Frauen schultern die Krise – und verdienen immer noch zu wenig

Eine Befragung der AK OÖ zeigt, dass Frauen sich in systemtragenden Berufen zwar extrem verausgaben, aber immer noch die finanzielle Anerkennung fehlt. Besonders die Pflegerinnen geraten ans Limit.

Medizinisches Personal, PflegerInnen, Handelsangestellte, PädagogInnen, oder auch Reinigungskräfte, PolizistInnen und PostlerInnen – sie alle sind für das Funktionieren unserer Gesellschaft unverzichtbar, das hat uns die Corona-Pandemie klar vor Augen geführt. Diese so genannten systemrelevanten Berufe halten unser Land und die Wirtschaft am Laufen. Eine Million Menschen arbeiten in Österreich in systemrelevanten Berufen, zwei Drittel davon sind Frauen.

Die Entlohnung ist im Vergleich zu anderen Branchen niedrig. So haben sieben von zehn Beschäftigten in frauentypischen systemrelevanten Berufen ein Netto-Einkommen (inklusive Beihilfen und Unterhaltszahlungen) von unter 1.800 Euro.

„Für ihren mutigen Einsatz und ihre Loyalität unter erhöhtem Ansteckungsrisiko verdienen die Menschen mehr Wertschätzung und echte finanzielle Anerkennung.“

Johann Kalliauer

Wie groß der Arbeitseinsatz und die Belastung sind, das zeigt eine aktuelle Auswertung des Arbeitsklima-Index, den das IFES gemeinsam mit der AK Oberösterreich regelmäßig erhebt. AK-OÖ-Präsident Johann Kalliauer fordert aufgrund der Ergebnisse der Umfrage: „Für ihren mutigen Einsatz und ihre Loyalität unter erhöhtem Ansteckungsrisiko verdienen die Menschen mehr Wertschätzung und echte finanzielle Anerkennung.“

Pflegeberufe

Die Beschäftigten in der Pflege rückten gleich zu Beginn der Coronakrise ins Zentrum der Aufmerksamkeit, als nämlich im Frühjahr plötzlich die ausländischen 24-Stunden-BetreuerInnen nicht mehr ohne weiteres einreisen konnten. Die dringende Nachfrage nach Arbeitskräften in dieser Branche wurde offensichtlich. In den Pflegeberufen beträgt der Frauenanteil übrigens 82 Prozent.

Die Belastungen sind stärker als in vielen anderen Berufen, nicht nur körperlich: Fast die Hälfte (46 Prozent) der Beschäftigten in der Pflege – das sind 4 Mal mehr als in anderen Berufen – empfindet die eigene Arbeit psychisch belastend. Ein Drittel klagt über Zeitdruck, ein Viertel sieht sich außerdem ständigem Arbeitsdruck und wechselnden Arbeitsabläufen ausgesetzt.

Wie in vielen Bereichen funktioniert auch hier Corona als Vergrößerungsglas für Probleme, die längst bekannt waren. Dazu gehört auch die Mehrfachbelastung durch Arbeit, Haushalt, Kinderbetreuung. Nun kam im Lockdown noch Home-Schooling dazu. Knapp die Hälfte (47 Prozent) der Frauen in systemrelevanten Berufen arbeiten Teilzeit – in der Pflege sind es 70 Prozent. Denn anders ist die Arbeitsbelastung nicht zu stemmen.  Erschwerend kommen nämlich noch unregelmäßige Arbeitszeiten wie Schicht- oder Turnusdienste und Samstagsarbeit hinzu. Im Gegensatz zu anderen Berufsfeldern gibt es naturgemäß kaum Gleitzeitregelungen.

Und während im ersten Lockdown bis zu einem Drittel der Beschäftigten in Österreich ins Home-Office wechseln konnte, war das für Frauen in systemrelevanten Berufen nicht möglich. Neun von zehn Frauen müssen am üblichen Arbeitsort tätig sein. Entsprechend groß ist auch die Angst, sich mit dem Virus anzustecken.

BetriebsrätInnen schlagen Alarm

Die Mischung aus Überlastung, Angst und zusätzlichen Problemen wie dem Maskentragen, hat im November zu einem Appell der in der GPA organisierten Tiroler BetriebsrätInnen aus dem Pflege-, Gesundheits- und Sozialbereich an die politischen Verantwortlichen geführt. Psychisch stoßen mittlerweile alle an ihre Grenzen, die Corona-Krise hat die ohnehin schwierige Situation nochmals verschärft. Und: das stundenlange Tragen der MNS-Masken hinterlässt Spuren. Gefordert werden daher Masken-Pausen sowie eine Neuauflage der Corona-Zulage.

