassen. Es fehlt an Personal, es gibt zu wenig Geld, zu wenig Urlaub;

Ich muss an mein Porträt der Heimhelferin Ani denken: Beim Nachtdienst wurde sie von einer Patientin herbei geklingelt. Die Patientin wollte sich aber nicht von ihr behandeln lassen, weil sie dunkelhäutig ist. Sie will mit einer Österreicherin sprechen! Anis Kollegin kam, aber die ist von den Philippinen, mit der wollte die Patientin auch nichts zu tun haben.  Und sowas ist kein Einzelfall!

Würden wir MigrantInnen alle aufhören zu arbeiten, dann würde das Gesundheitssystem zusammenbrechen. Vielleicht müssen wir das mal machen, dass alle einsehen wie wichtig wir sind.

KOMPETENZ: Dein Buch heißt nicht zufällig „Klatschen reicht nicht“. Was soll die Politik machen?

Luna Al-Mousli: Mir geht es tatsächlich nicht nur um die Politik. Ich würde mir die Politik in der Sache aber als Vorreiter wünschen – was sie aber leider nicht ist.

Es ist immer die Frage, was möchten wir von Österreich? Ich glaube Österreich hat sehr viel Potential Dinge anders zu machen: Unser Land ist miniklein, wir haben Geld, wir haben Arbeitskräfte, sind gut vernetzt, wir haben eine gute geographische Position. Wir könnten Dinge ausprobieren, sei es in der Bildung, in der Wirtschaft, im Gesundheitswesen, beim Klima. Aber wir haben immer Angst vor Veränderung.

Konkret sieht man das beim Thema Migration. Jeder hat Angst vor ihnen, dabei brauchen wir die Leute!

KOMPETENZ: Hast du schon ein neues Buch in Planung?

Luna Al-Mousli: Aktuell schreibe ich an einem Buch, das im Frühling 2022 erscheinen soll. Es wird literarischer, aber auch wieder persönlich. Es geht um Objekte der Migration. Objekte, für die man migriert oder geflüchtet ist, die man mitgenommen hat oder zu denen man hingegangen ist. Sie erzählen von sich selbst und ihrer Bedeutung für ihre BesitzerInnen.

Zur Person:

Luna Al-Mousli (31) ist in Österreich geboren aber in Damaskus/Syrien aufgewachsen. Sie hat auf der Universität für Angewandte Kunst in Wien Grafikdesign studiert. Ihr aktuelles Buch heißt „Klatschen reicht nicht! SystemheldIinnen im Porträt“

Luna Al-Mousli, Clara Berlinski: Klatschen reicht nicht! Systemheld*innen im Porträt
192 Seiten Leykam Verlag/Graz

Diana, die neben ihrem Studium in einer Wohngemeinschaft Kinder betreut; Stefan, der im Supermarkt Lebensmittel schlichtet; oder Vesna, die im Krankenhaus die Desinfektion über hat. Sie alle wurden während der Coronakrise als „systemrelevant“ gelobt, und sie alle müssen die mit der Pandemie einhergehende Zusatzbelastung ertragen – mehr bezahlt bekommen sie aber nur in den seltensten Fällen. In ihrem neuen Buch „Klatschen reicht nicht! Systemheld*innen im Porträt“ machen Luna al-Mousli und Clara Berlinksi die Lebensrealitäten dieser Menschen einmal mehr sichtbar; sowie die Tatsache, dass sich zentrale Säulen unserer Gesellschaft auf die Arbeit von Frauen und MigrantInnen stützen. Anhand von 20 einfühlsamen Porträts, eindrucksvollen Illustrationen und gut verständlichen Info-Grafiken zeigt „Klatschen reicht nicht!“ eindrucksvoll, was schon Al-Mouslis migrierte Großeltern ihrer „neuen Gesellschaft“ zurückgeben wollten: „Unverzichtbar werden ihre Kinder sein, und so auch sie. Verwurzelt in der Gesellschaft und systemrelevant.“

Das Buch wird am 4.11. um 19.00 in der Brotfabrik Wien präsentiert.

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