„Mit der Gewerkschaftsarbeit auf die Welt gekommen“

Foto: Nurith Wagner-Strauss

Betriebsratsvorsitzender Franz Koskarti sieht die Beschäftigten der Sozialversicherung als wichtige Botschafter der sozialen Sicherheit. Bei Projekten will er konkrete Veränderungen mitgestalten anstatt das „Feigenblatt“ zu sein. Bei der Umsetzung der Organisationsreform müsse mehr auf die Bedürfnisse der Belegschaft gehört werden.

Franz Koskarti ist Mitglied des Zentralbetriebsrates der Österreichischen Gesundheitskasse und Vorsitzender des Angestelltenbetriebsrates in der Landesstelle Wien, der ehemaligen Wiener Gebietskrankenkasse. Als solcher vertritt er auf Wiener Ebene die Interessen von rund 2.500 Beschäftigten in der Verwaltung, den acht Gesundheitszentren und den 12 Kundenservice-Stellen in Wien. Als Zentralbetriebsrat vertritt er insgesamt 13.000 Bedienstete der Gesundheitskasse.

Die Bindung zur Sozialversicherung erfolgte schon in jungen Jahren: nach der Pflichtschule absolvierte der Wiener eine Lehre zum Bürokaufmann in der Pensionsversicherungsanstalt der Angestellten. Die Bedeutung der sozialen Sicherungssysteme war Koskarti von klein auf bewusst – beide Eltern waren in der Sozialversicherung beschäftigt. Auch mit der ArbeitnehmerInnen-Interessenvertretung kam er von Kindesbeinen an in Berührung: „Ich bin mit der Gewerkschaftsarbeit auf die Welt gekommen. Mein Vater war Betriebsrat in der Krankenkasse, mein Großvater Zentralbetriebsrats-Vorsitzender der ÖBB-Zentralwerkstätte Floridsdorf. Innerhalb der Familie wurden viele Ereignisse aus der Zwischenkriegszeit diskutiert, Koskarti bekam ein Gespür für die Mechanismen und die Wirksamkeit der gewerkschaftlichen Arbeit: „Mein Vater hat mich dann auch oft zu Sitzungen der ArbeitnehmerInnen-Vertretung mitgenommen.“

Jugendvertrauensrat auf Augenhöhe mit dem Dienstgeber

Gleich zu Beginn seines Arbeitslebens meldete sich Koskarti zum Jugendvertrauensrat, die Reibungsflächen mit dem Dienstgeber hat er immer „genossen“: „Durch meine Funktion hatte ich bereits in jungen Jahren die Chance, mit meinem Arbeitgeber auf Augenhöhe zu kommen und Veränderungen anzustoßen. Das hat mir totalen Spaß gemacht und mich beflügelt.“ Besonders spannend fand er, dass es sogar in einem gewerkschaftlichen und sozialen Betrieb wie der Pensionsversicherung zahlreiche Reibungsflächen mit dem Dienstgeber gab.

Fotos: Nurith Wagner-Strauss

Ausreichende Umstände für Verbesserungen des Arbeitsalltags und der Arbeitsbedingungen fand Koskarti auch nach dem Ende seiner Lehrzeit, als er in die Beitragsabteilung der Wiener Gebietskrankenkasse wechselte und zunächst als Ersatzmitglied des Betriebsrates fungierte: „Ich habe bei einigen wichtigen Betriebsvereinbarungen – zur Einführung der Gleitzeitregelung, Bedingungen der Nachteinsätze der BeitragsprüferInnen im Rahmen der gemeinsamen Prüfung mit den Finanz- und Gewerbebehörden von Nachtlokalen und dergleichen sowie zur elektronischen Zeiterfassung – mitgearbeitet, bin in meine Rolle hineingewachsen und habe 1999 ein Mandat als aktiver Betriebsrat angenommen.“

In den folgenden Jahren baute er sich zahlreiche wichtige Kontakte auf und vernetzte sich „über die Generaldirektion bis tief in die Gewerkschaft hinein mit wichtigen Fachleuten und Entscheidungsträgern“.

Kommunikationstechnologie als Herausforderung

Koskarti erkannte in dieser Zeit, dass die Herausforderungen der Informations- und Kommunikationstechnologie zentrale Handlungsfelder für Betriebsräte sind, wenn es darum geht, die Rechte der ArbeitnehmerInnen im Rahmen der sich verändernden Arbeitsbedingungen abzusichern.

