Delogierungsprävention: Wohnraum sichern statt abwarten

Sozialarbeiter Bernhard Rubik berät bei Wiener Wohnen Mieter, denen die Delogierung droht.
Foto: Nurith Wagner-Strauss

Sozialarbeiter Bernhard Rubik berät bei Wiener Wohnen Mieter, denen die Delogierung droht. Sein Team fungiert als Wegweiser zu vielfältigen Sozialleistungen. Je früher die Probleme erkannt werden, desto besser kann der Wohnraum gesichert werden.

KOMPETENZ: Die Inflation steigt, die Lebenshaltungskosten explodieren. Sind aufgrund der Teuerungen mehr Menschen von einem Verlust ihrer Wohnung bedroht?

Rubik: Wir können durch unsere Beratungstätigkeit bei Mietzinsrückständen beobachten, dass die Teuerungskrise quer durch alle Schichten und Branchen immer brisanter wird. Alleinstehende sind ebenso betroffen wie Großfamilien oder junge Menschen, die gerade von zuhause ausgezogen sind. Auffallend ist, dass diese Krise bis in den Mittelstand hineingeht. Das trifft viele Menschen, die eigentlich bislang gut mit ihrem Einkommen ausgekommen sind.

In der Beratung merken wir in den letzten Monaten verstärkt, dass Menschen die Teilzeit arbeiten oder in schlecht bezahlten Branchen arbeiten müssen, ihre Mietkosten kaum noch stemmen können. Die Bezieher von Mindestsicherung sind aus sozialarbeitersicher Sicht ohnehin nicht armutssicher.

KOMPETENZ: Was unternimmt die Stadt Wien dagegen?

Rubik: Um die allgemeine Teuerung aufzufangen, gibt es neben den bereits bestehenden Unterstützungsmöglichkeiten wie Wohnbeihilfe, Ratenzahlungen oder der Hilfe in besonderen Lebenslagen, für alle Wohnungsmieter:innen im Gemeindebau den „Gemeindebau-Bonus“. Damit erhalten alle Gemeindebaumieter:innen im September einen Bonus in der Höhe eines halben netto Hauptmietzinses. Das ist eine einmalige Sonderzahlung, die schnell, unbürokratisch und treffsicher ist. Zusätzlich bekommen jene Mieter:innen, deren Mietzins in den Jahren 2022-2023 erhöht wurde, eine zusätzliche Gutschrift in Form eines weiteren Bonus. Die Höhe dieses Bonus orientiert sich dabei am Ausmaß der stattgefundenen Erhöhungen.

Außerdem wird die Unterstützung der Wohnungssicherungsstelle (MA 40) für Härtefälle im Gemeindebau weiter ausgebaut. Geplant ist, dass die MA 40 für Sozialhilfebezieher:innen – also Bezieher:innen von AMS-Geld, Mindestsicherung, Wohnbeihilfe und ähnlichen Sozialleistungen – bis zu 70 Prozent des Mietzinsrückstandes übernehmen soll. Den Rest können betroffene Mieter:innen in leistbaren Raten über 12 Monate zahlen. In begründeten Härtefällen übernimmt dann die MA 40 zur Gänze Mietzinsrückstände. Wer keine Sozialhilfe bezieht, kann einen Antrag beim Wohnschirm des Sozialministeriums stellen.

KOMPETENZ: Wie unterstützen die Sozialarbeiter:innen von Wiener Wohnen?

Rubik: Unser Team aus 10 Vollzeitmitarbeiter:innen betreut einen Teil jener Mieter:innen von Wiener Wohnen, bei denen ein Antrag auf zwangsweise Räumung gestellt wurde. Rund ein Zehntel der Räumungsklagen münden tatsächlich in eine Delogierung. Diese Quote wollen wir senken, daher sind wir ständig draußen bei den Mieter:innen unterwegs und machen auch Sozialberatung. Aktuell kommen wir mit den Beratungen kaum nach.

KOMPETENZ: Wie funktioniert das akute Case Management in der Wohnungssicherung?

Rubik: Wir fungieren als Wegweiser durch das Wiener Sozialsystem, es gibt eine Reihe von Unterstützungsmöglichkeiten und Einmalförderungen – man muss sich allerdings sehr gut auskennen um zu wissen, wo man diese Beihilfen herbekommt. Wir manövrieren die Menschen durch das soziale System und unterstützen sie bei den Antragstellungen.