„Wir alle haben große Angst, das Virus ins Heim zu tragen. Wir haben Familien, eine hundertprozentige Sicherheit kann niemand der Beschäftigten garantieren. Mit dieser riesigen Verantwortung werden wir komplett allein gelassen.“

Margit Luxner, Betriebsratsvorsitzende in einem Pflegeheim

Margit Luxner, Betriebsratsvorsitzende in einem Kitzbüheler Altenpflegeheim, beschreibt die Lage wie folgt: „Wir alle haben große Angst, das Virus ins Heim zu tragen. Wir haben Familien, eine hundertprozentige Sicherheit kann niemand der Beschäftigten garantieren. Mit dieser riesigen Verantwortung werden wir komplett allein gelassen.“ Zugleich wurden durch den Lockdown die Möglichkeiten zur Freizeitgestaltung und damit der Ausgleich zum Arbeitsalltag stark beschränkt. Luxner: „Wir wissen nicht mehr, wie wir mit unseren Emotionen umgehen sollen!“

Gleichzeitig – fast möchte man sagen: trotzdem – ist eine hohe Identifikation mit dem Pflegeberuf zu beobachten: 88 Prozent der PflegerInnen geben an, dass sie mit der Art und dem Inhalt ihres Berufs zufrieden sind, das sind sieben Prozentpunkte mehr als in anderen Berufen. Und 82 Prozent würden wieder im selben Betrieb zu arbeiten beginnen. Aber: Vier von zehn sind in Sorge, ob sie bis zur Pension durchhalten.

Die Folgen der extremen Belastungen werde sich womöglich erst nach der Krise zeigen, glaubt Luxner: „Ich befürchte, dass danach viele den Job hinschmeißen, in Frühpension gehen oder Stunden reduzieren. Wir alle machen unsere Arbeit gerne, aber wenn man so ausgebrannt ist wie jetzt, geht eigentlich nichts mehr.“

Forderungen Pflegeberufe

Anfang dieses Jahres konnte die GPA (gemeinsam mit der Gewerkschaft vida) in schwierigen Verhandlungen die Arbeitsbedingungen und das Gehalt von Beschäftigten im Pflege-, Betreuungs- und Sozialbereich verbessern. Beschäftigte im Kollektivvertrag „Sozialwirtschaft Österreich“ bekommen mit Januar 2021 2,08 Prozent mehr Gehalt.

GPA- Chefverhandlerin Eva Scherz sieht das Gehaltsplus in der Krisensituation im Vergleich zu anderen Branchen als einen deutlichen Gewinn: „Der dreijährige Abschluss zu Anfang dieses Jahres war zum klaren Vorteil der Beschäftigten.“ Dazu kommt ein weiterer Verhandlungserfolg, nämlich die 37-Stunden-Woche ab 2022.

„Die Pflegeberufe müssen attraktiver werden, sowohl von der Arbeitszeit her, als auch was die Bezahlung angeht.“

Eva Scherz, Verhandlerin für den Sozialwirtschaftskollektivvertrag

„Unser Ziel ist nach wie vor eine weitere Senkung der Wochenarbeitszeit bei vollen Gehaltsausgleich“, betont Eva Scherz. „Die Pflegeberufe müssen attraktiver werden, sowohl von der Arbeitszeit her, als auch was die Bezahlung angeht.“

Österreichs Bevölkerung wird immer älter, daher steigt auch die Nachfrage nach Pflegekräften. Laut einer Studie des Sozialministeriums besteht bis 2030 landesweit  ein Bedarf an 76.000 weiteren PflegerInnen. Zurzeit werden Arbeitslosen – darunter auch Menschen, die durch Corona ihren Job verloren haben – Umschulungen auf Pflegeberufe angeboten. Eine sinnvolle Initiative? „Die Branche sucht dringend nach mehr Personal! Das Angebot an offenen Stellen ist da, und das wird sich so schnell sicher nicht ändern, im Gegenteil. Arbeiten in der Pflege ist zukunftssicher,“ ist Scherz überzeugt.

PädagogInnen

Nicht nur die Pflegeberufe klagen über fehlende Arbeitskräfte, auch in den Kindergärten fehlen PädagogInnen. Nur so können die Gruppen verkleinert und die Qualität der pädagogischen Arbeit sichergestellt werden. In Kindergärten arbeiten 87 Prozent Frauen.

Für die Beschäftigten in privaten Einrichtungen für Kinderbildung oder Kinderbetreuung konnte die GPA 300 Euro Corona-Gefahrenzulage ausverhandeln. Beim Mindesttarif konnte eine Anhebung von 3 Prozent erreicht werden.

