Der aufgestiegene Weltverbesserer

Fritz Schiller ist Betriebsratsvorsitzender bei der Raiffeisen Kapitalanlage GmbH und Mitglied bei den Alternativen und Grünen GewerkschafterInnen (AUGE)
Foto: Daniel Novotny

Fritz Schiller ist ein konstruktiver Kritiker, der überall seine Stimme erhebt, wo er politische Funktionen inne hat.

Gäbe es die Parteifarbe Rot-Grün, wäre Fritz Schiller vielleicht einer ihrer Vertreter. Das ist aber nicht der Fall. Also geht er mit Rot wie mit Grün gleichermaßen hart ins Gericht. Wahrscheinlich liegt das an seiner Biografie. „Ich bin ein aufgestiegener Arbeitersohn.“ Aufgewachsen ist er in den Wiener proletarisch geprägten, Bezirken Meidling und Rudolfsheim-Fünfhaus – der Vater war Stadtbahner, die Mutter Schneiderin und Hausbesorgerin, also „brave SozialdemokratInnen“, sagt der Sohn (Jahrgang 1957). Vom Hauptschüler, Lehrling bei den Wiener Verkehrsbetrieben und Industriekaufmann arbeitete er sich hoch zum Maturanten im zweiten Bildungsweg und zum Studium der Volkswirtschaftslehre (VWL). Anfang der 1970er-Jahre demonstrierte er für das SPÖ-Urgestein Bruno Kreisky. Als einige Jahre später Österreichs Ökologie-Bewegung in Gang kam, marschierte er gegen die geplanten Kraftwerke Zwentendorf und Hainburg.

Das VWL-Studium, u. a. bei Alexander Van der Bellen und Erich Streissler, bedeutete für den jungen Fritz „Wissen aufsaugen“ und „Befreiung“, erinnert sich Schiller. Für den fertigen Volkswirt standen dann als Berufseinstieg zur Auswahl die Arbeiterkammer, welche er wegen des damals parteipolitisch „restriktiven Klimas“, wie er es heute nennt, ablehnte. Oder eben der Bankensektor. Der ist nunmehr seit Jahrzehnten sein Brötchengeber. Seit 21 Jahren arbeitet er für die Raiffeisen Kapitalanlage GmbH, wo er auch Vorsitzender des von ihm gegründeten Betriebsrates für rund 270 MitarbeiterInnen ist. Seit 16 Jahren gehört er den Alternativen und Grünen GewerkschafterInnen (AUGE) an, wiewohl er „unabhängig“ und kein Grüner sei, betont er.

„Wir müssen ein völlig demokratisch verwaltetes Wirtschaftssystem weltweit zustande bringen.“

Fritz Schiller

Rückbau der Wirtschaft

„Mein Herz schlägt für die ArbeiterInnenbewegung“, erklärt er im Interview. Aber die SPÖ habe ihre Basis, die sie einmal vertreten hat, vernachlässigt, auf ihre KernwählerInnen einfach vergessen und sie nicht mehr unterstützt. Die Grünen seien konsequent gegen den Klimawandel, hätten aber niemals eine soziale Basis gehabt, „die Grünen waren immer Bobos (aus „bourgeois“ und „bohémien“, Anm.)“, findet er. „Beide wollen die Wettbewerbsfähigkeit stärken, und das geht nicht.“ Stattdessen plädiert Fritz Schiller für einen Rückbau der Wirtschaft, was Nachhaltigkeitsforscher als „Degrowth“ propagieren. „Wir müssen ein völlig demokratisch verwaltetes Wirtschaftssystem weltweit zustande bringen. Das ist natürlich eine Illusion. Aber wir brauchen ein gemeinsam akkordiertes System, auch die Ausbeutung der Dritten Welt muss berücksichtigt werden – und die Frage der Frauenunterdrückung; von halbe-halbe sind wir nicht einmal meilenweit entfernt. Der Betriebsrat ist Gott sei Dank ein kleines Instrument, um das aufzuzeigen.“

Fritz Schiller fordert eine Gehaltsobergrenze genauso wie einen höheren Mindestlohn.
Fotos: Daniel Novotny