„Ich gehe zu den Mieter:innen um ihnen zu helfen.“

Bernhard Rubik, Wiener Wohnen

Ich bekomme die Adresse der Mieter:innen, die Mietrückstände haben und in Bedrängnis sind. Ich kann also anrufen und hingehen und habe eine klare Botschaft: „Ich bin hier um zu helfen.“ Der aufsuchende Ansatz funktioniert sehr gut, die Menschen sind wirklich dankbar für diese konkrete Unterstützung. Wir würden gerne noch viel mehr hinaus zu unseren Mieter:innen.

KOMPETENZ: Warum kann Hilfe nicht früher ansetzen?

Rubik: Das Problem bei Mietzinsrückständen ist, dass der Vermieter meist recht leise auftritt: Die Mahnschreiben kommen mit Post, wenn der Vermieter dann einmal vor der Türe steht, ist die Situation meist schon brenzlig.

Viele Betroffene verdrängen die Situation, sie haben meist auf mehreren Ebenen finanzielle Probleme, für viele ist es schwierig, die richtigen Prioritäten zu setzen. Die Miete sollte man beispielsweise immer vor der Stromrechnung bezahlen, denn der Strom hilft mir nichts, wenn ich keine Steckdose mehr habe. Polizeistrafen sind auch immer vor Bankverbindlichkeiten abzudecken. Auch hier beraten wir die Menschen.

Foto: Nurith Wagner-Strauss

KOMPETENZ: Warum sollten Mietzinsrückstände prioritär zurückbezahlt werden?

Rubik: Die Wohnung zu verlieren ist das Schlimmste, das Menschen in prekären Einkommenssituationen passieren kann. Mit dem Wohnungsverlust setzt oft eine Abwärtsspirale ein, die im Privatkonkurs enden kann. Wer finanziell unter Druck ist, sollte so wenig Geld wie möglich für andere Dinge aufwenden, um eine Delogierung abzuwenden.

KOMPETENZ: Wie helfen Sie Menschen, die knapp vor einer Delogierung stehen?

Rubik: Das Hauptproblem ist der wahnsinnige Zeitdruck. Die Mieter haben sechs bis acht Wochen Zeit um die drohende Delogierung abzuwenden. Viele sind verzweifelt und wissen nicht, wie es weitergehen soll. In einer Situation der Überforderung scheint vieles auf einmal sinnlos. Aus Angst, Scham und Überforderung sind manche wie gelähmt. Wir versuchen die Leute wachzurütteln und motivieren sie, nach Unterstützungsmöglichkeiten zu suchen und weiterzumachen.

„Hilfesuchende werden öffentlich als Sozialschmarotzer:innen betitelt – sie trauen sich nicht mehr nach Hilfe zu fragen.“

Bernhard Rubik, Wiener Wohnen

Ich möchte den Mieter:innen die Angst nehmen, rechtzeitig nach Hilfe zu fragen. In den letzten Jahren wurden Hilfesuchende vielfach als Sozialschmarotzer:innen dargestellt, das bewirkt, dass die Leute nicht gerne nach Unterstützungen fragen.

KOMPETENZ: Wo setzen Sie in der Beratung an?

Rubik: Wir schauen, ob das Familieneinkommen so gut ist, wie es sein könnte, also ob beispielsweise Familienbeihilfe oder Wohnbeihilfe beantragt wurde. Wir helfen auch dabei, die Ausgaben so gut es geht zu minimieren. Das primäre Ziel ist es immer, die Wohnung zu sichern.

Wir führen auch an bestehende Hilfssysteme der MA 40 – Sozialamt heran, um eine Anzahlung zu Ratenzahlungen zu bekommen. In manchen Fällen kann es eine Komplettübernahme der Miete durch das Sozialamt oder den Wohnschirm der Volkshilfe auf Bundesebene geben.

KOMPETENZ: Wie funktioniert die Ratenzahlung?

Rubik: Die Möglichkeit für Ratenzahlungen ist seit Jänner ausgeweitet und kann bereits ab einer Anzahlung von 25 Prozent der Rückstände vereinbart werden. Für die Rückzahlung des Restbetrages stehen den Mieter:innen bis zu 12 Raten zur Verfügung. Wir helfen auch bei der Einschätzung, wie realistisch die Rückzahlung der Raten erfolgen kann.

KOMPETENZ: Wie viele Delogierungen können Sie verhindern?

Rubik: 2022 haben wir durch intensive Beratung und Betreuung 518 Mieter:innen davor bewahrt, ihre Wohnung zu verlieren. Wir haben da eine Erfolgsquote von rund 50 Prozent um den drohenden Wohnungsverlust abzuwenden.

