Flexibel für beide Seiten

Wer im Handel arbeitet, kann ab sofort die Vier-Tage-Woche einfordern. Diese Regelung nützt vielen MitarbeiterInnen, sie können trotz Stress und Arbeitsdruck ihr privates Leben besser organisieren.

Die Arbeitswelt ist vielschichtiger geworden: nicht allein der Verdienst zählt, auch die Gestaltung der Arbeitszeiten ist den Beschäftigten ein großes Anliegen. Zunehmend rückt aber vor allem die Vereinbarkeit von Familie, Beruf und Freizeit in den Mittelpunkt. Der jüngste Kollektivvertragsabschluss im Handel (Dezember 2018), hat neben einer Gehaltserhöhung, einem Anspruch auf Altersteilzeit und Bildungskarenz auch Außergewöhnliches hervorgebracht: den Rechtsanspruch auf die Vier-Tage-Arbeitswoche.

„Wir haben eine Regelung geschaffen, die am Puls der Zeit ist. Dafür beneiden uns auch andere Branchen.“

Franz Georg Brantner, Zentral-Betriebsratsvorsitzender der Herba Chemosan Apotheker-AG

Moderne und zeitgemäße KV-Regelung

„Wir haben eine Regelung geschaffen, die am Puls der Zeit ist. Dafür beneiden uns auch andere Branchen“, erklärt Franz Georg Brantner, Zentral-Betriebsratsvorsitzender der Herba Chemosan Apotheker-AG, Vorsitzender des Wirtschaftsbereichs Handel bei der GPA-djp. Brantner gehört seit 20 Jahren zum Handels-KV-Team, mit Kollegin Anita Palkovich leitet er seit Jahren im Herbst die Verhandlungen. In den vergangenen Jahren wurde intensiv daran gearbeitet, die Handelsbranche attraktiver zu machen: etwa durch ein neues Gehaltssystem, das nun bessere Einstiegsgehälter anbietet. Und mit dem Rechtsanspruch auf die Vier-Tage-Woche können jetzt überdies auch individuelle Bedürfnisse der Angestellten besser berücksichtigt werden.

Seit Jahrzehnten ungewöhnliche Arbeitswochen

Für Eva Maria Novak sind kürzere Arbeitswochen schon sehr lange Teil ihres Lebens. Jeden zweiten Tag hat die Steirerin frei, dafür sind ihre Arbeitstage auch sehr intensiv. Bereits seit 20 Jahren ist die Billa-Mitarbeiterin eine geeichte Pendlerin, steht morgens um halb vier auf, um pünktlich den Billa-Bus zu erreichen. Abfahrt: fünf Uhr. „Egal zu welcher Jahreszeit: Es ist immer dunkel, wenn ich aufstehe und dunkel wenn ich wieder heimkomme.“ Den Großteil der Fahrzeit verschlafen die PendlerInnen im Mitarbeiter-Shuttle. „Da bewegt sich keiner im Bus“, weiß Novak. Um es auch komfortabel zu haben, nimmt sie sich ein Nackenkissen von daheim mit. An diesen Arbeitstagen bleibt kaum Zeit und Kraft, um Abends noch etwas zu unternehmen oder Dinge zu erledigen. „Sobald ich von der Arbeit nach Hause komme, kann ich bloß noch einen Kaffee trinken und nach der Dusche ins Bett gehen“, erzählt die gelernte Kellnerin. Dennoch ist Novak mit ihrer Situation durchaus zufrieden – da sie meist länger als acht Stunden pro Tag arbeitet, kommt mit den Zuschlägen (Samstag ab 13 Uhr, wochentags ab 18.30 Uhr) doch etwas mehr an Lohn zusammen. Zudem gilt Lafnitz, die Heimatregion der Steirerin, als eher strukturschwach. Das nächstgelegene Geschäft für den Einkauf von Lebensmitteln findet sich über zehn Kilometer entfernt von Novaks Wohnsitz. Auch in dieser Region suchen vor allem Frauen einen adäquaten Job. Überwiegend haben sie nur in der Gastronomie oder in den verhältnismäßig wenigen regionalen Betrieben eine Chance auf Arbeit. Offene Stellen sind heiß begehrt, obwohl es sich zumeist um
20-Stunden-Teilzeitjobs handelt.

Individuelle Lösungen finden

Eva Maria Novak verdient an ihrem Arbeitsplatz in Wien schlicht mehr Geld als daheim in der Steiermark. Heißt es, an den intensiven Tagen mit viel Einsatz und Pendelei privat zurückzustecken, kann sie die freie Tage ausgiebig dazu nutzen, etwa einen ihrer Lebensträume zu verwirklichen. Denn auf diese Weise ist es Novak in den vergangenen Jahren gelungen, ihr Haus zu renovieren und einen schönen Garten anzulegen in dem sie jetzt wieder viel Schönes und Gutes auspflanzen
wird.

