„Kann mit gutem Gewissen dort nicht mehr arbeiten“

Maarten N. arbeitete für Amazon in Österreich. Mehrmals wandte er sich wegen der schlechten Arbeitsbedingungen, vor allem aber wegen der nicht nachvollziehbaren Kürzung der Arbeitsstunden an den offiziellen Arbeitgeber, eine Leiharbeitsfirma – weitgehend ergebnislos.

Inzwischen bemüht sich die GPA-djp um eine Verbesserung der Situation der betroffenen ArbeitnehmerInnen. Maarten N. erzählt im Interview mit der KOMPETENZ über den Arbeitsalltag in einem Lagerstandort von Amazon.

KOMPETENZ: Sie arbeiteten seit Ende 2018 im Verteilzentrum von Amazon in Großebersdorf. Die Arbeitsbedingungen dort unterscheiden sich von jenen in anderen Unternehmen. Was ist erlaubt, was verboten?

Maarten N.: Es ist zum Beispiel verboten, persönliche Gegenstände mitzunehmen, wie Gürtel, Handys, Schlüsselbund. Alles, was man am Flughafen aus den Hosentaschen holen muss, muss man dort auch aus den Hosentaschen holen. Vor allem aber gibt es einen extremen Leistungsdruck. Pakete werden in sogenannten Tours gesammelt. Eine Lieferwagenladung ist eine Tour und es wird erwartet, dass man innerhalb von zehn Minuten eine Tour zusammenstellt.

KOMPETENZ: Um wie viele Pakete handelt es sich da im Schnitt?

Maarten N.: Eine Tour umfasst etwa 80 Pakete.

KOMPETENZ: Darf man während der Arbeit miteinander reden, auf die Toilette gehen, etwas essen oder trinken?

Maarten N.: Toilettenbesuch darf man machen, das ist nicht so schlimm wie in Deutschland. Aber es wird halt mit dem Leistungsdruck schwer. Miteinander reden ist o.k., es kommt aber dann schon auch zu Ermahnungen, dass man nicht reden, sondern arbeiten soll.

KOMPETENZ: Das zentrale Arbeitstool ist ein Scanner. Was machen Sie konkret mit diesem Gerät?

Maarten N.: Man bekommt eine Tour zugewiesen. Dann stehen auf dem Scanner die Pakete, die man abholen muss, mit einem Code, und wo sie sich in der Halle befinden. Dann holt man sie ab und scannt sie und stellt sie auf dem Wagen bereit.

KOMPETENZ: Was zeichnet der Scanner sonst noch auf?

Maarten N.: Das Gerät zeichnet auf, welche Pakete man gescannt hat und in welchem Zeitraum man eine Tour gemacht hat, also Anfangs- und Endzeit und Dauer.

„Es werden die durchschnittlichen Sammelzeiten registriert. Das Ziel sind eben zehn Minuten für eine Tour. Wenn das nicht geschafft wird, wird das angesprochen: Es ist langsam gelaufen heute – warum?“

Maarten N., Ex-Amazon-Mitarbeiter

KOMPETENZ: Wie wirkte sich das auf den Umgang des Unternehmens mit Ihnen als Mitarbeiter aus?

Maarten N.: Es werden die durchschnittlichen Sammelzeiten registriert. Das Ziel sind eben zehn Minuten für eine Tour. Wenn das nicht geschafft wird, wird das angesprochen: Es ist langsam gelaufen heute – warum? Und Amazon hat dann die Möglichkeit, wenn das länger so geht, zu sagen, diese Person gibt zu wenig. Es werden also auch persönliche Arbeitsstatistiken hergestellt. Wir durften die aber nicht einsehen. Am Anfang haben wir noch Zugriff gehabt, da konnten wir unsere Zeiten abfragen, damit wir selber wissen, ob wir in eine Gefahrenzone kommen, negativ beurteilt zu werden. Später wurde das eingestellt, weil Amazon das Gefühl gehabt hat, dass Konkurrenz unter den ArbeiterInnen entsteht, und dass darunter das Arbeitsklima leidet. Darum ging es den Leuten aber nicht, sie hatten nur Angst, dass ihre Ergebnisse Einfluss darauf haben, dass sie vielleicht gekündigt werden.

KOMPETENZ: Kam es auch zu Kündigungen?

Maarten N.: Ja.

KOMPETENZ: Wie wurden sie begründet?