„Da braucht es Schutz für die KollegInnen – klare Regelungen und Grenzen, die unsere MitarbeiterInnen davor bewahren, dass der Dienstgeber Daten und elektronische Profile über das PC-Nutzungsverhalten der AnwenderInnen einsieht und benutzt.“

Franz Koskarti

Mit der Umorganisation der Sozialversicherung wurde die Wiener Gebietskrankenkasse zur Landesstelle, Koskarti stieg als Mitglied der sozialdemokratischen GewerkschafterInnen zum Betriebsratsvorsitzenden auf. Sein Fokus liegt unter anderem wieder im Bereich der Auswertung von – durch die immer intensivere Nutzung der Informations- und Kommunikationstechnologien – unerschöpflich vorhandenen MitarbeiterInnendaten durch die DienstgeberInnen. Mitarbeiterprofile und automatisierte Auswertungen sind in der digitalisierten Arbeitswelt auf Knopfdruck möglich und lassen für den Arbeitgeber unter anderem Rückschlüsse auf die Aufmerksamkeit seiner Bediensteten, beispielsweise während einer Videokonferenz, zu: „Da braucht es Schutz für die KollegInnen – klare Regelungen und Grenzen, die unsere MitarbeiterInnen davor bewahren, dass der Dienstgeber Daten und elektronische Profile über das PC-Nutzungsverhalten der AnwenderInnen einsieht und benutzt.“

Verschärfte Arbeitsbedingungen

Auch die Arbeitsbedingungen in den 12 Kundenservice-Stellen der Landesstelle Wien hat Koskarti fest im Blick: „Der Umgang der Versicherten mit unseren MitarbeiterInnen wird schon seit Jahren immer aggressiver – die Pandemie hat diese Entwicklung verstärkt, nun ist die Situation wirklich grenzwertig.“ Verbale Übergriffe fänden regelmäßig statt, auch vor Tätlichkeiten und Verwüstungen schrecken viele Ratsuchende nicht zurück: „Die KollegInnen in der ´ersten Reihe´ sind nicht umfassend genug geschützt – hier hat der Dienstgeber uns im Stich gelassen und nicht immer so gehandelt, wie es aus Sicht der MitarbeiterInnen geboten wäre. Erst nach schwerwiegenden Vorfällen und aggressiven Ausbrüchen von Versicherten in diversen Dienststellen gab es eine Reaktion.“ So sei es keine Seltenheit, dass KollegInnen angespuckt würden oder massiven Bedrohungen ausgesetzt seien.

„Die KollegInnen in der ´ersten Reihe´ sind nicht umfassend genug geschützt – hier hat der Dienstgeber uns im Stich gelassen und nicht immer so gehandelt, wie es aus Sicht der MitarbeiterInnen geboten wäre. Erst nach schwerwiegenden Vorfällen und aggressiven Ausbrüchen von Versicherten in diversen Dienststellen gab es eine Reaktion.“

Franz Koskarti

Koskarti will das Konzept des niederschwelligen Beratungsangebotes erhalten, es brauche aber Maßnahmen um körperliche Übergriffe auf Bedienstete zu verhindern: „Verglasungen bieten einen gewissen Schutz, ganz ohne weitere bauliche Barrieren oder einen zusätzlichen Sicherheitsdienst wird es in vielen Bereichen aber langfristig nicht weitergehen. Bei sachlichem Unverständnis oder einer abgelehnten Leistung entlädt sich der Unmut mancher Versicherten bedauerlicherweise auf den anwesenden Beschäftigten.“

Bemühungen für eine höhere MitarbeiterInnen-Sicherheit in den Servicecentern seien bislang immer im Sand verlaufen: „Ich wünsche mir, dass hier konkrete Konzepte ausgearbeitet werden, anstatt uns Betriebsräte und die KollegInnen immer weiter zu vertrösten.“

Zusammenlegung brachte Sand ins Getriebe

Einen gewissen Stillstand habe die Fusion der Sozialversicherungsträger vor zwei Jahren gebracht: „Da ist viel Sand im Getriebe. Zahlreiche Prozesse und interne Abläufe wurden umgestellt, dafür bräuchte es eine längere Übergangszeit, während der Schnittstellen und Übergänge laufend verbessert werden.“ In manchen Fällen wird sogar auf die langjährige Erfahrung und Expertise der Kollegenschaft verzichtet.“

Hier fehlt es den BelegschaftsverterterInnen an „ernsthaften Mitbestimmungsmöglichkeiten: Wir werden als Betriebsräte zwar wahrgenommen, aber ich wünsche mir, dass sich unser Dienstgeber die Meinung der BetriebsrätInnen und GewerkschafterInnen nicht nur anhört, sondern auch mitnimmt, uns in die Umsetzung von Veränderungen aktiv einbindet und damit auch ernsthaft Platz für Korrekturen vorsieht – Eben auch, wenn da was vom Betriebsrat kommt.“

Schlechte Kommunikation zwischen Dienstgeber und BetriebsrätInnen

Die Kommunikation sei derzeit schleppend und schlecht: „Es ist eher nicht gewünscht, dass Betriebsräte vor Ort gewisse Standards einfordern. Wir sind zwar in Projektgruppen involviert, ich will aber erreichen, dass wir in den Projekten tatsächlich mitarbeiten und auch lenkend mitentscheiden können. Ich möchte kein Feigenblatt sein.“

