Von der Freude, Struktur zu schaffen

Foto: Rettet das Kind NÖ

Bei „Rettet das Kind“ begleitet Elfi Gravogel junge Menschen. Als Betriebsratsvorsitzende setzt sie auf die nötige Arbeitszeitverkürzung, um die immer höher werdenden Ansprüche  gut zu bewältigen.

„Ich wollte eigentlich Kindergärtnerin werden“, erklärt Elfi Gravogel, doch ihre Tante, die selber Elementarpädagogin war, riet ihr davon ab: „Mach das nicht, da wirst du später schwer eine Arbeit finden“, warnte die Tante. So ging Elfi als Teenager erst einmal auf die HWL (Höhere Bundeslehranstalt für wirtschaftliche Berufe). Nach ihrer Matura war für die Niederösterreicherin aber klar: „Ich will unbedingt mit Kindern und Jugendlichen arbeiten“. Gravogel absolvierte das Institut für Sozialpädagogik in Wien. Nun ist sie seit 18 Jahren als Sozialpädagogin bei „Rettet das Kind“ angestellt. Mehrmals in der Woche fährt sie dafür von ihrem Heimatort Hohenberg, nach Judenau, eine Gemeinde im Bezirk Tulln, dort ist die Zentrale von „Rettet das Kind Niederösterreich“. Obwohl das 75 Kilometer in einer Richtung sind, sagt sie: „Ich habe diese Berufswahl nie bereut“.

„Ich habe das Glück, junge Menschen durch Lebensabschnitte begleiten und sie auf ein eigenständiges, selbstbestimmtes Leben vorbereiten zu können.“

Elfi Gravogel

Begleitung junger Menschen

„Rettet das Kind“ betreut Kinder, Jugendliche und Familien im Auftrag der Kinder- und Jugendhilfe. Familien in der Krise werden dabei professionell unterstützt, etwa durch eine mobile Betreuung. Kommt es im Zusammenleben zu Konflikten, die zu Hause nicht lösbar sind, dann können Jugendliche auch in Wohngemeinschaften aufgenommen werden.

Eine solche betreut Elfi Gravogel. Das kann durchaus Spaß machen. „Ich habe das Glück, junge Menschen durch Lebensabschnitte begleiten und sie auf ein eigenständiges, selbstbestimmtes Leben vorbereiten zu können.“ Gravogel hilft dabei den Teenagern Struktur in den Alltag zu bringen – das reicht von regelmäßigen Fixpunkten wie dem gemeinsamen Abendessen bis zur Anleitung, wie der Haushalt erledigt werden kann. „Geduld schadet dabei nie“, weiß sie. Die meisten ihrer Zöglinge sind zwischen 15 und 18 Jahre alt, in diesem Alter werden die wesentlichen Weichen für die Zukunft gestellt. Eine möglichst gute Ausbildung ist dabei ein wichtiger Punkt. Nicht alle wollen das kapieren, da gibt es durchaus Konflikte. Aber ehemalige Zöglinge sagen ihr heute: „Vielleicht habe ich es damals nicht so gesehen, aber jetzt bin ich dankbar für das, was wir von euch mitbekommen haben“.

Ein hartnäckiger Stempel

Denn Elfi Gravogel setzt sich für ihre Zöglinge auch leidenschaftlich ein. An ihrem Arbeitsplatz in Judenau wurde ursprünglich ein „klassisches Kinderheim“ betrieben. Das ist zwar schon Jahrzehnte her, dieser Stempel ist jedoch bis heute noch nicht gänzlich verblasst. „Wenn es im Ort oder in der Schule Schwierigkeiten gibt, dann heißt es gleich: das waren sicher die Heimkinder“, zeigt sich Gravogel ob des Klischees verärgert. „Allein der Begriff Heimkinder jagt mir schon einen kalten Schauer über den Rücken“.

Kein 9 bis 17 Uhr Job

Seit 2019 ist sie als Betriebsratsvorsitzende für rund 270 MitarbeiterInnen verantwortlich. Die Belegschaft wendet sich oft mit Fragen an sie. Dabei geht es häufig um Mutterschutz, Karenz, Eltern- und Altersteilzeit und Arbeitszeitregelungen. „In unserem Bereich gelten andere Bestimmungen als in einem typischen 9 bis 17 Uhr Job.“ Für die „Rettet das Kind“-MitarbeiterInnen ist sie auch am Wochenende erreichbar: „Die Leute wissen, wenn es akut wird, können sie sich bei mir melden“, versichert die Betriebsratsvorsitzende, die nicht freigestellt ist. „Mir gefällt mein Beruf so gut, dass ich so lange wie möglich beide Aufgaben erfüllen möchte.“ Doch seit Jahren werden die Arbeitsinhalte immer anspruchsvoller: „Wir sind immer mehr mit psychiatrischen Fällen konfrontiert – Corona hat es nicht leichter gemacht“. Oft waren KollegInnen freiwillig rund um die Uhr im Dienst, in voller Schutzausrüstung und das zwölf Tage lang.