Insgesamt haben die Sozialarbeiter:innen im Case Management letztes Jahr rund 7.900 Telefonate geführt, 2.800 E-Mails und 1.240 SMS versendet, 630 persönliche Beratungen durchgeführt und 300 Briefe versendet, um vom Wohnungsverlust akut betroffene Mieter:innen zu erreichen.

KOMPETENZ: Gibt es für Mieter:innen in Zahlungsschwierigkeiten auch langfristige Unterstützung?

Rubik: Wenn größerer sozialarbeiterischer Bedarf besteht, etwa weil im Hintergrund noch mehr Schulden oder rechtliche Probleme bestehen, vermitteln wir an die Kolleg:innen von der mobilen Wohnbegleitung, die in der Wohnungslosenhilfe des Fonds Soziales Wien angesiedelt ist. Die Sozialarbeiter:innen begleiten die Klient:innen dann sechs Monate lang, helfen ihnen ihr Leben zu stabilisieren und die Wohnung zu halten. Auch mit der Wiener Wohnungssicherungsstelle der MA 40 und den Familienzentren der Kinder- und Jugendhilfe, der MA11, arbeiten wir eng zusammen.

KOMPETENZ: Zu welchem Zeitpunkt suchen die Menschen Kontakt zur Beratungsstelle?

Rubik: Das ist höchst unterschiedlich. Manche kommen bereits, wenn sie absehen, dass sie die nächste Miete nicht bezahlen können, bei anderen sind wir die Krisenfeuerwehr.

KOMPETENZ: Wie könnte man weitere Delogierungen verhindern?

Rubik: Wir arbeiten im Auftrag der sogenannten Rückstandsbetreuung. So können wir vorrangig jenen Menschen helfen, die wirklich akut Unterstützung benötigen, bei manchen haben sich bereits hohe Mietrückstände angesammelt. Manche haben in der ersten Beratung bereits die Räumungsklage auf dem Tisch. Es würde Sinn machen, wenn Betroffene viel früher eine Sozialberatung aufsuchen, etwa dann, wenn sich erste finanzielle Engpässe abzeichnen, um ihre Situation zu stabilisieren und das Mietverhältnis aufrecht erhalten zu können.

Angesichts der aktuellen Teuerungen muss man aber schon von strukturellen Problemen sprechen: bei vielen Menschen geht es sich einfach nicht aus. Das hat nichts mit einer schlechten Einteilung zu tun, viele können sich nicht einmal mehr genug Essen leisten. Das trifft im Moment sehr viele Menschen sehr hart. Delogierungen sind auch volkswirtschaftlich gesehen unsinnig. Es kostet enorm viel Geld jemanden nach einem Wohnungsverlust wieder zu stabilisieren und in die Gesellschaft einzugliedern. Durch die Belastung können stressbedingte Erkrankungen entstehen.

KOMPETENZ: Wo könnte sozialpolitisch angesetzt werden?

Rubik: Eine Erhöhung der Mindestsicherung würde jenen Menschen helfen, die ohnehin bereits 300 Euro unter der Armutsgefährdungsschwelle leben. Die alte Maxime, dass Miete, Fernwärme und Strom nicht mehr als 40 Prozent des Einkommens ausmachen sollten, geht sich schon lange nicht mehr aus.

Auch den Zugang zur Wohnbeihilfe müsste man vereinfachen, das würde Zugangsbarrieren abbauen. Deshalb freut mich die Ankündigung der Vizebürgermeisterin, Kathrin Gaál mit 2024 die Wohnbeihilfe auszuweiten. Arbeitslosengeld und niedrige Einkommen müssten an die Kostenrealitäten angeglichen werden.

Es wäre auch zu überdenken, ob die Fortführung der automatischen Indexierung der Mieten, die an die Inflation gekoppelt ist, noch Sinn macht. Auch eine Reform des Mietrechts ist längst überfällig. Anstelle des bestehenden Fleckerlteppichs – mit der Unterscheidung zwischen vor bzw. nach 1945 errichteten Wohnungen – muss ein einheitliches und verständliches Generalmietrecht für alle Wohnbereiche eingeführt werden, unabhängig vom Jahr der Errichtung.

Sozialberatung
Seit Jänner 2023 hat Wiener Wohnen das Angebot der Sozialberatung für Mieter:innen, die von Zahlungsschwierigkeiten oder Mietzinsrückständen betroffen sind, erweitert. Jeweils Dienstag von 09:00 bis 13:00 Uhr und Donnerstag von 13:00 bis 17:00 Uhr stehen Sozialarbeiter:innen im Service-Zentrum im Gasometer nach telefonischer Terminvereinbarung über die Servicenummer 05 75 75 75 beratend zur Verfügung.

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