Trotzdem bleiben noch etliche Baustellen offen: so benötigen die Kindergärten endlich bundeseinheitliche Rahmenregelungen, die PädagogInnen brauchen mehr Zeit für die Vor- und Nachbereitung ihrer Arbeit mit den Kindern, und natürlich braucht es den kontinuierlichen Ausbau der Bildungs- und Betreuungseinrichtungen. Und entsprechend auch: eine Personaloffensive. „Seit Jahren schon fordern wir kleinere Gruppen und mehr Personal. Ich glaube, durch Corona wird jetzt endlich sichtbar, was diese Pädagoginnen leisten“, betont Eva Scherz. „Trotz Lockdown müssen die Kindergärten geöffnet bleiben, anders ist es nicht möglich. Hygiene, Abstand halten, das alles ist mit Kindergartenkindern eine ständige Herausforderung. Die Beschäftigten geraten an ihre Grenzen!“

Einzelhandel

Auch der Einzelhandel ist eine Branche, wo überwiegend Frauen arbeiten (85 Prozent) und die ihren Beschäftigten im Lauf der Krise einiges abverlangt hatte. Während die Supermärkte und Drogeriemärkte durchgehend geöffnet hatten und die Beschäftigten dort einem erhöhten Risiko der Ansteckung ausgesetzt waren, mussten die nicht lebensnotwendigen Geschäfte während der beiden Lockdowns schließen.

Der letzte KV-Abschluss im Oktober trug diesen besonderen wirtschaftlichen Bedingungen Rechnung und brachte ein Gehaltsplus von 1,5 Prozent, verbunden mit der Aufforderung der Sozialpartner an jene Betriebe, die es sich leisten können, eine Corona-Prämie von mindestens 150 Euro an die Beschäftigten auszuzahlen. Davon wird jede/r vierte Beschäftigte profitieren. „Der Handel hilft sich damit selbst, denn Handelsangestellte sind auch Konsumenten“, sagt Anita Palkovich, KV-Verhandlerin der GPA. Die großen Supermarktketten Österreichs bekannten sich durchgehend zu dieser Vereinbarung der Bonuszahlungen.

Aktuell zeigt jedoch die Debatte um die Sonntagsöffnung im Advent, wie wenig Bewusstsein bei vielen Arbeitgebern herrscht, wenn es um die Belastbarkeit der Beschäftigten geht. Die GPA hat hier seit Jahren eine klare und strikte Haltung dagegen. „Wir haben die Handelsangestellten dutzendfach zur Sonntagsöffnung befragt, diese wird mit großer Mehrheit abgelehnt,“ betont GPA-Vorsitzende Barbara Teiber.

Corona hat all diesen systemrelevanten Frauen jedoch nicht nur Stress bereitet, sondern auch Wertschätzung gebracht. Auch wenn rund ein Viertel dieser Frauen glauben, dass sie von der aktuellen Krise härter getroffen werden als andere Beschäftigte, so finden doch auch 57 Prozent von ihnen, dass ihre Arbeit jetzt mehr respektiert wird als vor der Krise, so das Ergebnis des Arbeitsklima-Index.

Der große Knackpunkt aber ist und bleibt das Einkommen diese Frauen: Fast 70 Prozent berichten, dass sie weniger als 1.800 Euro verdienen, bei 12 Prozent sind es sogar weniger als 900 Euro. Kein Wunder, dass fast zwei Drittel angeben, dass ihr Einkommen „gerade so“ oder gar nicht zum Überleben reicht. Erschreckend auch, dass mehr als drei Viertel befürchten, dass sie mit ihrer späteren Pension nicht auskommen werden.

AK-Präsident Johann Kalliauer fordert daher mehr Wertschätzung und vor allem auch finanzielle Anerkennung für diese Beschäftigten: „Ohne sie wäre es finster in unserem Land, das Gesundheitssystem würde zusammenbrechen, die Versorgung mit lebensnotwendigen Gütern kollabieren. Dass sie dafür Applaus ernten, ist nett. Davon können sie aber nicht leben“, kritisiert Kalliauer und fordert: „Darum ist es höchste Zeit für den Corona-Tausender, eine Erhöhung aller Mindestlöhne auf 1.700 Euro und des Arbeitslosengeldes auf 70 Prozent des Letztbezugs, damit auch jene besser abgesichert sind, die in der Krise ihren Job verloren haben.“

Wir Kämpfen für bessere Arbeitsbedingungen in den Kindergärten und Kindergruppen.
Kinder brauchen qualitativ hochwertige Betreuung, deshalb fordern wir:
– Einheitliche Regelungen für ganz Österreich
– Eine bessere finanzielle Ausstattung für die Kinderbetreuung
– Ausreichende Vor- und Nachbereitung
– Einen besseren Erwachsenen-Kind-Schlüssel in den Gruppen
Wenn du unseren Kampf um bessere Arbeitsbedingungen und mehr Ressourcen im Kindergarten unterstützen möchtest, dann kannst du unsere Petition unterzeichnen.

Scroll to top