„Was auffällt, ist, dass manche den Beruf aufgeben und sagen: das gebe ich mir nicht, das ist zu hart und so habe ich mir das nicht vorgestellt.“

Elfi Gravogel

Viele Jugendliche hatten zwar Verständnis für die Einschränkungen doch die Maßnahmen gingen ihnen zusehends auf die Nerven und wurden nur unter großer Anstrengung der Betreuenden akzeptiert. „Das sind natürlich Herausforderungen, die wir so bisher nicht gekannt haben – und gerade für BerufseinsteigerInnen war das extrem“, erklärt Elfi Gravogel. „Wenn man in seiner Rolle als Sozialpädagoge noch nicht so sattelfest ist, ist es umso schwieriger.“ Ist die Fluktuation in diesem Berufsfeld ohnehin hoch, so hat die Covid-19-Pandemie die Personalsituation nur noch verschärft. „Es war immer schon so, dass KollegInnen in eine andere Einrichtung wechseln“, weiß die Betriebsratsvorsitzende. Dass Menschen 40 Jahre im gleichen Betrieb arbeiten, ist heute eher selten. „Was aber auffällt, ist, dass manche den Beruf aufgeben und sagen: das gebe ich mir nicht, das ist zu hart und so habe ich mir das nicht vorgestellt.“

Wöchentlich finden Teamsitzungen statt, wo sich die MitarbeiterInnen mit der pädagogischen Leitung austauschen, zumindest einmal pro Monat gibt es eine Gruppen-Supervision und auch die Möglichkeit zur Einzelsupervision. Doch gerade in Zeiten hoher Belastung wird abgewogen. „Setze ich mich jetzt mit meiner spärlichen Freizeit noch wohin, oder nutze ich die Stunde und bleibe einfach zuhause, weil ich nicht noch einen Termin schaffe“, erklärt Gravogel. „Wenn die Belastung schon hoch ist, ist das wie eine Spirale.“

Vereinbarkeit schaffen

Schon jetzt gibt es kaum noch KollegInnen, die Vollzeit arbeiten. „Bei den jüngeren hat generell ein Umdenken stattgefunden – da ist die Arbeit nicht mehr alles im Leben“, erklärt Gravogel und setzt auf Arbeitszeitverkürzung als Abhilfe. „Unser Beruf, ist nur sehr schwierig mit der Familie zu vereinbaren – eine Arbeitszeitverkürzung würde wirklich viel bringen.“ Das würde genug Raum schaffen, um sich zu erholen und Zeit für ein eigenes Leben zu haben, denkt die Betriebsratsvorsitzende. Bei ihren Anliegen wird sie von der GPA unterstützt „Sie ist ein großer Halt für mich, und bringt mich auch fachlich weiter“ So hat sich die Betriebsrats-Vorsitzende, im Mai mit einem Arbeitsrecht-update fit gemacht. „Wann immer es Probleme gibt, kann ich mich bei GPA-Regionalsekretärin Gabriele Heider melden“, bestätigt Gravogel. „Ich fühle mich bei ihr gut aufgehoben.“

Auch mit ihrem Ehemann Helmut kann sie über arbeitsrechtlich Probleme diskutieren, denn er ist ebenfalls Betriebsrat und arbeitet in der Metallbranche. In ihrer Freizeit trifft man beide oft gemeinsam, wenn sie durch die Gegend radeln. Weitere Hobbys sind der eigene Garten und historische Romane. Derzeit liest sie Ken Follets „die Säulen der Erde“.

Schwierige Beziehung gemeistert

„Unsere Arbeit ist in der Gesellschaft zu wenig bekannt“, sagt Elfi Gravogel zum Schluss. Gemeinsam mit einer Kollegin hat Gravogel vor kurzem ein Mutter-Tochter-Gespann getroffen. „Wir haben sie bis 2020 betreut, sie hatten eine ganz schwierige Beziehung zueinander. Es war nicht immer einfach, aber sie schaffen es jetzt gut miteinander auszukommen.“ Und die Tochter ist inzwischen gut ins Leben gestartet. Sie hat nun eine eigene Wohnung und eine feste Arbeit. Bestärkung, Zuhören Struktur und Geduld können durchaus viel bewirken.

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