Planbare Arbeitszeiten

Helga Schöttmer schätzt die Möglichkeit der Vier-Tage-Woche und die Planbarkeit ihrer Arbeitzeit: „Ich weiß am Anfang des Jahres, wann ich arbeite und wann ich frei habe.“
Foto: Nurith Wagner-Strauss

Auch Billa-Kollegin Helga Schöttmer pendelt in eine Filiale. Die Niederösterreicherin fährt von Yspertal in die Hietzinger Auhofstraße. Hin und retour sind das rund 240 Kilometer pro Tag, die Schöttmer mit Auto und Bahn zurücklegt. „Als erstes in der Früh bereite ich die Salate und Aufstriche in der Feinkostabteilung vor – dort arbeite ich mit Leib und Seele.“ Auch rund um die Marktgemeinde finden sich wenige und vor allem Teilzeit-Stellen. „Mir ist aber mein Stress lieber“, erklärt Schöttmer. „Leute, die hier in der Gegend etwas gefunden haben, arbeiten beispielsweise drei Stunden, müssen dann eine längere Pause machen und am Abend wiederkommen. Die sind dann auch erst spät zu Hause, verdienen aber viel weniger Geld.“ Die Niederösterreicherin kann sich über eine fixe Arbeitseinteilung freuen: „Ich weiß am Anfang des Jahres, an welchen Tagen ich arbeite und wann ich frei habe.“ Ihr Freizeit verbringt sie mit Haus und Garten, ihren Kindern und den fünf Enkeln. „Wenn sie mich brauchen, bin ich für sie da.“

Den Nerv getroffen

Mit dem Modell der Vier-Tage-Woche profitieren Familie, Freizeit, aber auch die eigene Gesundheit. „Die Rückmeldungen der Beschäftigten zeigen uns, dass wir hier wirklich einen Nerv
getroffen haben“, freut sich Anita Palkovich, GPA-djp-Wirtschaftsbereichssekretärin. „Das bestärkt uns in diesem Projekt, das wir auch gemeinsam mit unserem Sozialpartner vereinbart haben.“ Der Rechtsanspruch auf die Vier-Tage-Woche gilt seit dem 1. Jänner 2019.

„Die Rückmeldungen der Beschäftigten zeigen, dass wir mit der Vier-Tage-Woche wirklich einen Nerv getroffen haben.“

Anita Palkovich, KV-Verhandlerin

Wichtig: ArbeitnehmerInnen müssen erst einen Antrag
stellen (www.gpa-djp.at) – Arbeitgeber haben zwei Wochen
Zeit, darauf zu reagieren.

Klar eingeschränkte Ablehnungsgründe

Die Vier-Tage-Woche kann nur dann verweigert werden, wenn die Einhaltung von Betriebsabläufen gefährdet ist oder die Aufrechterhaltung des Geschäftsbetriebes nicht weiter gewährleistet werden kann. Über jede Ablehnung eines Antrages muss der Betriebsrat informiert und in Folge ein Vermittlungsgespräch mit den Beschäftigten und dem Betriebsrat geführt werden.

Bisher sind die Erfahrungen mannigfaltig: sie reichen von Firmen, die schlicht jeden Antrag ablehnen bis hin zu Unternehmen, die alle MitarbeiterInnen nach ihren Bedürfnissen befragt haben und die Wunsch-Arbeitszeiten großteils verwirklichen konnten. KV-Verhandler Franz Georg Brantner: „Da braucht es aber auch Abteilungsleiter, die bereit sind, jeden/jede MitarbeiterIn anzuhören.“ Außerdem fehlt es einigen Arbeitgebern an Information und „es scheitert oft auch an Kreativität, die Dienstpläne zu erstellen“, weiß Brantner.


„Wir wünschen uns von den Arbeitgebern die gleiche Flexibilität, die sie täglich von uns fordern.“

Franz Georg Brantner, Zentral-Betriebsratsvorsitzender der Herba Chemosan Apotheker-AG

Anita Palkovich unterbreitet Firmen, die sich der neuen Regelung noch unsicher nähern, folgenden Vorschlag: „Einfach erst mal eine befristete
Einführung des Modells mit interessierten Beschäftigten vereinbaren – Für und Wider können dann gemeinsam abgeklärt werden.“ Vorteil: Die gesammelten Erfahrungen lassen sich in ein dauerhaftes Modell einarbeiten. Allerdings fehlt bei einigen Firmen auch der Wille, die Vier-Tage-Woche ernsthaft umzusetzen. „Wir wünschen uns von den Arbeitgebern die gleiche Flexibilität, die sie täglich von uns fordern“, macht Franz Georg Brantner deutlich. „Ich fordere die Arbeitgeber auf, was sie mit uns vereinbart haben, auch einzuhalten und vertragstreu zu sein.“

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