Arbeiten darf nicht arm machen

Andrea Fritz ist mobile Heimhilfe in Wien. Auf dem Weg zu KlientInnen legt sie jedes Monat 500 bis 600 km mit ihrem privaten Auto zurück.
Foto: Nurith Wagner-Strauss

Beschäftigte, die ihr Privatauto im Job nutzen müssen, können sich angesichts der extrem hohen Benzinpreise das Arbeiten bald nicht mehr leisten. Die Gewerkschaft GPA fordert daher eine sofortige Anhebung des amtlichen Kilometergeldes von 42 auf 60 Cent pro Kilometer.

„Die Kosten für Treibstoffe, aber auch für Wohnen, Grundnahrungsmittel und Energie steigen seit Monaten“, kritisiert GPA-Vorsitzende Barbara Teiber. Durch die rapiden Preisanstiege sei die Schmerzgrenze für die ArbeitnehmerInnen längst erreicht, das Leben werde für viele Beschäftigte unleistbar: „Die hohen Spritkosten sind durch das Kilometergeld längst nicht mehr abgedeckt. Das Kilometergeld muss dringend angehoben werden.“

„Wenn es teurer wird seine Beschäftigten mit dem Privatauto herumzuschicken, dann macht es für vielleicht für immer mehr Arbeitgeber Sinn, stattdessen das Klimaticket zu bezahlen.“

Barbara Teiber

Seit 14 Jahren, also seit 2008 wurde das amtliche Kilometergeld nicht mehr an die Inflation angepasst. Für die Betroffenen bedeutet dies aufgrund der massiv gestiegenen Preise tausende Euro an Mehrkosten, die nicht abgegolten wurden.

Eine Erhöhung ist längst überfällig

Barbara Teiber befürchtet, dass die Beschäftigten im wahrsten Sinne des Wortes draufzahlen: „Arbeiten darf nicht arm machen. Es ist unverständlich und ungerecht, dass die Spritpreise und die Erhaltungskosten für ein Auto explodieren, die Regierung das Kilometergeld aber unverändert lässt.“

Befürchtungen, eine Anhebung des Kilometergeldes könnte ein Anreiz zur stärkeren Nutzung des Autos sein, teilt Teiber nicht: Wenn das Kilometergeld steigt, wird es für Dienstgeber attraktiver, andere Arten der Mobilität, beispielsweise die Tickets für öffentliche Verkehrsmittel, zu fördern. Die GPA-Chefin sieht hier auch einen ökologischen Anreiz für ein höheres Kilometergeld: „Wenn es teurer wird seine Beschäftigten mit dem Privatauto herumzuschicken, dann macht es für vielleicht für immer mehr Arbeitgeber Sinn, stattdessen das Klimaticket zu bezahlen.“ Ab einem jährlichen Weg von 1.825 Kilometern würde sich nach der Anhebung des Kilometergelds das Umsteigen auf Öffis mit dem Klimaticket rentieren.

Viele Menschen sind in ihrem Arbeitsalltag auf die Nutzung des eigenen Autos angewiesen. Sie könnten ihren Job ohne Auto gar nicht ausüben. Das Kilometergeld soll ihre Aufwände für Fahrten im Auftrag des Arbeitgebers abgelten. Wenn das Kilometergeld nicht mit der Teuerung steigt, dann führt das dazu, dass Beschäftigte mit ihren PKW-Kosten den Arbeitgeber unterstützen. Dazu kommt, dass im Kilometergeld nicht nur die Spritpreise, sondern auch Kosten für Werkstatt oder Service mit eingepreist sind: „Die Teuerungswelle der letzten Monate hat für die betroffenen Berufsgruppen zu massiven Mehrkosten geführt. Eine Anhebung auf 60 Cent entspräche dem PKW-Index seit 2008, also jenem Teil der Inflation, der sich auf das Auto bezieht“, erklärt Teiber.

Mobile Pflege besonders betroffen

Eine Branche, in der viele auf das Auto angewiesen sind, ist die mobile Pflege und Betreuung: Eine Öffi-Nutzung ist hier oft nicht rentabel. Die weiten Wege in den Flächenbezirken in Wien aber auch in ländlichen Regionen sind ohne Auto gar nicht zurücklegbar. Dazu kommt, dass die Pflegekräfte auch Material transportieren müssen.

Für Andrea Fritz, die als mobile Heimhilfe in Wien arbeitet, sind die gestiegenen Benzinkosten eine spürbare und langfristig nicht verkraftbare Belastung: „Ich bin beruflich viel unterwegs, rund 500 bis 600 Kilometer muss ich pro Monat zurücklegen um zu meinen KlientInnen zu kommen. Ein- bis zweimal pro Monat muss ich tanken, das hat früher rund 45 Euro gekostet, jetzt sind es 64 Euro. Das ist spürbar!“

Fritz kann sich ihre Wege nicht aussuchen, die zu betreuenden Menschen wohnen in ganz Wien verstreut: „Ich wohne im 14. Bezirk, wenn ich von dort in den 23. Bezirk fahren muss und danach in den 21., dann sind das schon gewaltige Strecken.

Das Gehalt der alleinerziehenden Mutter eines Teenagers wird aufgrund der aktuellen Teuerungen knapp: „Die steigenden Benzinpreise wurden gar nicht berücksichtigt und sind für mich eine gehörige finanzielle Belastung.“

„Wir verzichten auf einiges, kaufen weniger Kleidung und günstige Lebensmittel ein. Das ist nicht schön.“

Andrea Fritz

Trotz der Mehrbelastung kann Fritz auf das Auto nicht verzichten, die vielfältigen Wege wären mit öffentlichen Verkehrsmitteln nicht zu bewältigen, zum zeitigen Dienstbeginn fährt teilweise gar kein Bus in die entlegenen Regionen der Stadt.: „Ich bin auf das Auto angewiesen. Ich habe einiges an Material dabei, Verbandszeug, Patschen und einen Rucksack. Viele Wohnorte in den Randbezirken sind öffentlich kaum oder gar nicht erreichbar. Da müsste ich all meine Sachen dann noch durch die ganze Stadt schleppen.“
Fritz muss also versuchen, mit weniger Geld über die Runden zu kommen, das monatliche Budget ist durch die hohen Spritkosten stark belastet: „Wir verzichten auf einiges, kaufen weniger Kleidung und günstige Lebensmittel ein. Das ist nicht schön.“

Auch auf Erspartes musste die Familie bereits zurückgreifen: „Sonst geht sich das Leben nicht mehr aus.“ Besuche in Restaurants sind für die 55-Jährige aktuell nicht möglich: „Das ist finanziell einfach nicht drinnen, wir kochen immer selbst.“

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