Maarten N.: Sie wurden damit begründet, dass die Mitarbeiter nicht selbstständig arbeiten konnten. Es handelte sich um Personen, die ziemlich klein waren, die bei vielen Paketen Hilfe gebraucht haben, weil sie zu schwer oder zu hoch gelagert waren. Das führte dazu, dass sie zu lange gebraucht haben, um eine Tour zusammenzustellen. Das hat sich schon auf das Arbeitsklima ausgewirkt, denn diese Menschen haben Hilfe gebraucht, und wenn andere dann geholfen haben, waren deren Ergebnisse dann auch nicht gut genug.

KOMPETENZ: Stichwort Arbeitsdruck: Sie berichten auch, dass Verträge stundenmäßig gekürzt wurden.

Maarten N.: Ja.

KOMPETENZ: Mit wie vielen Stunden sind Sie eingestiegen?

Maarten N.: Ich bin eingestiegen mit 25 Stunden und dann wurde auf 20 gekürzt. Das war dann auch eine Gehaltskürzung von 20 Prozent. Das wurde mit weniger Arbeit begründet.

KOMPETENZ: Gab es tatsächlich weniger Arbeit?

Maarten N.: Am Anfang schon. Das hat sich aber rasch wieder gesteigert und dann kamen die Fragen, wenn es sich steigert, warum gehen die Stunden nicht hoch? Was stattdessen passiert ist: Der Leistungsdruck wurde erhöht. Weniger Leute mussten dieselbe Arbeit machen. Zunehmend wurden dann die Leute aus der Nachtschicht zu Überstunden eingeteilt, um morgens zu helfen, damit die Deadlines geschafft wurden, die Pakete rauszuschicken. Das hat das Arbeitsklima angeheizt, weil Leute nicht verstanden haben, warum wir weniger Stunden bekommen und die Nachtschicht Überstunden macht. Als neue Leute aufgenommen wurden, bekamen sie auch etwas höhere Stundenverträge, aber wir wurden nicht mehr erhöht. Das baut auch Rivalität auf. Menschen geben Vollgas, obwohl sie es kaum schaffen, damit sie ihre Anstellung behalten. Aber manche Leute haben dann die Arbeit wegen des immer stärkeren Drucks nicht mehr geschafft, sie haben gekündigt oder sind gekündigt worden, weil sie eben die Ziele nicht erreicht haben.

KOMPETENZ: Wie wirkt sich dieses Arbeitsumfeld insgesamt auf die Gesundheit der MitarbeiterInnen aus?

Maarten N.: Viele leiden psychisch darunter, inzwischen weniger zu verdienen als zu Beginn. Es sind viele an den Rand finanzieller Not geraten. Sie kommen kaum über die Runden und das ist ein Stressfaktor.

KOMPETENZ: Bevor Sie im Juni gemeinsam mit der Gewerkschaft an die Öffentlichkeit gingen: Haben Sie versucht, die kritisierten Punkte wie Arbeitsdruck, Kontrolle, gekürzte Stunden intern anzusprechen?

Maarten N.: Ja, es gab Gespräche. Sie nahmen die Kritik an und sagten, Änderungen brauchen Zeit. Aber es passierte nichts. Seit der Kürzung der Stunden im Jänner sind Monate vergangen und es wurde nichts geändert.

KOMPETENZ: Eine gemeinsame Pressekonferenz mit der GPA-djp sorgte Mitte Juni für breites mediales Echo. Wie reagierte Amazon auf Ihren Gang in die Öffentlichkeit?

Maarten N.: Sie sagten, dass sie mich nicht loswerden möchten. Dass sie eine kritische Stimme haben möchten. Diese Stimme gab es ja aber schon längst – sie wurde nur nicht gehört. Ich habe also kein Vertrauen, dass sich da nun etwas ändert. Deshalb habe ich inzwischen gekündigt. Ich kann mit gutem Gewissen dort nicht mehr arbeiten. Ich habe versucht, etwas zu verbessern, weil ich der Meinung bin, dass es nicht in Ordnung ist, wenn es bei großen Konzernen solche Arbeitsbedingungen gibt.

Zur Person:

Maarten N. war von Ende 2018 bis Juni 2019 im Amazon-Verteilzentrum in Großebersdorf beschäftigt. Der gebürtige Niederländer ist ausgebildeter Schiffskapitän und arbeitete bereits in mehreren internationalen Unternehmen. Er kündigte seinen Job bei Amazon (beziehungsweise der Leiharbeitsfirma) und hat in der Zwischenzeit bereits eine Arbeit in einem anderen Betrieb angenommen.

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