Kritik am Neoliberalismus

An den neoliberal ausgerichteten, wirtschaftsfreundlichen Parteien übt Schiller ganz Volkswirt sowieso Kritik. „Die Neoliberalen vertreten eine Küchen-Ökonomie. Die ÖVP verteidigt die Leistungsträger, wobei sie nie dazu sagt, wie sie „Leistung“ definiert.“ Egal ob jemand im Reporting arbeitet oder in der Pflegebranche oder UnternehmerInnen selbst, „die können auch nicht mehr als 24 Stunden arbeiten. Da klafft etwas massiv auseinander. Es kann mir niemand erklären, warum ein CEO zwei Millionen Euro verdient – und dann dafür noch belohnt wird, wenn er Leute raushaut“.
Fritz Schiller fordert denn auch eine Gehaltsobergrenze genauso wie einen höheren Mindestlohn. „Die Mindestlöhne sind in manchen Branchen wirklich nicht Existenz sichernd.“ Darauf nimmt auch sein Buch Bezug. Darin kritisiert er, dass in Österreich – trotz hoher Abdeckung durch Kollektivverträge (98 Prozent) – die Tariflöhne zu gering seien. Und fordert eine „produktivitätsorientierte und solidarische Lohnpolitik.“ Das heißt, dass die Löhne entsprechend der Verbraucherpreise (Inflation) steigen und entsprechend der statistisch höheren Produktivität, also um wie viel schneller und effizienter wir von einem auf das nächste Jahr gearbeitet haben. Das sei wichtig hinsichtlich der zunehmenden Automatisierung und Digitalisierung. „Es geht um die durchschnittliche Produktivität bei solidarischer Lohnpolitik. Sonst würde sich die Lohnpolitik spreizen – in extrem gute und extrem schlechte Bezahlung, und diese Lücke zwischen den Branchen wird immer größer“, erläutert Schiller. Er ist auch Mitglied des GPA-djp-Bundesvorstands und will nicht die gewerkschaftliche (Verhandlungs-)Stärke anzweifeln. Sondern er möchte seine Publikation (seine Doktorarbeit) als Unterfutter für die gewerkschaftlichen Tarifverhandlungen verstanden wissen. Damit liegt nicht weniger als die erste Monografie über Lohnpolitik in Österreich vor. Fritz Schiller wurde deshalb auch schon vom Wirtschaftsforschungsinstitut (WIFO) und von der Nationalbank angefragt. „Ich bin ein kleiner Betriebsrat, kein Wissenschaftler“, fühlt er sich dennoch bestätigt mit seinem Anliegen. Er sei kein Quertreiber, „das wäre ja ohne Sinn“. Vielmehr sieht er sich als konstruktiver Kritiker im Sinne derjenigen, die er vertritt.

Gewerkschafter und Betriebsrat mit Leib und Seele

„Ich bin Gewerkschafter und Betriebsrat mit Leib und Seele. Das ist meine Erfüllung. Ich bin das jetzt seit 16 Jahren, und das ist die befriedigendste Lebenszeit bisher. Ich bin kritisch und möchte, dass es den ArbeitnehmerInnen immer besser geht, und dass die Gewerkschaften immer stärker werden. Aber ich will keinen bürokratischen Haufen. Es gibt schon sehr gute ArbeitnehmervertreterInnen, auch in der Arbeiterkammer, eine absolut nicht zu unterschätzende Organisation“, betont Fritz Schiller. „Aber die Postenkämpferei ist ein Problem.“ Auf die abschließende Frage, was ihm Kraft gibt, antwortet er ganz Humanist: „Ich glaube an das Gute im Menschen und möchte die Welt verbessern. Ich habe den normativen Anspruch, dass jeder Mensch die gleichen Chancen hat. Die Menschenrechte sind ein Mindestmaß. Aber ich habe nicht die Weisheit mit dem Löffel gegessen.“

Buchtipp

Fritz Schiller
Lohnpolitik in Österreich
Zur Relevanz der produktivitätsorientierten und solidarischen Lohnpolitik
ÖGB Verlag, ISBN 978-3-99046-368-0

Zur Person

Fritz Schiller ist Betriebsratsvorsitzender bei der Raiffeisen Kapitalanlage GmbH, Mitglied des GPA-djp-Bundesvorstandes, AUGE-Vertreter in der Bundesarbeitskammer sowie im Vorstand der bisherigen Wiener Gebietskrankenkasse (WGKK), weshalb er auch ein Verfechter der dortigen Selbstverwaltung durch die ArbeitnehmerInnen ist.

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