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Wenn es bei dir im Betrieb mindestens 5 Beschäftigte gibt, kann eine Betriebsratswahl stattfinden. Dein Chef/deine Chefin, darf die Wahl nicht behindern. Als Betriebsrätin/Betriebsrat hast du einen
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Die Organisationsreform habe die Tätigkeitsbereiche vieler KollegInnen „verändert, bestehende Aufgabengebiete wurden einfach durchgeschnitten und aufgeteilt: Nun müssen viele MitarbeiterInnen Arbeiten erledigen, die sie vorher gar nicht oder nicht in dieser Form oder dieser Intensität durchführen mussten. Da kämpfen wir mit teils massiven Reibungsverlusten und Unzufriedenheiten.“ Bei einer so großen Umstrukturierung dürfe es kein „Drüberfahren nach dem Motto `friss oder stirb´ geben: Die Sorgen der KollegInnen müssen sehr ernst genommen werden. Verständnis aus der Chefetage muss sich spürbar bemerkbar machen und darf kein Lippenbekenntnis bleiben.“

Allgemein haben sich die Arbeitsbedingungen vieler MitarbeiterInnen nicht zuletzt auch aufgrund der Umstrukturierungen, teilweise massiv verschlechtert: „Die Auswirkungen sind überall spürbar, im medizinischen und pflegerischen Dienst gibt es Probleme Beschäftigte zu bekommen. Die Fluktuation unter den neu-eingestellten MitarbeiterInnen beträgt in manchen Bereichen nahezu 50 Prozent: „Es gibt wahnsinnig viel Nachfrage nach Beratung – und das über alle Kanäle. Bei der breit gefächerten Themenlage dauert es in den Kundenservice-Stellen bis zu einem Jahr, bis man die KollegInnen in allen Themenfeldern einsetzen kann. Oft rennen uns die Leute schon vorher davon, weil sie unter derart starkem Druck stehen.“

„Die Sorgen der KollegInnen müssen sehr ernst genommen werden. Verständnis aus der Chefetage muss sich spürbar bemerkbar machen und darf kein Lippenbekenntnis bleiben.“

Franz Koskarti

Neben raschen Maßnahmen zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen, ist aber auch die intensive Vermittlung der Werte des sozialen Sicherungssystems an all unsere MitarbeiterInnen essentiell: „Bewusstseinsbildung ist wichtig, die KollegInnen wissen dann besser, warum ihre Tätigkeit wichtig ist und bleiben auch eher im Unternehmen.“

Ansetzen müsse man daher auch bei der Dienstprüfung und „mehr Wert darauflegen, dass alle MitarbeiterInnen – nicht nur die JobanfängerInnen – die Sozialversicherung als etwas Besonderes begreifen, anstatt sich ständig verändernde Gesetzestexte auswendig zu lernen: Das ist nicht nur irgendein Job, durch die Dienstprüfung muss eine starke Bindung zur Organisation, zum solidarischen System der Sozialen Sicherheit allgemein, aufgebaut werden.“

FÜR und MIT den KollegInnen

„Mit den Menschen zu sprechen, bei und ´mit ihnen´ zu sein und sich gemeinsam mit ihnen für ihre Anliegen und Bedürfnisse einzusetzen“ ist für Koskarti die Quintessenz seiner Betriebsratstätigkeit: „Dieses Miteinander gibt mir sehr viel Kraft und Motivation.“ Der Austausch, aber auch das gemeinsame Erarbeiten sei wichtig, weil „die KollegInnen auf diesem Weg für Vorgänge sensibilisiert werden, die sie direkt gar nicht mitbekommen: Da geht es um den Ablauf von Verhandlungen, um Möglichkeiten und Grenzen in Arbeitsgruppen und um das gemeinsame Entwickeln tragfähiger Lösungen. Von oben diktierte Lösungen werden selten mitgetragen, es braucht eine gewisse Rückkoppelung.“

Zur Person:
Franz Koskarti ist 55 Jahre alt, hat zwei Kinder und lebt mit seiner Frau und dem jüngeren Kind in Wien, Floridsdorf. Neben seiner Tätigkeit als Betriebsrat setzt er sich in seinen Funktionen als Kammerrat und Gewerkschafter auch für allgemeine gesellschaftspolitische Anliegen, wie den Kampf für eine gerechte und solidarische Gesellschaft und daher ganz aktuell gegen die Teuerung und die ihr zugrundeliegenden Mechanismen der „übermäßigen Profiteure“ ein. Seine Freizeit verbringt Koskarti gerne mit seiner Familie, liest oder hält Vorträge über die Bedeutung der Sozialen Sicherheit, der Selbstverwaltung mit ArbeitnehmerInnen-Mehrheit und die Geschichte der ArbeiterInnenbewegung.

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